Weltblatt für den
Kreis 1


Ein Zuhause im Oberdorf

Seit 25 Jahren leitet Robert Wyss die Herberge zur Heimat an der Geigergasse 5, eine Zufluchtstätte für alleinstehende, obdachlose Männer. Das ist mehr als ein Dienstjubiläum: fast ein kleines Wunder.

Wen Gott liebt, dem schenkt er ein Haus in Zürich, soll im 12. Jahrhundert Bischof Otto von Freising, der Chronist von Kaiser Friedrich Barbarossa, erklärt haben. Heutzutage sieht das mancher Liegenschaftenbesitzer allerdings nicht mehr so, es wird im Gegenteil gejammert, wenn auch meistens auf hohem Niveau.
Das Haus Geigergasse 5 jedoch ist und bleibt – hoffentlich – ein Glücksfall. Es gehört der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich, die dort die Herberge zur Heimat betreibt. Gegründet worden war sie vom christlichen Jünglingsverein zuerst im «Augustinerhof», wurde 1895 ins Haus zum Widder gezügelt und 1897 an die Geigergasse. – Der über dem Eingang in Stein gemeisselt gen Himmel weisende Zeigefinger gilt als Symbol dafür, dass hier christliche Hilfe geleistet wird.

Auch in schwierigen Zeiten
Anfänglich ging es darum, jüngeren Handwerksgesellen ein ordentliches Daheim zu bieten. Im Lauf der Jahrzehnte wurde die Herberge zum Zufluchtsort für alleinstehende obdachlose Männer. Dass sie es bis heute geblieben ist und dass sie auch in struben Zeiten «funktioniert», das ist zu einem grossen Teil Robert Wyss zu verdanken. Respekt! Robert Wyss, Jahrgang 1945, ist kein gelernter Sozialarbeiter. Er gab damals, der Herberge zuliebe und zum Entsetzen der Verwandtschaft, seinen Job bei den SBB auf. Den Umgang mit Einzelgängern, mit Randfiguren, war er, ein Pfarrerssohn, allerdings schon gewohnt.

Zimmer statt «Massenschläge»
Als er anfing, gab es noch «Massenschläge», Billigstunterkünfte und im Keller eine einzige Dusche für hundert Männer, für die freilich die Körperhygiene ohnehin nicht höchste Priorität hatte. 1983, nach der aufwändigen Renovation, waren es noch 70 Plätze, es wurden keine Touristen mehr aufgenommen und nur noch Leute mit Wohnsitz in Stadt oder Kanton Zürich.

Bürgerliche Träume leben
Heute verfügt die Herberge über 36 Einzel- und 7 Doppelzimmer. Im 4. Stock lebt eine Wohngruppe, bestehend aus 9 Personen. Geboten wird, neben den sozialen Strukturen und dank dem Bezugspersonensystem einer möglichst individuellen Begleitung, solide Halb- und Vollpension, der Nachmittagskaffee ist gratis, Alkohol ist im Haus nicht gestattet. Mit Hausdienst kann man sich ein Zubrot verdienen.
«Die Männer hier leben doch ein Stück weit unsere bürgerlichen Träume, zum Beispiel an einem schönen Tag nicht ‹go chrampfe›, sondern fischen zu gehen…», erklärte mir Robert Wyss schon vor Jahren bei meinem ersten Besuch. Er ist aber keiner, der beschönigt und schon gar kein Moralapostel. Er kann reden, wie seinen Bewohnern der Schnabel gewachsen ist, er kann auch poltern. Er wolle aber nicht der «Bölimann» sein, sagte er schon damals. Sein Ziel sei es, die Herberge zur Heimat so zu führen, dass er es – im Notfall – auch selber dort aushalten könnte – als Bewohner.
Dazu wird es kaum kommen. Seit 2002 arbeitet das Sozialunternehmen auf eigene Rechnung, ist wirtschaftlich unabhängig. Und es floriert, wird laufend modernisiert, Wyss ist der geborene «Bauchnuschti», der am liebsten selber Hand anlegt. Ein «Markenzeichen» ist nebst manch anderem die gute medizinische Versorgung; Heimarzt Andreas Roose, der auch die Heimkommission präsidiert, hält wöchentlich Sprechstunde. Eine Alters- und Pflegeabteilung wurde eingerichtet. Viele Bewohner leben in der Herberge bis zu ihrem Tod. Arthur Haltmeier, der 86-jährig starb, hatte 43 Jahre in der Herberge gelebt, ein Rekord. Emil Hächler wurde 93 Jahre alt…
Wyss kennt alle seine Pappenheimer, nicht nur dem Namen nach. Er kennt ihre Biographien, ihre heillosen Geschichten, ihre Macken. In der Herberge werden Geburtstage gefeiert, regelmässig fahren die Männer ins Ferienlager, es gibt auch immer wieder «Events», etwas zu feiern. Denn die «Herberge soll Heimat sein, bis man in die ewige Heimat abfährt». Nicht nur für Reformierte – auch für Juden, Muslime, Katholiken und Atheisten.

Esther Scheidegger Zbinden


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