Weltblatt für den
Kreis 1


Grüsse an Frau Sommerender

Unser Gastschreiber Stephan Wetzel lebt seit einigen Jahren an der Zähringerstrasse im Niederdorf, wo die unterschiedlichsten Menschen und Bedürfnisse aufeinander treffen.

Wer oft zügelt, in andere Wohnungen, Städte, Länder, weiss es zu schätzen, wenn das neue «Heim auf Zeit» nicht anonym bleibt, wenn Geschichten an den Häusern ablesbar sind und die Menschen, denen man auf der Strasse begegnet, manchmal Nachbarn sind. Im Niederdorf ist das so. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Touristenfalle, Anwohnerkneipen, Rotlichtbezirk und rechtschaffenem Kleingewerbe. Hier hat man beides, das Dorf und die Stadt, und zu beidem gibt es Geschichten und Bilder, mit denen man sich anfreunden kann. Hier also eine Auswahl aus meiner Strasse und meinem Haus.

Hausnachbarn
Wenn man bei ihr auf der dritten Etage klingelte, öffnete sich ein kleines Fensterchen neben der Tür, in dem ihr Gesichtchen und ein Stück Kragen ihres rosafarbenen Morgenmantels erschienen. An neue Mieter im Haus gewöhnte sich Frau Sommerender nur langsam und an manche gar nicht, besonders nicht an solche, die ihr, wenn sie mit ihren Einkäufen zurück kam, auf der engen Holztreppe polternd entgegenstürmten. Sie wartete dann lieber auf einem der Treppenabsätze – vor der psychoanalytischen Praxis oder vor der psychotherapeutischen Praxis oder vor der Praxis für ganzheitliches Wohlbefinden, bis die schweren Schuhe des schweren Mannes mit Zopf an ihr vorbei nach unten gegangen waren. Sie gewöhnte sich dafür
an den jungen Mann mit dem alten Hund, dessen Blasenschwäche zweimal täglich an einer feinen Spur vom Parterre bis in die oberste Etage abzulesen war. Beide waren sehr schüchtern, der junge Mann wie der alte Hund, und wenn man sie ansprach, stolperte erst der Hund, dann der Mann. Nein, vor ihnen brauchte Frau Sommerender keine Angst zu haben. Nach einigen Monaten und verschiedenen «Guten Morgen» und schliesslich im Dezember «Fröhlichen Weihnachten» konnte man mit Frau Sommerender ins Gespräch kommen. Man konnte erfahren, dass sie schon seit vierzig Jahren in diesem Haus gelebt hat, erst in dem kleinen Zimmer unterm Dach, dann, als sie den Mann heiratete, der auf der dritten Etage mit seinen Eltern wohnte, in seiner Wohnung. Sie zahlten kaum Miete, weil ihr Mann die Hausmeisteraufgaben übernahm. Nach seinem Tod lebte sie hier allein, aber allem Anschein nach nicht unglücklicher weiter. Um ab und zu die Glühbirne im Treppenhaus zu wechseln und neue Ölkannen aus dem Keller hochzutragen, fanden sich immer auch Mitmieter.

Überall Bücher
Ich sitze in meiner Wohnung und sehe aus dem Fenster. Ein paar Meter von meinem Schreibtisch entfernt stehen die Buchbinder an ihren Arbeitstischen in der neonhell erleuchteten Werkstatt über der Pestalozzi-Bibliothek auf der anderen Strassenseite. Ihr Licht ist fast so hell, dass ich in meiner Wohnung damit lesen kann. An Wintermorgen und -abenden zeigt es die Uhrzeit an, um sieben Uhr geht es flackernd an, nachmittags ab drei wird es ausgeschaltet. Wenn es wärmer wird, im Frühling, werde ich die Buchbinder, die sich am offenen Fenster eine Zigarettenpause gönnen, wieder über die Zähringerstrasse hinweg rauchend grüssen. Auch die Hausmeisterfamilie, die über der Werkstatt unterm Dach wohnte und mir schon oft beim Abendessen zugeschaut hat, war mir vertraut. Wo sind sie wohl hingezügelt, als ihre Wohnung für die Bibliothekserweiterung gebraucht wurde? – Apropos Bücher: Als ich hier einzog, konnte ich endlich ausprobieren, wie gut es tut, in kleinen Räumen nicht jede Wand mit Regalen voll zu stellen. Stattdessen ist die ganze Strasse mein Bücherregal, mit der Zentralbibliothek am einen, Clio am anderen Ende und dazwischen das berühmte Antiquariat Pinkus und Kaligramme an der Häringstrasse. Länger als zehn Minuten habe ich hier nie nach einem Buch gesucht, und auch wenn ich mal einen guten oder ungewöhnlichen Film brauchte, habe ich ihn nicht weniger schnell bei Les Videos gefunden.

Konkurrenz zum Buch
Die wahre Konkurrenz zum Buch scheint, zumindest an der Zähringerstrasse, der Sex zu sein. Mit Sicherheit buhlen die beiden nicht um die selben Kunden, höchstens um die gleichen Mietpreise. (Liebe Leser, lest, lest, lest…) Irgendein Zürcher Urbanist muss mir
den Zusammenhang mal erklären. Es ist schon sehr komisch, besonders in der Vorweihnachtszeit, wenn man durch das obere Ende der Häringstrasse kommt und unten vor den rot leuchtenden Fenstern des Puffs die Männer stehen
wie vor einem Adventskalender und darauf warten, dass sich das nächste Türchen öffnet.
Die wahre Zähringer-Kunst besteht wohl darin, sich auf der Grenze zwischen Rotlicht-Ecken und Wohnquartier zu behaupten, indem man beharrlich eine besondere Nische erkämpft. Hier gibt es absurde Einrichtungsläden, ein gutes Kino, eine Bar für Leute aus den Achtzigern, eine Bar für Schwule, eine für junge Landeier, ein Café für Gestrandete mit Träumen und jede Menge Hotels, in denen morgens auf Stöckelschuhen trippelnd die Crews von Alitalia verschwinden und abends Japaner Käsefondue essen. Ich habe übrigens meine Zeitung immer gerne am Kiosk im Café Marion gekauft, weil der Chef dort, Walter Reichmuth, der vor ein paar Wochen gestorben ist, mir das Wechselgeld immer mit so einer wegwerfenden Handbewegung zurückgab. Man musste hier eben eine Weile gewohnt haben, um zu wissen, dass dieser Wink aus dem Handgelenk nicht Missachtung, sondern ein freundlicher, wenn auch rudimentärer Abschiedsgruss war. – Frau Sommerender ist in der Zwischenzeit in ein Seniorenheim umgezogen. Sie hat sich darauf gefreut, weil sie dort in ein Zimmer im Erdgeschoss zog und Zugang zum Garten hat. Der Abschied von der Zähringerstrasse war ihr offenbar nicht schwer gefallen. Bei mir wird das anders sein. Und deshalb grüsse ich sie herzlich.




Unser Gastschreiber
Stephan Wetzel, 1960 geboren und in Stuttgart aufgewachsen, studierte in Tübingen und Glasgow Germanistik und Anglistik. Nach zwei Jahren in Schottland kam er 1992 für drei Monate zum ersten Mal nach Zürich, als Regieassistent und Dolmetscher für einen englischen Regisseur am Schauspielhaus. In Berlin, am Berliner Ensemble, war er bis 1998 Mitarbeiter des Regisseurs Peter Palitzsch, dann Pressesprecher und Dramaturg. 1998 kehrte er als Dramaturg an das Zürcher Schauspielhaus zurück, arbeitete dort in der Direktionszeit von Christoph Marthaler und war in der letzten Interims-Saison als Leitender Dramaturg für den Spielplan mitverantwortlich. – Stephan Wetzel wohnt seit fünf Jahren zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Judith Kuckart, an der Zähringerstrasse im Kreis 1.



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