Weltblatt für den
Kreis 1


Fünfzig Jahre Theater am Hechtplatz
Alles was Hecht ist – Hecht erst recht



Das Hechtplatz-Theater wird fünfzig, im nächsten April. Ein goldenes Jubiläum, das seinen Schatten voraus wirft. Gefeiert wird unter anderem mit der Geburtstagsrevue «Jetzt erst Hecht!» und einem Buch, einer opulenten Festschrift. Der ­Altstadt Kurier gratuliert herzlich.

Es war einmal, da konnte man kurz vor Mitternacht einem Mann begegnen, der wie ein verfolgter Täter in einem alten Schwarzweiss-Krimi über die Münsterbrücke Richtung Stadthaus hetzte: ­Nicolas Baerlocher nämlich, in hoch­karätiger beamteter Mission: Er pflegte die Abendkasse «seines» Hechtplatz-Theaters jeweils dort in Sicherheit zu bringen. Heute ist er pensioniert, aber in der Altstadt weiterhin präsent, er wohnt ja nur einen Katzensprung entfernt.

Jeder Sitzreihe ihre Tür
Baerlocher kam zum Hechtplatz-­Theater wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind, als «Schatteneminenz des Präsidialdepartements» (Daniela Musconico). Weil die Kultur, vorab Cabaret und auch Satire, in Zürich Mitte des letzten Jahrhunderts permanente Raumnot plagte, kamen der damalige Stapi Emil Landolt und sein Mann für alles Kulturelle, Dionys Gurny, auf die Glanzidee, das alte Feuerwehrmagazin, das Leonhard Zeugheer anno 1835 als griechisch inspirierte Einkaufstempelchen geschaffen hatte, in ein Theater umzufunktionieren. Was der gewiefte Architekt Ernst Gysel übernahm. Er überdachte und ummauerte den Durchgang zwischen den beiden Budenhallen. Danke, Meister, dass Sie für jede Sitzreihe eine separate Klapptür anbringen liessen, für klaustrophobische Besucher ist das bis heute ein einzig­artiger Luxus!
Eröffnet wurde das Kleintheater mit der Uraufführung der Revue «Eusi chlii Stadt» des legendären Journalisten Werner Wollenberger, mit den damaligen Publikumslieblingen Margrit Rainer, Ruedi Walter, Stephanie Glaser und Inigo Gallo in Parade-Rollen. Das Züri-Chanson, in dem unser aller Lieblingsbündner Zarli Carigiet den Zürcher Himmel als sein Dach überm Kopf, das Bellevue cool als sein «Bettli» und die Limmat als sein «Glosettli» feiert, wurde ein Gassenhauer, wie die Charts damals noch hiessen.

Ans Herz gewachsen
Das Hechtplatz-Theater, «i de Mitti vo de City», ist den Zürcherinnen und Zürchern ans Herz gewachsen. Anhand der Spielpläne lässt sich je nach Jahrgang auch pragmatisch die eigene Biographie strukturieren. Mit wem besuchte ich das Musical Bibi Balù, Mitte der Sechzigerjahre, mit der umwerfend blonden, für damalige Verhältnisse ­umwerfend frivolen Ines Torelli? Mit wem die Milva, die Brecht so leidenschaftlich sang, dass Politik auch einer Spätzünderin plötzlich unter die Haut ging? Giuseppe Ungaretti und Walter Mehring verpasste ich, weil ich damals in Bern im Exil studierte. Aber wir lernten in den Siebzigerjahren dank dem Berner Troubadour Jacob Stickelberger postum Mani Matter verehren, wir ­vergifteten Tauben im Park mit Georg Kreisler, liessen Helmut Lohner hinreissend arrogant seine Tante schlachten, Maria Becker war Esther Vilars amerikanische Päpstin, und diese noch mit Jürg Federspiel liiert, 1984. Immer wieder Cés Keiser und Margrit Läubli und, unverzichtbar, Max Rüeger. Kathrin Brenk sang vom «Hürli vor em ­Türli», mit dabei war natürlich auch ihr gemeinsamer Herzenskomponist und -pianist, Daniel Fueter. Und die Vaudeville-Matinéen, die Liliane Heimberg und René Ander-Huber in den Neunzigerjahren konzipierten – wie viel Herzblut und Lampenfieber konnte man doch als Ko-Autorin investieren in «Sie hatten, was man einen Ruf nennt» und in «Die Liebe der Männer».
Ach ja, und nochmals «es war einmal», auch in den Neunzigerjahren, da wollte der Stadtrat das Hechtplatz-­Theater sogar einsparen.
Dass dieses Projekt diskret schubladisiert wurde, ist einer denkwürdigen Pressekonferenz zu danken, an der Cés Keiser, Franz Hohler und Kaspar ­Fischer auf die Barrikaden gingen.
Ob sie unsere Stadtväter und -mütter mit ihren genu­inen satirischen Waffen tatsächlich überzeugten oder einfach einschüch­terten – wer will schon als Spielver­derber gelten –, lassen wirs. Das Hechtplatz-Theater, es lebe hoch!

Esther Scheidegger


Jetzt erst Hecht! – 50 Jahre Theater am Hechtplatz, von Nicolas Baerlocher und Dominik Flaschka (Hg.), 240 Seiten, Verlag NZZ, Fr. 48.90.

Die Geburtstagsrevue wird bis 30. März 2009 immer montags gespielt, 20 Uhr; www.theateramhechtplatz.ch.


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