Weltblatt für den
Kreis 1


Sechsmonatiger Versuch
Schrankenlose Zufahrt



Am 24. August sind in Zürich sämt­liche bewachten und unbewachten Barrieren und anderen Absperrungen entfernt worden, die dazu dienten, dem Nachtfahrverbot Nachachtung zu verschaffen. So will es ein sechsmonatiger Versuch. Der Altstadt Kurier hat sich ein Bild gemacht, wie sich das in der Altstadt in den ersten zwei Wochen der Versuchsdauer auswirkte.

In der Altstadt rechts der Limmat befinden, nein: befanden sich drei der gesamtstädtisch fünf bedienten Barrieren. Am Central eingangs Zähringerstrasse war die jüngste von ihnen, sie war erst seit knapp drei Jahren in Betrieb. Sie sollte das dort seit Frühling 2011 geltende und kaum beachtete Nachtfahrverbot durchsetzen. Die beiden weiteren bemannten Pforten waren am Zähringerplatz (Barri­ere seit Einführung des dortigen Nachtfahrverbots im März 1992, dann war hier 2006 eine Polleranlage in Betrieb, seither wurden Scherengitter verwendet), sowie am Hirschengraben eingangs Kirchgasse/Obere Zäune/Winkelwiese und eingangs Untere Zäune (seit Einführung der Fussgängerzone im Juni 2005). Jeden Abend um 19 Uhr wurde zudem eine Barriere am Neumarkt geschlossen und am Morgen wieder geöffnet, zudem wurden Pfosten und Poller am Seilergraben (Häringstrasse und Predigerplatz) sowie am Limmatquai eingangs Torgasse in Position gebracht.
Das sind ziemlich viele Barrieren, Scherengitter, Pfosten und Poller, die nun fehlen. Entfernt für den halbjährigen Versuch.

Parkplatzsuchverkehr
Um es vorwegzunehmen: Vom ersten Tag an fuhren etliche Fahrzeuge unberechtigterweise in die Nachtfahrverbots- und Fussgängerzonen, etwa am Zähringerplatz. Dies, obschon die ersten zwei Wochen die Barrierenwächter noch sichtbar präsent waren, allerdings ohne einzuschreiten. Sie hatten Flyer zu verteilen, auf denen auf das Nachtfahrverbot hingewiesen wird, das seine Gültigkeit auch ohne physische Hindernisse behält.
Vom Wächter beim Zähringerplatz war zu hören, dass in der ersten Stunde des betreffenden Abends bereits dreissig Fahrzeuge durchgefahren seien, die meisten unberechtigt, danach habe er aufgehört zu zählen. Anwohnende gaben hier ihren Befürchtungen Ausdruck und gaben Kommentare ab zu dem Versuch, der sie gar nicht glücklich macht. Wer schon länger im Quartier lebt, hat die Zustände vor dem Einrichten der Barrieren in lebhafter Erinnerung. Namentlich der Zähringer- und Predigerplatz war von Suchverkehr betroffen. Parkplatzsuchende kreisten unablässig, bis sich irgendwann eine Lücke auftat.
Die Kommentare, die man hier zu hören bekam, waren teils heftig. «Eine Katastrophe ist das! Die Barriere soll sofort wieder her!», lautete einer davon. Wobei umgekehrt zu sagen ist, dass andere Anwohner die neue Versuchsanordnung zunächst noch gar nicht bemerkt hatten.
Wie der Securitas-Angestellte weiss, fahren einige Automobilisten beim Central – verbotenerweise – in die Zähringerstrasse, auf der Suche nach einem Parkplatz. Und überqueren bei Nichterfolg am Ende der Zähringerstrasse die Mühlegasse, um die Suche – verbotenerweise – auf dem Zähringerplatz und auf dem Predigerplatz fortzusetzen. Einer der Anwohner stellte fest, dass auch laute Motor­räder wieder in der Fussgängerzone herumfahren.
Wie schlimm ist das denn, wenn pro Stunde dreissig Fahrzeuge durchfahren, könnte man fragen. Nun, einerseits sind das Fahrzeuge, die bisher eben nicht da waren, ist das zusätzlicher Lärm, der eigentlich abgeschafft war. Ebenso stark ins Gewicht fällt jedoch, dass das real existierende Nachtfahrverbot nicht eingehalten wird. Die in der Bekanntmachung des Versuchs geäusserte Annahme, man hätte sich an das geltende Regime gewöhnt und halte sich auch ohne Barrieren daran, hat sich wie zu erwarten war nicht bewahrheitet. Mussten die Barrierenwächter doch Nacht für Nacht teils mühsame Diskussionen führen mit Fahrzeuglenkern, die trotz klarer Signalisation, geschlossener Barriere und argumentierender uniformierter Person partout in die verbotene Zone fahren wollten. Wie geradezu einladend wirkt da die neue Situation.

Drohende Busse kein Hindernis
Bei einem Augenschein am Hirschengraben, wo der Wächter zuvor die Barriere eingangs Untere Zäune und diejenige eingangs Kirchgasse/Obere Zäune/Winkelwiese bedient hatte, zeigte sich ein ähnliches Bild. Fahrzeug um Fahrzeug fuhr hinein, etwas weniger vielleicht als an den beiden anderen Pforten. Und Neugierige kamen und befragten den Securitas-Mann. Darunter waren auch drei Polizisten, die hier Halt machten. Sie liessen keinen Zweifel daran, was sie von diesem Versuch halten: wenig. Jemand «pfutterte» darüber, dass hier einfach über die Köpfe der Bevölkerung hinweg etwas klammheimlich abgeschafft würde, wofür man gekämpft habe und worum man froh gewesen sei.
Dies sieht auch Felix Stocker vom Vorstand des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat so: «Die Fussgängerzonen in der Altstadt sind eine ­Errungenschaft. Die darf man nicht einfach preisgeben.»
Bereits in den ersten Tagen des Versuchs hat sich gezeigt, dass eine blosse Signaltafel für eine stattliche Zahl von Parkplatzsuchenden kein ernsthaftes Hindernis darstellt. Die Busse von mindestens 100 Franken nimmt man scheinbar in Kauf, hält das Risiko einer Busse für tragbar.
Immerhin ist den Verantwortlichen zugute zu halten, dass es sich um einen Versuch handelt, der ausgewertet wird. So fand ab Ende Juni eine zweiwöchige Zählung der Fahrzeuge statt und die Zählung wird nun wiederholt. Auch wurde in Aussicht gestellt, dass der – in der ganzen Stadt, namentlich auch im Gebiet um die Langstrasse durchgeführte – Versuch im Fall von unzumutbaren Belästigungen an einzelnen Standorten abgebrochen werden könnte.

Es fliesst
Der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat hat sich gleich nach Bekanntwerden der versuchsweisen Entfernung der Barrieren an die Öffentlichkeit gewandt mit einem Communiqué. Darin spricht er sich gegen die Aufhebung der Zufahrtsschranken aus. Dazu QV-Präsident Peter Rothenhäusler: «Wir sind daran, das zu beobachten. Bereits gibt es Anzeichen dafür, dass ohne Schranken das Nachtfahrverbot missachtet wird.»
Etwas anders sieht das der Präsident der Geschäftsvereinigung Limmatquai/Dörfli, Christian Brugger: «Wir begrüssen das Entfernen der Barrieren. So kann man wieder zu den Parkplätzen zufahren. Parkplätze sind Umsatzträger und in diesem Sinn unterstützen wir unsere Mitglieder, die davon profitieren. Wir sind ohnehin der Meinung, dass man mindestens bis Mitternacht parkieren können sollte.»
Die Schleusen sind geöffnet, der Verkehr fliesst wieder, wie vor der Einrichtung der Barrieren. Wie es Jan Aerts, Wirt der «Weissen Rose» an der Torgasse, formulierte: «Es ist wie beim Wasser. Nimmt man ein Brett weg, fliesst das Wasser durch.»

Elmar Melliger

Der Versuch
Während eines halben Jahres soll auf die rund siebzig Barrieren und anderen Absperrungen wie Pfosten und Scherengitter in Zürich verzichtet werden, darunter sind fünf bediente Barrieren, wovon deren drei in der Altstadt sind. Damit könnte rund eine Million Franken im Jahr gespart werden.
Dem Versuch liegt gemäss Medienmitteilung «die Annahme zugrunde, dass sich die Verkehrsteilnehmenden an die Fahrverbots- und Fussgängerzonen gewöhnt haben und diese – wie andere Signalisationen – auch ohne Barrieren beachten».
Sollten sich «unzumutbare Belästigungen» ergeben, könnte der Versuch an einzelnen Standorten abgebrochen werden.
Der Versuch wird ausgewertet, indem es je zweiwöchige Vorher- und Nachher-Erhebungen des Verkehrs gibt sowie eine Anwohnendenbefragung durchgeführt wird.


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