Weltblatt für den
Kreis 1


Dreissig Jahre Crêpes-Stand auf dem Hirschenplatz
Mit dem gewissen Etwas



Schon seit dreissig Jahren gibt es den Crêpes-Stand auf dem Hirschenplatz. Wer hätte das gedacht, dass das Kleinunternehmen so lange überdauern würde.

Es war 1976. Jonas Thiel war gerade von einer seiner zahlreichen Reisen zurückgekehrt. Er kaufte einem Freund dessen Crêpes-Ofen ab und stellte ihn an einem Donnerstag am Rosenhofmarkt auf. An diesem Tag machte er die erste Crêpe seines Lebens. An diesem ersten Tag verschenkte er alle Crêpes, die er machte. Sie gerieten immer besser. Am zweiten Donnerstag lud er die Leute ein, zu geben, was es ihnen wert schien. Erst danach kam die Zeit der fixen Preise, die Crêpe mit Zucker beispielsweise kostete Fr. 2.50. Neben ihm verkaufte der damalige Marktchef Röne Minder mit seiner Frau Ursula die ersten Langos. Später übersiedelte Thiel mit seinem Crêpes-Stand auf den Hirschenplatz, da war es schon 1977, also das Jahr null in der Jubiläumsrechnung.

Belebung des Hirschenplatzes
Helen Faigle bot auf dem Hirschenplatz an ihrem Knusperwagen ihre feinen Backwaren an: frisch gebackenes Brot, Haslibacher Zwieback und Kuchen, als neben ihr ein Neuer auftauchte. «Die Schlange vor dem Crêpes-Stand war so lang, dass ich irgendwann mit Jonas fusionierte und ich ebenfalls Crêpes machte», erzählt sie. «Mit der Zeit gaben wir den Knusperwagen ganz auf», sagt Jonas Thiel. Damals hatte es auf dem Hirschenplatz noch einen Gemüsestand. Das Ganze stand in Übereinkunft mit der UGN, der Unternehmergemeinschaft Niederdorf, der Vorgängerin der heutigen Geschäftsvereinigung Limmatquai/ Dörfli (GLD), die eine Belebung des Hirschenplatzes anstrebte. Nicht immer war die Belebung erwünschter Art, etwa als sich hier eine Drogenszene etablierte. «Helen Faigle motivierte Drogenkonsumentinnen, Pulswärmer zu stricken und bot ihnen an, diese am Knusperwagen zu verkaufen», erzählt Thiel. Irgendwann geriet der Crêpes-Stand selbst in Bedrängnis durch die Polizei, bis ein Stadtrat nach einem Augenschein Entwarnung gab: Die Leute vom Crêpes-Stand waren unverdächtig, hatten nichts am Hut mit der Drogenszene.
Etwa ein Jahr nach dem Start machte Thiel aus seinem Kleinbetrieb ein Kollektiv. Von Beginn weg zahlte man sich einen fairen Lohn aus, 22 Franken pro Stunde. So bildete sich eine Crew, die lange konstant blieb. Was der Gründer beibehielt, die sieben Jahre, in denen er den Stand begleitete: Jährlich ein Gratistag, meist an seinem Geburtstag, dem 11. November. Damals ging das noch, denn da war der Auftakt zur Fasnacht auf dem Napfplatz vor dem Restaurant «Turm» und noch nicht auf dem Hirschenplatz.
«Nein, den Gratistag kennen wir nicht mehr. Einzig: Schüler erhalten fünfzig Rappen bis einen Franken Rabatt», sagt Paul Rippstein. Er führt die Buchhaltung, macht Einsatzpläne und so weiter, heute, wo der Stand von einem Verein geführt wird. Er selbst ist, wie die Präsidentin Susi Steinmann, seit ungefähr zwanzig Jahren dabei. Wobei er hauptamtlich Geschäftsführer ist bei der Tofurei Engel in Zwillikon bei Affoltern. Der Stand kommt finanziell gerade so über die Runden. Wird vom Stand am Theater-Spektakel etwas quersubventioniert.

Mit Engagement dabei
Was aus Jonas und Helen geworden ist? 1981 waren sie bei der Gründung des neuen Cafés «Zähringer» dabei, dem Kollektiv, das bis heute überlebt hat und eine wichtige Funktion erfüllt, kulinarisch und sozial. Das lief parallel zum Crêpes-Stand. Helen hatte nach einem Jahr genug. Als sie, langjährige Altstadtbewohnerin, eines Tages in der Beiz von SP-Leuten an deren Tisch eingeladen wurde, wo gerade die notwendige Rettung des Milchladens am Neumarkt 7 verhandelt wurde, weil sie sich doch auskenne mit solchen Dingen, da sagte sie: «Ich machs, aber nur auf eigene Rechnung, nicht als Kollektiv.» Das war 1982. Die Frau mit dem grossen Herz führt am Neumarkt bis heute ein Bijou von einem Lebensmittelladen.
Und Jonas? Der Tüftler und Macher hat seither so manches Projekt angerissen und durchgezogen: Hat im Zürcher Oberland eine alte Drechslerei umgebaut und zwei Jahre dort gewohnt, hatte einige Jahre ein Baugeschäft, ist viel gereist, teils als Reiseleiter, hat 1991 den «Saftladen» an der Marktgasse eröffnet, fuhr im Sommer darauf mit dem Saftvelo mit pedalenbetriebener Saftpresse am See vor, absolvierte ein Nachdiplomstudium, eröffnete 1996 zusammen mit Jörg Walker das Café Walthi (Walker/ Thiel) an der Schoffelgasse, das seit einiger Zeit «Nim’s» heisst. Vor elf Jahren übernahm er den Kiosk in der Frauenbadi an der Limmat, ein Jahr später rief er die Barfussbar ins Leben. Jeweils abends, nach Badeschluss, gibt es in der Frauenbadi Barbetrieb, Tanzabende, kulturelle Anlässe. Roland van Straaten, der begnadete Musiker (Bluesharp), gab in der Barfussbar im ersten Jahr ein Gratiskonzert als Dank für all die Gratis-Crêpes, die er von Jonas in seinen mageren Jahren erhielt. Seit vielen Jahren wohnt Jonas im Oberdorf, seit vierzehn Jahren im zur Villa Landolt an der Winkelwiese 10 gehörenden Gartenhaus.

Mit Liebe zubereitet
Doch zurück zum Crêpes-Stand, der übrigens immer Unterstützung erfahren hatte von der UGN, später GLD, und für den vor ca. zehn Jahren der Quartierverein das Patronat übernommen hatte und jährlich bei der Stadt die Bewilligung einholte. «Der Stand ist eigentlich ein Wagen, eine Abänderung eines SBB-Gepäckwagens, eine Konstruktion, die seit siebenundzwanzig Jahren funktioniert, eine geniale Sache», erzählt Paul Rippstein. Konstrukteur: Hansjürg Weber, ein Freund und damaliger Mitarbeiter am Stand. Seit die Lebensmittelkontrolle mal einen Besuch abstattete, verfügt der Stand übrigens über Warmwasser. Rippstein: «Die Hitze haben wir ja, vom Crêpes-Ofen.»
Nochmals Jonas Thiel: «Insgesamt habe ich wohl zwischen siebzig- und achtzigtausend Crêpes gemacht. Und von allem, was ich gemacht habe in meiner beruflichen Laufbahn, war diese Arbeit das Befriedigendste. Zu sehen, wie jemand die Entstehung der bestellten Crêpe mitverfolgt, wie das Wasser im Mund zusammenläuft, wie die Augen grösser werden, und dann die mit Liebe zubereitete Crêpe überreichen zu können, das ist ein schöner Moment!»
Etwas von diesem Enthusiasmus ist bis heute spürbar bei der Crêperie auf dem Hirschenplatz. Probieren Sie selbst. Diese Crêpes sind wirklich gut, sie haben das gewisse Etwas!

Crêperie auf dem Hirschenplatz, von März bis Dezember. Montag bis Freitag von 11.45 bis 14 und 15.30 bis 18.30 Uhr, Samstag 11.45 bis 16 Uhr.

Elmar Melliger


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