Weltblatt für den
Kreis 1


Das Haus «Zum weissen Schwan» am Predigerplatz 34 soll aufgestockt werden
«Dürfen die das überhaupt?»



Die geplante Aufstockung des Hauses Predigerplatz 34 stösst in der Nachbarschaft auf Ablehnung. Ausser der Unbill der direkt Betroffenen ist im Quartier die Sorge zu spüren über eine mögliche Signalwirkung für künftige Bauvorhaben.

Mehr Blicke als sonst richten sich am Predigerplatz gegenwärtig himmelwärts. Nicht die Predigerkirche oder der Chor wird dabei fokussiert, sondern ein unscheinbares Hausdach gleich gegenüber. Darauf ist seit ein paar Wochen das Baugespann ausgesteckt, mit vom Boden aus gesehen filigran wirkenden Latten. Diese geben an, wie hoch das umzubauende Gebäude hinaus will: eine Etage höher. Und immer wieder die Frage: «Dürfen die das denn überhaupt?»
Das Haus «Zum weissen Schwan» an der Ecke zur Predigergasse hat vor kurzer Zeit eine Handänderung erfahren. Riccardo Polla ist der neue Eigentümer; er hat von Liz Reichenbach darüber hinaus die Liegenschaft des Hotels Franziskaner an der Stüssihofstatt gekauft.
Das Ende Juli ausgeschriebene Bauprojekt (Bauherrin ist die Riccardo Polla gehörende Generalbau Rudolf Lüthy AG) belässt das im Erdgeschoss liegende Restaurant «Zum weissen Schwan», Kosename «Schwänli», wie es ist. In den oberen drei, in der Architektursprache zwei Etagen, wird umgebaut; das oberste Geschoss liegt in der beginnenden Dachschräge und wird nicht mitgezählt. Und zwar entstehen Zweizimmerwohnungen anstelle der Einzimmerwohnungen, die dem Hotel Franziskaner als Personalunterkünfte dienten. So weit, so gut. Nun möchte der Hauseigentümer jedoch für sich selbst eine grosse Wohnung einrichten, wie der planende Architekt, Marcel Knörr, auf Anfrage erklärte. Und diese soll in einem zusätzlichen Geschoss entstehen. Gemäss Bauprojekt soll das Haus um eine Etage aufgestockt und das Dach in gleicher Art und Weise (Neigung und Aufbauten) wieder errichtet werden.

Nachbarschaft setzt sich zur Wehr
Und genau darüber scheiden sich die Geister. Die Meinungen in der umliegenden Nachbarschaft sind gemacht, besonders jene der direkt betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner der angrenzenden Liegenschaft Predigerplatz 30, die mit der Nummer 34 die Brandmauer teilt. Hier würden durch die hochgezogene Wand vier Fenster zugemauert, was wohl niemand gern hätte. Einer dieser Bewohner ist Niklaus Stauss. Sein Badezimmerfenster wäre betroffen, was ihm natürlich nicht gleichgültig ist. Als langjähriges Vorstandsmitglied des Stadtzürcher Heimatschutzes ist er darüber hinaus sensibilisiert: «Es ist doch gerade der Charme der Altstadt, dass es höhere und niedrige Häuser hat. Muss denn alles gleich hoch sein?» Ebenso befürchtet er, dass andere Bauherren das gleiche Recht geltend machen könnten und dass eine Welle von Aufstockungen auf uns zukommen könnte.
Auch der zuständige Verwalter der Liegenschaft, Hugo Stahel, das Haus gehört der Stadt, hat keine Freude an diesem Projekt: «Das hätte Auswirkungen auf die Wohnqualität in den betroffenen Wohnungen.» Auch das jenseits der Predigergasse liegende Haus Nummer 36, ebenfalls eine städtische Liegenschaft, wäre benachteiligt, bekäme weniger Licht und Sonne. Jedenfalls habe man den Beschluss verlangt.
Diesen Beschluss der Bausektion über das Bauprojekt muss vorgängig innert einer gewissen Frist verlangen, wer allenfalls eine Einsprache machen will. Ebenfalls den Beschluss verlangt hat ein Hauseigentümer weiter hinten in der Predigergasse, dessen Liegenschaft weniger besonnt würde, aber auch der Quartierverein und andere mehr.

Ans 19. Jahrhundert anknüpfen
Weniger Probleme mit dieser Aufstockung hätte der Architekturkritiker Benedikt Loderer, wobei er allerdings darauf hinweist, dass in der Altstadt das Prinzip Erhaltung gelte. Ebenso spricht er das Argument der Rechtsgleichheit an: wenn der eine darf, darf auch der andere. Aus kunsthistorischer Sicht dagegen gäbe es für ihn wenig, was dagegen spreche. Dass die dahinter liegenden Häuser, die in der Predigergasse also (zum Teil Beginenhäuser, bescheidene Häuschen der damaligen Ordensschwestern), alle niedrig sind, das spiele seines Erachtens hier keine grosse Rolle; auf die Häuserzeile am Platz komme es an. Zudem sei im 19. Jahrhundert noch und noch aufgestockt worden.
Das bestätigt ein weiterer Sachverständiger. Aus verschiedenen Gründen ist die Bevölkerung der Stadt damals nämlich sprunghaft gewachsen, weshalb eine rege Bautätigkeit einsetzte. Um Wohnraum zu schaffen, hat man in Höfen neu gebaut und bestehende Gebäude in die Höhe erweitert.
Gerade daran knüpft der Architekt Marcel Knörr an: «Die Altstadt hat sich über die Jahrhunderte laufend verändert, Häuser wurden den Bedürfnissen angepasst. Und im Jahr 1888 wurde wie andere Häuser am Platz das Nebenhaus aufgestockt und ist heute zwei Etagen höher als das Haus ‹Zum weissen Schwan›. Wenn wir nun aufstocken, dann ist das nur ein Gleichziehen, dabei hat es immer noch ein Geschoss weniger als das Nachbargebäude.» Er fordert dazu auf, sich die Häuserzeile doch einmal genau anzusehen. Dann sehe man, dass das betreffende Haus das niedrigste sei: «Das sieht aus wie eine Zahnlücke.» – Und die soll nun also gefüllt werden.

Die Altstadt als Schutzobjekt
Allerdings ist ein solches Vorhaben in der Altstadt ein heikles Unterfangen, und Ähnliches wurde in den letzten Jahren äusserst selten bewilligt, wie Urs Spinner, Kommunikationsbeauftragter des Hochbaudepartements, auf Anfrage erklärte. Was zurückhaltend bewilligt wurde, das waren Teilaufbauten oder Lukarnen, doch seit vielen Jahren schon keine eigentlichen Aufstockungen mehr. Denn in der Kernzone Altstadt gelten spezielle Bestimmungen, was das Bauen anbelangt. So heisse es den Charakter, das Erscheinungsbild der Altstadt zu bewahren, die als Ganzes genommen ein Schutzobjekt sei, weshalb jedes Bauvorhaben sehr sorgfältig geprüft werde. Darüber hinaus sind die einzelnen Altstadtliegenschaften mehrheitlich im Inventar schützenswerter Bauten, ebenso die besagte Liegenschaft.

Die Denkmalpflege klärt ab
Genaueres betreffend rechtlicher Situation sowie der Position der städtischen Denkmalpflege, die sich gegenwärtig mit dem Projekt befasst und einen Bericht zuhanden der bald entscheidenden Bausektion verfasst, kann Urs Spinner wegen des laufenden Verfahrens zurzeit nicht sagen.
Das Haus ist also im Inventar schützenswerter Bauten, auch wenn, wie Marcel Knörr betonte, das Haus in den Siebzigerjahren ausgehöhlt wurde und heute keine historische Substanz im Innern vorhanden ist. Deswegen dürfte der Einbau eines Lifts wohl kaum auf Widerstand stossen, was andernorts nicht so ohne weiteres möglich wäre.

Doppelrolle
Befürchtet Marcel Knörr (ehemaliger Gemeinderatspräsident und heutiger Präsident des Kantonalen Heimatschutzes) denn nicht wie andere einen gefährlichen Präzedenzfall, wenn sein Projekt bewilligt würde? Eine Signalwirkung für künftige Umbauprojekte? «Nein, da hätte ich jetzt keine Angst.» Und auf einen allfälligen Interessenkonflikt in seiner Rolle als Präsident des Heimatschutzes angesprochen, meinte er: «Der Heimatschutz hat sich noch nicht mit dem Projekt befasst. Generell ist der Heimatschutz jedoch nicht einfach Bauverhinderer, sondern wir fördern das gute Bauen.» Er hätte hingegen Verständnis dafür, dass die Nachbarn keine Freude hätten und sei sich bewusst, dass dieses Baubewilligungsverfahren keine einfache Sache sei: «Das wird wohl ein langer Weg.»

Elmar Melliger


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