Weltblatt für den
Kreis 1


Abschluss der Bauarbeiten in der Helferei
Von der «Schulei» zum Kulturhaus



Endlich ist es so weit: Am ersten April-Wochenende können nach knapp zweijähriger Bauzeit dem Publikum die Türen der Helferei wieder geöffnet werden. Und das geschieht mit einem Fest. Doch werfen wir vorher noch einen Blick auf die Geschichte des Hauses.

Die renovierten Räume erstrahlen in neuem Glanz und stehen bereit zur Wiederaufnahme ihrer verschiedenen Aufgaben als Kirchgemeindehaus der Grossmünstergemeinde, als Kulturhaus mit vielseitigem Veranstaltungsangebot und als Wohnhaus mit attraktiven Wohnungen.
Der gelungene Abschluss der Arbeiten gibt Gelegenheit, einen Blick zurück auf die Geschichte des Hauses zu werfen. Von Anfang an stand dieses in engster Verbindung mit dem Grossmünster, als Pfarrhaus und als eines der vielen Chorherrenhäuser in der Umgebung der Stiftskirche. 1270 wird die Helferei urkundlich erstmals erwähnt und erscheint fortan bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts in den Steuerbüchern als Wohnsitz des Leutpriesters am Grossmünster. 1412 tauschten der Leutpriester und der Schulherr ihre Amtswohnungen.

Prominente Bewohner
Seither wird das Haus an der Kirchgasse in den Quellen «Schulhof» oder «Schulei» genannt. 1525 bezog der Reformator Huldrych Zwingli in seiner Funktion als Schulherr, die er neben dem Leutpriesteramt auch versah, die «Schulei». Dort lebte die Familie bis zum Tod Zwinglis in der Schlacht bei Kappel 1531. Das bis heute erhaltene und stilgerecht renovierte spätgotische Zwinglistübli war Teil von Zwinglis Amtswohnung. Teile seiner Täferung können dendrochronologisch in die Jahre um 1330 bis 1335 datiert werden und gehören somit zu den ältesten noch erhaltenen Teilen des Hauses. Nachfolger Zwinglis als Bewohner der «Schulei» war von 1532 bis 1564 Theodor Bibliander, Professor der Theologie am Carolinum, der Zürcher Theologenschule am Grossmünsterstift. Als Alttestamentler und Übersetzer des Korans erlangte er grosse Berühmtheit über Zürich hinaus. Nach Biblianders Tod wurde der Schulhof, von dem es damals hiess, er sei «gar alt und buwfellig» gewesen, grundlegend umgebaut mit einer bergseitigen Erweiterung, einem neuen Walmdach und weitgehender Erneuerung des Inneren, so dass vom mittelalterlichen Kernbau kaum etwas übrig blieb. Aus dieser Zeit stammt die steinerne Fenstersäule im heutigen Breitingersaal mit der Jahreszahl «1568» und dem Steinmetzzeichen von Antoni Embd, einem Handwerker aus den Walsersiedlungen im Piemont.
Im «Neuhaus», wie der Schulhof seither hiess, wohnte von 1568 bis 1588 Johann Jakob Wick, der stadtbekannte Sammler von Nachrichten über Wundererscheinungen, Unfälle und Verbrechen aus aller Welt. Zu den späteren Bewohnern des Hauses im 17. Jahrhundert gehörte der vielgereiste, international renommierte Kirchenhistoriker und Orientalist Johann Heinrich Hottinger (1620-1667), der einige Jahre als Professor an der Universität Heidelberg unterrichtete.

Komplexes Raumgefüge
Nach der Aufhebung des Grossmünsterstifts 1832 ging die «Schulei» zunächst an den Kanton über. Später übernahm sie die Kirchgemeinde Grossmünster. Als Amtssitz des Diakons, des «Helfers», erhielt das Haus damals seinen heutigen Namen «Helferei». Mit der Übernahme verpflichtete sich die Kirchgemeinde, einen gottesdienstlichen Raum zu erstellen als Ersatz für das bisherige Versammlungslokal der französischen Kirchgemeinde, das mit dem Abbruch des Chorherrenstiftsgebäudes und dem Neubau des Grossmünsterschulhauses verloren gegangen war. Gleichzeitig war auch ein kleiner, im 18. Jahrhundert im Chor des Grossmünsters eingerichteter Gottesdienstraum aufgehoben worden. Der Bau einer Kapelle in der Helferei sollte die beiden Raumbedürfnisse befriedigen. Nach Plänen von Johann Jakob Breitinger wurde die entsprechende Erweiterung in den Jahren 1858 bis 1860 ausgeführt. Diese hatte für den bestehenden Bau tiefgreifende Folgen: Das westliche Drittel der alten «Schulei» wurde abgebrochen und durch einen schmalen, hohen Querbau ersetzt, in dessen Erdgeschoss die neugotische Kapelle eingebaut wurde. Damit entstand das komplexe Raumgefüge, das die Helferei bis heute prägt. – Um 1960 drängte sich die Erneuerung des sichtbar in die Jahre gekommenen Hauses auf. Da sich die im damals verpönten Stil des 19. Jahrhunderts erbaute Kapelle in ruinösem Zustand befand, plante man zunächst einen radikalen Umbau des ganzen Gebäudes unter vollständiger Opferung der Breitingerschen Bauteile. Dieses Projekt wurde nach einer heftigen, öffentlich geführten Grundsatzdiskussion 1964 in einer Volksabstimmung deutlich abgelehnt. Die daraufhin nach Plänen des Architekten Manuel Pauli in die Wege geleitete
Restaurierung sah eine möglichst weitgehende Schonung der erhaltenen Bausubstanz vor und führte 1974 zu der uns vertrauten Ausgestaltung des Hauses.
Vierzig Jahre intensiver Nutzung gingen nicht spurlos an der Helferei vorüber. Eine grundlegende Sanierung wurde nötig, und diese hatte sich den seither veränderten gesundheits-, feuer- und baupolizeilichen Vorschriften anzupassen. Betreten wir das Haus heute, fallen die Veränderungen nicht sofort ins Auge. Viele Interventionen dienten der Erneuerung der Infrastruktur, der sanitären und elektrischen Anlagen, der Verbesserung der Behindertenfreundlichkeit in den öffentlich zugänglichen Bereichen und dem Ausbau von neuem Wohnraum in den oberen Stockwerken. Am auffallendsten werden die neue Farbgebung der Kapelle und die Einrichtung einer modernen Erlebnisküche am Ort des früheren Jugendraumes sein. Das Bauprogramm liess sich im Wesentlichen plangemäss realisieren (ausführlich beschrieben in der Juninummer 2012 des Altstadt Kuriers). Trotz der Bauverzögerung von knapp vier Monaten kann nun von einem glücklichen Abschluss der Arbeiten gesprochen und die Neueröffnung des Hauses am 5./6. April entsprechend festlich gefeiert werden.

Matthias Senn

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