Weltblatt für den
Kreis 1


Gespräch mit Jennifer Palmy, städtische Liegenschaftenverwaltung
Für eine gute Durchmischung



Seit einem Jahr ist Jennifer Palmy bei der städtischen Liegenschaftenverwaltung als Teamleiterin unter anderem zuständig für den Kreis 1. Der Altstadt Kurier hat sich mit ihr unterhalten.

Jennifer Palmy, wie haben Sie Ihr erstes Jahr bei der Ligi rückblickend erlebt, welche Erfahrungen haben Sie gemacht, bezogen auf den Kreis 1?
Meine Erwartungen und Vorstellungen haben sich erfüllt: Es ist so spannend wie erwünscht. Gerade auch die Kontakte mit den Mieterinnen und Mietern von Wohnungen und Geschäftsräumen sind sehr anregend. Auch die Einarbeitung ist gut gelaufen, dank Charles Irniger, Technischer Mitarbeiter, der die Altstadt bestens kennt. Auch von Bewohnerseite her hat man es mir einfach gemacht. – Es ist für mich ein Traumjob!

Viele Leute fragen sich: Wie bloss kommt man zu einer städtischen Wohnung in der Altstadt?
Grundsätzlich wird jede Wohnung ausgeschrieben, wöchentlich im Tagblatt sowie auf dem Internetportal der Stadt Zürich.

Und wie viele Personen interessieren sich jeweils für eine solche Wohnung?
Wenn eine Wohnung noch bewohnt ist, begrenzen wir die Zahl und wählen einen «geschlossenen» Termin, das heisst, man kann in einem gewissen Zeitfenster anrufen und erfährt den Besichtigungstermin und die Adresse. Während dieser Zeit kommen jeweils etwa 40 Personen telefonisch durch. Anders bei «offenen» Besichtigungen einer leeren Wohnung. Da erscheinen jeweils bis zu 200 Personen.

Nach welchen Grundsätzen vermieten Sie denn, wie gehen Sie vor?
Der Gemeinderat der Stadt Zürich hat 1995 eine Verordnung über die Grundsätze der Vermietung von städtischen Wohnungen erlassen. Nach diesen Bestimmungen gibt es mehrere Kriterien. In der Altstadt gibt es keine subventionierten Wohnungen, wo klare Einkommens- und Vermögensgrenzen gelten. Dennoch achtet man darauf, dass diese Grössen in einem Verhältnis zur Miete stehen; dass die Wohnung bezahlbar ist und dass jemand mit einem überdurchschnittlich hohen Einkommen nicht eine günstige Wohnung erhält. Dann gibt es das Kriterium der Personenzahl für eine Wohnung, in der Regel je mehr desto besser.

Worauf sonst achten Sie, wenn Sie den Stapel Bewerbungen durcharbeiten?
Tatsächlich lese ich jede Anmeldung im Kreis 1 selber durch. Den Kreis 1 rechts der Limmat betreue ich übrigens selbst, wobei Jessica Braun für das Oberdorf und den Kreis 1 links der Limmat zuständig ist. Was mir dabei wichtig ist: Es sind nicht einfach 200 Formulare, die da liegen. Sondern dahinter stehen Menschen!

Wie gehen Sie vor?
Ein weiteres Kriterium neben den genannten ist, ob jemand bereits einen Bezug zur Altstadt hat, ihr etwa durch die Arbeit oder sonst wie bereits verbunden ist. Wir suchen Leute, die den «Spirit» in der Altstadt mittragen. Sodann geht es um die soziale Durchmischung: Junge, Alte, WGs, Familien, Alleinerziehende, Schweizer, Ausländer…

Zurück zur Auswahl: Wie gelangen Sie zu einem Entscheid?
Es ist natürlich nicht immer einfach, zu entscheiden, auch wenn nach Anwendung aller Kriterien oft nur zwei bis drei Bewerbungen übrig bleiben. Ein weiteres Kriterium stellt übrigens die Dringlichkeit dar: Wenn eine Familie mit Kindern in einer Abbruchliegenschaft lebt und raus muss, ist das anders, als wenn jemand einfach eine passendere Wohnung sucht. – Es ist also nicht so, dass wir einfach am Glücksrad drehen.

Sie sind als Teamleiterin für sechs Stadtkreise zuständig und betreuen den Kreis 1 rechts der Limmat (ohne das Oberdorf) selbst. Was ist der Grund dafür, das selbst zu tun?
Zunächst ist es wichtig, einen Teil selbst zu bewirtschaften, um den Bezug zur Basis zu behalten, am Puls des Geschehens zu bleiben. Zudem ist es ein spezieller Kreis auch deswegen, weil sich im Erdgeschoss der Häuser oft Geschäftslokalitäten befinden. Da ist die Teamleitung gefragt.

Wie reagieren Sie, wenn jemandem die Wohnung zu klein oder zu gross geworden ist, wenn sich die Lebensumstände geändert haben, wenn etwa Kinder dazukommen oder ausgezogen sind?
Bei Veränderungswünschen wegen Über- oder Unterbelegung bieten wir Hand und versuchen, einen Wohnungstausch zu ermöglichen; auch das ist in der erwähnten Vermietungsverordnung geregelt.

Wie steht es, wenn die Kinder ausziehen? Haben sie eine Chance, im Quartier bleiben zu können?
Das geht ins vorher angesprochene Thema der Verbundenheit mit der Altstadt. Wir würden ein solches Anliegen prüfen, wenn eine Bewerbung käme.

Erfahren bisherige Mieterinnen und Mieter insofern also eine gewisse Bevorzugung?
Natürlich versuchen wir, deren Wünsche wenn möglich zu berücksichtigen. Es geht uns um das Dorf in der Stadt, um eine gute Durchmischung. Und es ist uns ein Anliegen, den Zusammenhalt zu erhalten und zu fördern. Priorität erhält der Tausch von Wohnungen bei geplanten Umbauten und Über- oder Unterbelegung, gemäss der Verordnung über die Grundsätze der Vermietung.

Wie auch immer müssen Sie 199 von 200 Bewerberinnen und Bewerbern enttäuschen.
Das ist nicht einfach. Man wünschte sich, man hätte mehr Wohnungen zu vergeben. Den Schlussentscheid treffe ich übrigens immer zusammen mit der Bereichsleitung, meine Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter wiederum zusammen mit mir.

Die Stadt kennt seit 1991 die sogenannte Kostenmiete. Was versteht man darunter?
Die Kostenmiete errechnet sich aus dem Buchwert und dem Gebäudeversicherungswert und garantiert die Deckung der Kosten inklusive Rückstellungen für spätere Renovationen. Die von privaten Vermietern meistens erhobene Marktmiete liegt einiges höher. – Bei der Vermietung von Geschäftslokalitäten rechnen wir mit Marktmieten.

Was können Sie tun zur Erhaltung von günstigem Wohnraum – auch in der Altstadt?
Da die Miete die Kosten decken muss, versuchen wir, diese Kosten tief zu halten. Indem wir je nach Objekt bei einer Neuvermietung unter Umständen bewusst auf wertvermehrende Investitionen verzichten. Also im Sinn des normalen Unterhalts die Wohnung sanft instand stellen, also frisch streichen, die Böden abschleifen etc., hingegen beispielsweise auf den Einbau einer neuen Küche oder eines neuen Bades verzichten. Wir wollen die Vielfalt der Bevölkerungsschichten erhalten. Veränderungen des Referenzzinssatzes werden übrigens automatisch weitergegeben, der Mietzins nach oben oder nach unten angepasst.

Sie haben die Vermietung von Geschäftsräumen angesprochen, die ja auch in Ihrer Verantwortung liegt, die etwas anders funktioniert.
Grundsätzlich gilt für die Geschäftsräume die Marktmiete, ausser das Objekt dient dem öffentlichen Interesse oder der Quartierversorgung.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, für die Quartierversorgung wichtige Läden und Gewerbebetriebe zu erhalten und zu fördern?
Das ist mir ein grosses Anliegen, ganz wichtig, dass solche Betriebe in der Altstadt bleiben können! Wir wollen die noch bestehende Vielfalt erhalten! Wollen das Kleingewerbe und das Kunsthandwerk fördern. Wie eben erwähnt, verlangen wir hier nicht die Marktmiete, sondern begnügen uns grundsätzlich mit der Kostenmiete, mit dem kostendeckenden Mietzins. Wobei der Verbleib oder Wegzug von Handwerksbetrieben in der Altstadt auch von anderen Faktoren abhängt, wie etwa der Parkplatz- und Zufahrtssituation.

Stehen in nächster Zeit Umbauprojekte in städtischen Liegenschaften in der Altstadt an?
Nein, keine. Wir sind aber ständig daran, sanft zu renovieren, hier eine Wohnung, dort ein Treppenhaus. Das sieht man dann von aussen nicht.

Interview: Elmar Melliger

Zur Person
Jennifer Palmy Schwab ist aufgewachsen in Zürich, wohnt in Buchs, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Sie
ist seit zwanzig Jahren im Immobilienbereich tätig, für zwei Baugenossenschaften und in der Privatwirtschaft. Sie hat den eidgenössischen Fachausweis Immobilienbewirtschaftung erlangt sowie eine Ausbildung in Mediation absolviert.
Vor einem Jahr hat sie bei der Ligi die Nachfolge von Hugo Stahel angetreten. Sie ist mit ihrem Team von fünf BewirtschafterInnen zuständig für die Kreise 1, 2, 5, 6, 7 und 8. Den Kreis 1 rechts der Limmat betreut sie bis zur Kirchgasse selbst. Für das Oberdorf sowie den Kreis 1 links der Limmat (Schipfe sowie die Wohnsiedlung Selnau) ist Jessica Braun zuständig.


Die Ligi
Die städtische Liegenschaftenverwaltung vermietet in der Stadt
53 Wohnsiedlungen mit 6471 Wohnungen, wovon 2402 subventioniert sind. Dazu kommen 600 Einzelgebäude mit 2446 Wohnungen und 428 Geschäftsräumen sowie Restaurationsbetriebe.
Im Kreis 1 vermietet die Ligi 773 Wohnungen, was einem Anteil von über 20 Prozent entspricht, sowie 153 Geschäftslokalitäten.

AK


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