Weltblatt für den
Kreis 1


Ausufernde Prostitution an der Häring- und an der Zähringerstrasse
Stilles Gewerbe macht sich breit



Das horizontale Gewerbe ist hier nicht mehr so still und diskret wie bis vor kurzem, sondern hat sich ausgedehnt und kommt geradezu marktschreierisch daher. Dies sehr zum Überdruss der Umgebung. Die Klagen häufen sich und man sinnt auf Abhilfe.

Tagsüber zeigt sich die Zähringerstrasse zunächst wie gewohnt. Eine der wenigen Strassen in der Altstadt rechts der Limmat mit Autoverkehr und Parkplätzen. Das Kino Alba beim Central, einige Ladengeschäfte, diverse Restaurants und Bars und einige Hotels säumen die Strasse sowie die Pestalozzi-Bibliothek. Sie alle werden frequentiert, manchen Leuten dient die Strasse als Durchgangsweg, weil man hier schneller vorwärts kommt
als auf der Niederdorfstrasse. Doch nach 17 Uhr beginnt sich das insgesamt angenehm belebte, weder menschenleere noch Hektik verbreitende Bild zu verändern. Beim «Carrousel», einem Schwulenlokal, sitzen die Gäste draussen, und zunehmend viele Stricher, männliche Prostituierte, finden sich ein. «Die Zahl der Stricher hat stark zugenommen in diesem Jahr», sagt ein Geschäftsinhaber aus der Nähe verärgert. «Diese Leute versperren das Trottoir, sodass man hier später am Abend kaum noch vorbeikommt, weshalb dann auch wirklich die ‹normalen› Passanten ausbleiben.» Die Stricher, viele von ihnen aus Rumänien, zirkulieren dann auf dem Trottoir die Strasse auf und ab. Zeitweise herrscht eine aggressive Atmosphäre.

Immissionen
So etwa ab 18 Uhr kommt etwas Weiteres dazu: Weibliche Prostituierte, die sich auf der Höhe Häringstrasse postieren und an allen vier Ecken der Kreuzung sowie die Häringstrasse hoch sich verteilen.
Käuflichen Sex gibt es hier seit Jahrzehnten, die Häuser Häringstrasse 17 und 19 haben wegen der eingemieteten Salons den Übernamen «Adventskalender» erhalten, weil die Fenster jeweils so rot leuchten (und manchmal spärlich bekleidete Damen sich am Fenster zeigen und Passanten eifrig zu sich winken). Dennoch eine veränderte Situation. Seit etwa drei, vier Monaten stehen draussen auf dem Trottoir nämlich nicht mehr eine oder zwei Dirnen und bieten ihre Dienste an, sondern, wie eine Anwohnerin erklärt, meistens acht, zehn, ja bis vierzehn Prostituierte aufs Mal. Und diese meist sehr jungen Damen tragen ihre Revierkämpfe zuweilen recht heftig und lautstark aus, sodass auch schon die Polizei eingreifen musste.
Ebenso hat sich die Klientel verändert, so die Beobachterin. Haben davor meist eher gesetztere Herren die zum Teil schon im Pensionsalter stehenden Damen besucht, sammelt sich manchmal ein ganzer Pulk weit jüngerer Männer an der Häringstrasse an. Diese Männer gehen zum Teil gar nicht mit den Frauen mit, sondern hocken auf der gegenüberliegenden Strassenseite auf Schaufenstersimsen, in Hauseingängen oder lehnen sich an die Wand, trinken Bier und finden die ganze Szenerie offenbar so attraktiv, dass sie sich stundenlang da aufhalten. Bis zu zwanzig, dreissig Männer können das sein. Das alles kann mitunter so laut werden, stilles Gewerbe hin oder her, dass eine Hauseigentümerin bei ihrer Wohnung die Fenster auswechseln liess, weil sie keinen Schlaf mehr fand. Sie möchte aus Angst vor Repressalien ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Dass da auch einiges an Abfall liegen bleibt, versteht sich. Ebenso werden umliegende Innenhöfe als Toiletten missbraucht.

Umsatzeinbussen
Gar nicht begeistert von der neuen Situation ist Jean-Marc Bühler vom Hotel Zürcherhof und «Walliser Keller». Bereits haben Gäste des Restaurants sich beklagt, die auf der Terrasse sitzend fast in Tuchfühlung mit den Prostituierten kommen, und er hat einen Umsatzrückgang zu verzeichnen. Ebenso hat er festgestellt, dass insbesondere amerikanische Gäste recht empfindlich reagieren und im Internet bei der Bewertung des Hotels die Bemerkung «Rotlichtquartier» anbringen. Die Folgen davon werden sich wohl in der nächsten Saison zeigen. – Immerhin befinden sich an der Zähringerstrasse fünf gute Dreisternehotels, die aufwendig renoviert worden sind, und zu den Gästen zählen nicht wenige Familien.
Eine unangenehme Begleiterscheinung ist die Verwechslungsgefahr. So bemerkt eine Angestellte der Bibliothek, dass ihr Partner, der sie von der Arbeit abholen wollte, als Freier und sie selbst als mögliche Rivalin eingestuft worden sei. Eine Erfahrung, die auch vor der Türe von Restaurants etc. rauchende weibliche Angestellte und Gäste machen und Sprüche hören im Sinn von: «Hey, das ist mein Platz!»
Angelo Pfister, Co-Präsident der Geschäftsvereinigung Limmatquai/ Dörfli, ärgert sich über diese Entwicklung und gibt zu bedenken, dass hier immerhin ein Wohnanteil von sechzig Prozent gilt. Es ist einfach zu eng hier für alles zusammen. Weshalb er einen Brief an den Stadtrat, welchen betroffene Hoteliers, Geschäftsleute, Anwohnende etc. zusammen aufsetzen wollen, mit unterzeichnen wird.

Bewilligung
Die jungen Frauen stammen dem Vernehmen nach mehrheitlich aus Rumänien. «Das ist eine Folge der Freizügigkeit», erklärt Yvonne Kwakernaak vom Projekt «Rotlicht», das «Mister Langstrasse» Rolf Vieli leitet. Weil die Klagen sich in letzter Zeit gehäuft haben, hat die Polizei vermehrte Kontrollen durchgeführt, wie Kreischef 1 Hans Kuriger auf Anfrage erklärt. Einmal konnte ein Anwohner beobachten, wie eine Frau mitgenommen wurde. In der Regel jedoch kann die Polizei nicht viel unternehmen, weil die Prostituierten über eine Bewilligung verfügen.
Und das geht so: Von Rumänien kommend, meldet man sich beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), wo man gegen eine Gebühr von Fr. 25.– eine Arbeitsbewilligung für drei Monate im laufenden Kalenderjahr erhält. Die Crux ist nun die, dass diese neunzig Tage aufteilbar sind, also nicht am Stück bezogen werden müssen. Was die Kontrolle natürlich erschwert. Nebenbei bemerkt bezahlen diese Prostituierten keine Steuern, wegen einem Doppelbesteuerungsabkommen. Nach einem Jahr muss diese Person das Land verlassen und ihr Ersatz ist längst da. Eine Bewilligungspflicht gilt für EU-Bürger bis Ende April 2011, für Rumänien und Bulgarien bis 2016, sodann fallen diese einschränkenden Bestimmungen weg und es gilt die volle Personenfreizügigkeit. So lässt sich die Zunahme der Zahl von Prostituierten in dieser Ecke der Altstadt erklären.

Neuer Strichplan in Arbeit
Ein Geschäftsinhaber befürchtet Schlimmes, wenn der Druck auf den Strich am Sihlquai zunimmt. Dann, so vermutet er, wird der Strich sich unter anderem in die Altstadt verlagern. Nun, so viele freie Lokalitäten gibt es hier ja nicht. Immerhin könnte man schon ins Sinnieren kommen, wenn man den seit zwanzig Jahren gültigen Strichplan studiert. Dieser wird allen Prostituierten bei der Anmeldung abgegeben. Da ist nämlich das ganze Niederdorf bis zur Marktgasse, Rindermarkt und Neumarkt aufgeführt als legale Strassenstrichzone. Ebenso Teile des Limmatquais, ein Stück der Rämistrasse, Stadthausquai etc. (siehe Abbildung).
Nun ist man beim Projekt «Rotlicht», und das ist die gute Nachricht, daran, eben diesen Strichplan zu überarbeiten. «Ziel ist die Entlastung der Wohnquartiere, die Quartierverträglichkeit», wie Yvonne Kwakernaak verrät, ohne dem Resultat vorgreifen zu wollen, und eine Konzentration des Strichs auf etwa zwei Zonen in Gegenden ausserhalb von Wohnzonen, wo es weniger stören würde. Diese Überarbeitung benötigt Zeit, muss dann vom Stadtrat beschlossen und öffentlich ausgeschrieben werden. Das wird wohl mindestens noch ein halbes Jahr beanspruchen.
Diverse Anwohnende, Geschäftsinhaber, Hoteliers und Quartiervertreter werden nächstens an einer Gesprächsrunde mit Vertretern des Projekts «Rotlicht», der Polizei etc. das Ganze thematisieren und gemeinsam nach möglichen Schritten zu einer Verbesserung der unbefriedigenden Situation suchen.

Elmar Melliger

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