Weltblatt für den
Kreis 1


Wenn Zürich zum Beruf wird

Unser Gastschreiber Sigi Schär hat durch seine berufliche Tätigkeit und sein ausserberufliches Engagement Zürich und die Altstadt kennen gelernt wie seine Westentasche.

Aufgewachsen bin ich in Oensingen. In Solothurn habe ich die Mittelschule besucht. Als der Atem ausging, absolvierte ich eine Verwaltungslehre bei der Solothurnischen Staatsverwaltung in Balsthal. Ich arbeitete dann einige Zeit bei General Motors Suisse SA in Bienne, um das Französisch zu verbessern. Ich fühlte mich aber weder zu Autos noch zum Französischen hingezogen, sondern zu Kunst, Literatur, Jazz und Theater. Also wechselte ich in jene Stadt, die all meine Sehnsüchte erfüllen konnte, nach Zürich.
Ich bezog ein möbliertes Zimmer an der Nordstrasse 155, in einem Haus, das es heute nicht mehr gibt, obwohl die Nordstrasse noch grösstenteils so dasteht, wie sie vor vierzig Jahren dagestanden hatte. Ich hatte eine Teilzeitstelle in einem Fachbuchverlag, wo ich den Versand zu besorgen hatte. Am Abend arbeitete ich im Theater am Hechtplatz, atmete also Theaterluft, wenn auch nicht ganz so, wie ich das im Stillen gedacht hatte, nämlich das Bühnenstudio zu besuchen, das heute Schauspielakademie heisst.

Munteres Altstadtleben
Im August 1966 zügelte ich von der Nordstrasse in die Altstadt, an die Weite Gasse 6 – in ein Haus, das es heute nicht mehr gibt. Ich war Mieter von Kurt Markus Degen. Im gleichen Haus wohnten Künstler, ein Jazz-Saxophonist und der Maler Franz Anatol Wyss. Unsere gute Stube war das Restaurant «Eckstein» der Familie Heller. Wenn man uns telefonieren wollte, rief man im «Eckstein» an, und die Serviertochter schrie die Weite Gasse hinauf: «Wyss, Schär, as Telifon!» Im Stockwerk über uns teilten sich zwei freiberufliche Damen das Zimmer. Wenn es manchmal etwas laut wurde, mussten wir nachsehen gehen und unsere Nachbarinnen schützen.
Nach einer munteren Premiere im Theater am Hechtplatz, es könnte Bibi Balu gewesen sein, kredenzte der Theater-Produzent Edi Baur den Gästen Champagner, was für mich damals noch etwas Fremdes war. Ich liess zwei Flaschen mitlaufen und stellte sie an der Weiten Gasse zur Kühlung vors Fenster. Am nächsten Tag rief die Polizei an, ob wir etwas vermissten. Die Altstadt-Patrouille der Stadtpolizei hatte von der Oberdorfstrasse her beobachtet, wie jemand an unserem Haus die Dachrinne hoch kletterte und die Champagner-Flaschen vom Fenstersims holte. Die Polizei stellte das Diebsgut, das es in mehrfacher Beziehung war, sicher und überliess es uns wieder.

Alphorn blasen für Zürich
Nach einem beruflichen Gastspiel bei der Präsidialabteilung der Stadt Zürich ging ich zum Verkehrsverein, wo Zürich zum ersten Mal zu meinem Beruf wurde. Ich hatte Zürich in der ganzen Welt als Kongressstadt anzubieten. In den frühen Siebzigerjahren entstanden plötzlich neue Hotels in Zürich, während die Limmatstadt vorher über Jahrzehnte an Bettenknappheit gelitten hatte. Der Verkehrsverein musste damals jeden Abend mit Autobussen in die Innerschweiz fahren, um die Touristen, die in Zürich keinen Platz fanden, in Hotels in Zug und Luzern unterzubringen. Dann entstanden plötzlich das Hotel Zürich, das Hotel Atlantis, das Hotel International und das Hotel Nova Park. Zürich bekam Grosshotels mit Tagungsräumen. Meine Aufgabe war es, diese Hotels in Zusammenarbeit mit den Sales-Managern der Hotels an die Frau und an den Mann zu bringen. Ich reiste als Zürich-Verkäufer mit dem Alphorn beladen vor allem nach Amerika und blies das Alphorn für Zürich. Ich war durch und durch Zürcher geworden.

Fürs Lokale
Ich wechselte in den Zürich-Teil der Redaktion der NZZ. Da schrieb ich über den Gemeinderat und über alles und jedes, was in Zürich passierte, über das Sechseläuten, über das Knabenschiessen. Ich betreute die Hotellerie, ich schrieb über Stadtplanung, Bauen und Architektur. Ich lernte Zürich immer besser kennen, die Stadt, nicht den Kanton. Er ist mir, mit Ausnahme unserer Wandergebiete, nie ganz vertraut geworden. Wenn mich jemand fragt, wo Agasul sei oder First, frage ich zurück, wo Kestenholz ist oder Laupersdorf. Dann sieht man, dass die Zürcher den Kanton Solothurn ebenso wenig kennen, wie die Solothurner den Kanton Zürich.

Engagiert fürs Theater
Schliesslich habe ich in Zürich auch meine Lust und mein Interesse am Theater ausleben können. Ich wurde in den Verwaltungsrat des Theaters am Neumarkt gewählt. Martin Fueter, Spross aus der Filmer- und Theaterfamilie Fueter-Blanc, war Präsident des Theaters. Mit ihm arbeitete ich zehn Jahre zusammen. Nachher übernahm ich das Präsidium – erst als kein anderer wollte. Martin Fueter meinte nämlich, ein Freisinniger könne wohl kaum dieses als links geltende Theater präsidieren. Ich habe mein Präsidium angetreten, als Gudrun Orsky dem Theater vorstand. Gleichzeitig wurden Volker Hesse und Stephan Müller neue Direktoren und fast gleichzeitig wollte der Stadtrat das Theater aus Spargründen schliessen. Weil wir uns dagegen wehrten, entstand aus dem Schliessungstheater eine gewaltige Propaganda-Aktion für den Neumarkt. Die neue Direktion wusste diesen Schub in jeder Beziehung zu nutzen. Der Neumarkt kam zum Blühen. – Nachzutragen wäre noch, dass ich nach der Weiten Gasse 6 und 8 an der Rämistrasse 50 wohnte, dann an der Unteren Zäune 25, dann am Neumarkt 10. Seit 1985 wohne ich an der Kirchgasse 17. Dazwischen gab es
ein paar Lücken in meinem Altstadtleben. Ich musste aus beruflichen Gründen nach Oerlikon, als ich, noch als Verkehrsvereins-Mitarbeiter, den Weltjugendkongress der Siebentags Adventisten im Hallenstadion mit zu organisieren hatte. Weil ich nachher nichts Passendes in der Altstadt
fand, wohnte ich zwei Jahre im Seefeld. Aber sonst bin ich in Zürich nie über den Kreis 1 hinaus gekommen. Vom Landleben hatte ich ja in meiner Jugendzeit genug.
Jetzt war und ist mein Leben die Stadt, und Zürich ist auch grösstenteils der Inhalt meiner Tätigkeiten geworden.

Sigi Schär


Unser Gastschreiber
Sigi Schär (1942) ist im Solothurnischen aufgewachsen, wo er eine Verwaltungslehre absolvierte. Zunächst arbeitete er in Biel, 1965 kam er nach Zürich, wo er zwölf Jahre beim Verkehrsverein angestellt war, zuletzt als stellvertretender Direktor. 1979 wechselte er zur NZZ, für die er über Zürcher Lokalpolitik und später übers Bauen und über Architektur schrieb. Die letzten fünf Jahre hatte er die Leitung des Ressorts Zürich inne; soeben ist er in Pension gegangen.
Als Theaterbegeisterter war er fast zwanzig Jahre im Verwaltungsrat des Theaters am Neumarkt, wovon acht Jahre als Präsident. Er war massgeblich an der Rettung des von der Schliessung bedrohten Theaters beteiligt. – Seit 1966 lebt er in der Altstadt. Er ist verheiratet mit der SP-Politikerin Johanna Tremp.


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