Weltblatt für den
Kreis 1


Zu Besuch im Kräutergarten des Altersheims Bürgerasyl-Pfrundhaus
Frisch ab Hochbeet



Eine besondere Gartenführung, organisiert durch das GZ Altstadthaus, gab es im August zu geniessen. Im Kräutergarten des Altersheims Bürgerasyl-Pfrundhaus nämlich, den ein Gartentherapeut zusammen mit einer Gruppe von ­Bewohnerinnen und Bewohnern hegt und pflegt.

«Schon die Ärzte im alten Ägypten haben Gartenspaziergänge verschrieben», so richtet sich Thomas Pfister an seine Gäste. Die Gruppe hat sich beim Eingang zum Altersheim Pfrundhaus versammelt, am 18. August, es ist ein milder Sommerabend, angenehm, sich noch etwas im Freien aufzuhalten. Bereits hier, auf dem gepflästerten Vorplatz, kann uns der Gastgeber auf die ers­ten (Heil-)Pflanzen aufmerksam ­machen. Löwenzahn nämlich und der ebenfalls zwischen den Pflastersteinen und am Wegrand spriessende Wegerich, den die Indianer «Fussstapfen des weissen Mannes» nannten, denn diese Pflanze wurde vom alten Europa eingeschleppt. Der Blick nach oben, wir stehen unter ­einer Linde, wäre früher im Jahr auf Lindenblüten getroffen, aus denen bekanntlich Tee gebraut werden kann. Ein paar Schritte weiter erkennt niemand den unauffälligen Strauch, auf den uns der Meister ­aufmerksam macht: Eine Mahonie, aus deren blauen Beeren sich ein saurer Gelee machen lässt. Über den Boden rankt sich Efeu. Eigentlich ­giftig, hat diese Pflanze eine hustenstillende Wirkung und wird daher für Hustensirup verwendet. Solcherart sensibilisiert, gehen wir mit wachem Interesse weiter.
Der Weg führt uns ums Haus herum, vorbei am Gehege mit den Seidenhühnern, das kürzlich Besuch vom Fuchs erhielt. Hinter dem Haus, mit Blick über die Stadt, liegt der Garten, sind wir im Kräutergarten angelangt, der sich der Hausfassade entlang zieht.
Hier wächst in einem Beet üppig ­Lavendel, bekannt für seine beruhigende Wirkung. Wird in Duftkissen verwendet, auch für Hautcrèmes, ebenso für Tee. Da die Pflanze recht hoch wächst, ist sie auch für alte Menschen leicht zu schneiden, was ein wichtiger Aspekt ist.

Nicht Hors-sol
Ein paar Schritte weiter stehen wir vor dem ersten Hochbeet, für einige unter uns ein Novum. Thomas Pfister hat die Hochbeete zusammen mit ­einer Hilfe eigenhändig angelegt. Die beiden Männer haben schwere Granitblöcke zu knapp meterhohen Mauern aufgeschichtet und den entstehenden Hohlraum mit Erde auf­gefüllt. So kamen die drei Beete auf eine Höhe zu liegen, die es erlaubt, bequem auf dem Rand sitzend sozusagen das Feld zu bestellen. Denn was den Teilnehmenden des sogenannten Gartenclubs definitiv nicht mehr liegt, ist sich tief gebückt zu ­betätigen. Nicht Hors-sol also, doch gewissermassen Hochparterre.
«Stevia, genannt Süsskraut, ist nicht winterhart», erklärt Thomas Pfister. Daneben wächst ein Zitronenstrauch, Verveine, bekannt als Tee. Ebenso gedeiht hier Kamille und geradezu üppig wuchernd Rosmarin.
Der gelernte Reallehrer, der ein Studium in Psychologie abschloss und sich zum Phytotherapeuten weiterbildete, hat die Gäste längst in seinen Bann gezogen. Begeistert erläutert er jede Pflanze. Weinraute, Sonnenhut, dann Fenchel. Er habe immer ein paar Fenchelsamen bei sich in der ­Tasche. Gekaut wirken sie gegen schlechten Atem, wenn man gerade gegessen hat, wirken zudem bei Verdauungsstörungen.

In aller Schärfe
Meerrettich, die Wurzel mit dem scharfen Geschmack, ist geeignet für Auflagen, Kompressen, und stärkt das Immunsystem. Zum Apéro stellt Pfister Brötchen mit Meerrettichschaum in Aussicht, sodass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Die daneben wachsende Orangenminze kann für Desserts verwendet werden.
Im dritten Hochbeet wächst unter ­anderem Oregano. Die sich gleich daneben zur Terrasse hochrankende Glyzinie ist giftig, werden wir aufmerksam gemacht, sie dürfte hier nicht wachsen, wenn demente Menschen da wohnen würden, zu gefährlich wäre das für sie.
Gartentherapie hat sich in den USA und in England längst etabliert und beginnt nun auch im deutschsprachigen Raum Fuss zu fassen. Die Idee dabei ist, dass Menschen mit einem entsprechenden beruflichen Hintergrund, etwa mit einem pflegenden Beruf, sich die wohltuende Wirkung der Natur sowie der anzupflanzenden Kräuter zunutze machen.
­Thomas Pfister arbeitet mit alten Menschen, in vier Altersheimen der Stadt Zürich. Jeweils von Mitte April bis anfangs November trifft sich der Gartenclub. Acht bis zehn Personen sind das hier beim Pfrundhaus, immer am Mittwochnachmittag, zwei Stunden. Das älteste Mitglied ist ­eine mittlerweile 103-jährige Frau. Alte Menschen schätzen dieses Angebot. Manche von ihnen hatten früher selber einen Garten oder sind in einer ländlichen Gegend aufgewachsen. Das gibt Anknüpfungspunkte, so kann man in Erinne­rungen schwelgen und miteinander darüber austauschen. Im Club sind auch drei bis vier Männer. Männer sind ­diesem Alter im Allgemeinen schwerer zu aktivieren als Frauen. Dieses Angebot scheint ihnen besser zu liegen als anderes.

Mit neunzig auf die Leiter?
«Ein Holunderstrauch», deutet Thomas Pfister mit dem Finger. «Aus den Blüten gewinnen wir Sirup und aus den Beeren machen wir einen Saft.» «Und da steigen die aktiven Alten dann die Leiter hoch?» fragt jemand leicht skeptisch. «Das gerade nicht», kommt zurück. «Das macht ein Gärtner. Man kann sich den Club so vorstellen, dass die Leute auf dem Mäuerchen sitzen und das Beet bearbeiten. Es lassen sich auch Stühle oder Rollstühle zu den Hochbeeten stellen. Darin liegt der grosse Vorteil. Und später nimmt man einen gemeinsamen Zvieri ein, etwa Quark mit frisch geernteten Kräutern.»
Wermut, sprichwörtlich für bitter ­etwa im Ausdruck Wermutstropfen, darf gekostet werden. Vorne auf der Zunge, da geht es noch, doch sogleich kommt von hinten der ebenso sprichwörtliche bittere Nachgeschmack, und man spuckt aus. Liebstöckel oder Maggikraut wird für Suppen oder für das hauseigene Kräutersalz verwendet. Zitronenmelisse wird für Tee, ­Sirup oder für Schlafkissen gebraucht.
Es ist nämlich so, dass Pfister mit der Aktivierungstherapeutin zusammenarbeitet. Die weitere Verarbeitung der Ernte geschieht dann im Aktivierungsraum, der entsprechend eingerichtet ist, etwa über einen Kochherd verfügt. Sie verarbeitet mit den Clubmitgliedern die Ernte zu Kräutersalz, das zehn Kräuter enthält, auf der Basis von Meersalz, oder zu Konfitüre, zu Duftkissen und einiges mehr. Der Koch bereitet manchmal für einen Apéro Salbeimäuschen zu, mit Bierteig ummantelte Salbeiblätter.

Aus eigenem Garten
Wir sind im Garten des benachbarten Bürgerasyls angelangt. Hier gibt es einige weitere kleinere Hochbeete aus Holz. Hier stehen einige Obstbäume. «Quitten», schmunzelt Pfis­ter. Daraus wird extern ein Schnaps gebrannt, der dann an Mitarbeitende verkauft wird. Und aus den Zwetschgen gibt es Kuchen, Kompott, Konfitüre oder «Kafi Zwätschge».
Im Atelierraum schreiten wir zu guter Letzt zum liebevoll vorbereiteten Apéro. Die angekündigten Brötchen mit Meerrettichschaum munden köstlich, das Kräutersalz, mit dem die übrigen Brötchen bestreut werden können, ist würzig. Zu trinken gibt es hauseigenen Melissen-Pfefferminz-Sirup, ein Renner – oder Wein, für einmal von weniger zen­traler Bedeutung.
Hier also entstehen die beliebten Duftkissen aus zehn Zutaten wie ­Rosenblättern, Baldrian, Thymian, Kamille, Lavendel, Pfefferminz. Den Hopfen bezieht man von auswärts, der wächst nicht auf eigenem Grund und Boden. Die Duftkissen sind schon fast gefüllt und müssen dann noch zugenäht werden. Sie entfalten ihre Duftkraft etwa ein Jahr lang. Auf dem Regal stehen Gläser mit Konfitüre, natürlich hausgemacht. «Der Beruf des Gartentherapeuten», sagt Thomas Pfister strahlend, «ist ein Traumberuf!»

Elmar Melliger

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