Weltblatt für den
Kreis 1


Ein Netzwerk aus Geschichten (6)
«Ich möchte am Neumarkt bleiben»



Die sechste Erzählrunde von älteren Nachbarn: die Reihe war diesmal an Eva Guldenschuh.

Von Daniela Donati
Am runden Tisch sassen elf Personen, worunter einige Habitués. Mit Eva Ruch und Marc Hufschmid waren erstmals zwei ganz junge Menschen dabei; so fanden drei Generationen zusammen.
Eva Guldenschuh trägt wie immer eine leuchtende Farbe, diesmal Rot, und niemand käme auf die Idee, dass sie vor kurzem eine schwere Operation durchstehen musste. Sie geht heiter und aufmerksam auf jeden Gast ein und hat keine Mühe, sich gegen die Wirtschaftsgeräusche bemerkbar zu machen: «Mein Vater war schwerhörig, das hat mein ganzes Leben bestimmt.» Eva Guldenschuh, von Beruf Sprachheillehrerin, spricht mit klarer Stimme und angenehmem Tempo.

Emigranten
Sie kam 1929 als Eva Jedlitschka im Kreis 4 zur Welt. Später zog die Familie ins Industriequartier in ein Häuschen der ABZ-Kolonie. «Dort waren natürlich alle sozialdemokratisch.» Vater Jedlitschka wuchs in Wien in einer kinderreichen böhmischen Einwandererfamilie auf und wanderte später in die Schweiz aus, weil diese für ihn die beste aller Demokratien darstellte. Nach Eva Guldenschuhs Schilderung war er ein lebenstüchtiger Mensch, der sich weder von einem steifen Bein noch von der Schwerhörigkeit behindern liess. Er arbeitete zu Hause als Taschner. Was er am Werktisch vorbereitete, Taschen, Etuis, Portemonnaies, wurde an der gegenüberliegenden Seite von der Mutter an der Ledermaschine zusammengenäht. Das ganze Familienleben spielte sich am Werktisch ab: «Man hat sich einfach mit dem Ellbogen eine Ecke frei geschaufelt.» Hier nahmen auch viele Besucher Platz, Emigranten aus Europa sowie Schweizer, die freiwillig im Spanischen Bürgerkrieg kämpften und bei Jedlitschkas Wertsachen und Andenken deponierten. Eva und ihr Bruder Hans hörten «mit offenen Ohren» von der Not in Europa, von Arbeitslosigkeit und Verfolgung. Faszinierend seien die Erzählungen der östlichen Emigranten gewesen, dagegen politisierten die Spanienkämpfer so heftig, dass die Eltern ihre beiden Kinder in die Küche abkommandieren mussten.

Innenstadt
Trotz bedrohlicher Weltlage und knapper Finanzen wuchs Eva Guldenschuh geborgen auf. Vater Jedlitschka tat alles, um seinen Kindern eine gute Bildung mitzugeben, und die Mutter stückelte aus abgetragenen Textilien die schönsten Sonntagskleider. Damit zogen die Geschwister durch die verdunkelten Quartiere und besuchten begeistert alle Volksvorstellungen im Schauspielhaus und an der Oper. Mittwochs gab es musikalischen Grundunterricht im «Konsi», wieder eine Gelegenheit, durch die Altstadt zu spazieren. An der Obmannamtsgasse war das Sekretariat des Schwerhörigenvereins untergebracht, in dem sich Vater Jedlitschka engagierte, und die Kinder mussten Jahresberichte hinbringen und an der Weihnachtsfeier mit Geige und Flöte aufspielen. Samstags hatten die Kinder in diversen Altstadtläden die fertigen Lederwaren auszuliefern, am liebsten gingen sie zum korpulenten Fräulein Müller an die Oberdorfstrasse, weil es nicht so unfreundlich wie andere Filialleiterinnen jedes Stück unter die Lupe nahm. Mit dem Heranwachsen wurde die Innenstadt immer wichtiger, so erhielten während Evas Mittelschulzeit die «Schatzalp» am Pfauen und das Café Schober als Ort für Rendez-vous eine ganz neue Bedeutung. Am Oberseminar im Rechberg lernte sie ihren Mann Karl Guldenschuh kennen. Nach der ersten Lehrerinnenstelle in einem Erziehungsheim bildete sie sich (wieder in der Innenstadt) zur Heilpädagogin und Logopädin weiter. Später wurde sie ins Sonderklassenzentrum im Schulhaus Schanzengraben gerufen. Nun war eine zentrale Wohnung nötig, denn Eva und Karl Guldenschuh waren bereits verheiratet und hatten drei Kinder. Sie zogen an den Neumarkt 10. Eva Guldenschuh gab ihren Beruf nie auf und Karl, ein hervorragender Maler, beteiligte sich an Haushalt und Erziehung. Sie führten nach heutigen Begriffen eine sehr partnerschaftliche Ehe. Es habe sich alles gut ergeben, winkt Eva ab, in den Sechziger- und Siebzigerjahren sei vieles möglich gewesen. Mit dem vierten Kind wurde es zu Hause eng und die Guldenschuhs zogen über die Gasse an den Neumarkt 11, das sei übrigens der strengste Umzug gewesen.

Letzter Lebensabschnitt
Eva Guldenschuh hat sich beruflich ständig weiterentwickelt. Nach der Pensionierung half sie einige Jahre beim Mittagstisch für Altstadtkinder mit, heute betreut sie noch Einzelschüler, gibt Kurse, macht Supervision. Ausserdem hat sie oft ihre Enkelkinder zu Gast. Zurzeit lebt sie alleine am Neumarkt. Das Leben ist gegenwärtig gut eingerichtet, aber Eva denkt konkret an die Zukunft: «Ich möchte den letzten Lebensabschnitt in meiner Wohnung am Neumarkt verbringen, wenn möglich mit einer jungen Person, die ihr Arbeitsfeld in der Altstadt hat und so mir und anderen das Altwerden zu Hause ermöglichen würde. Ich lasse es auf mich zukommen.» So kommt die ganze Runde erstmals zur Frage: «Wie weiter? Wie kann ich im Quartier bleiben, wenn ich einmal nicht mehr alleine zurechtkomme?» Die folgende lebhafte Diskussion zeigt an, dass dieses Thema genau so wichtig ist wie die kostbaren Erinnerungen.

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