Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Mit «Mama» im Wasser

Gibt es etwas Schöneres, als trockenen Fusses mitten im Fluss zu essen, mit Blick auf den Zürichsee und das Grossmünster?

Möglich ist das im renovierten Restaurant «Bauschänzli», dem Bollwerk aus dem Jahr 1660.

Für unsere Abonnenten in Übersee: Das Restaurant «Bauschänzli» liegt nicht an, sondern in der Limmat, auf einem kleinen Plateau, dessen Renovation die Stadt Zürich soeben 3,9 Millionen Franken gekostet hat. Ausserdem sagt man Buschänzli und nicht Bouschänzli oder Bauschänzli. Genauso wie man Buamt sagt. Das Buamt gab der südlichsten Verteidigungsanlage Zürichs (damals gegen die bösen Rapperswiler) den Namen – das Zürcher Bauamt hatte das Bollwerk aus Natursteinen ums Jahr 1800 übernommen.

Mindestens 100 Bediente
Und noch etwas Historisches: Die Kastanien stehen deshalb so weit von der Stützmauer entfernt, weil eine Militärkommission 1808 mit ihrer eigenen Logik die Bäume auf der künstlichen Insel so pflanzen liess, dass «ein mit Pferden bespanntes Geschütz unbehindert die Runde machen kann». – Herr Keck und ich setzten uns auf einen der 100 Stühle im bedienten Teil des Restaurants (der unbediente kann 600 Gäste aufnehmen). Ich mit Blick auf Quaibrücke und See, Herr Keck mit Blick auf die vollbesetzte Frauenbadi, was ihm nichts nützte, denn er hatte seine Brille nicht dabei. – Noch bevor die flinke Kellnerin, Rita A., an unserem Tisch stand, quakten zwei Enten in der Limmat und forderten Brotmöckli, und Herr Keck erzählte, er habe als Bub seinen Herrn Papa aufs «Buschänzli» begleiten dürfen und sei als Lehrling bei einer benachbarten Bank öfters dort zu Gast gewesen, habe im August 1992 im Altstadt Kurier über ebendieses Lokal geschrieben und Fred Tschanz, der Pächter, habe ihm daraufhin liebenswürdigerweise einen Gutschein geschickt, den er nie eingelöst habe. Herr Keck zückte ebendiesen Brief und tippte auf den Text: «Einladung zu einem feinen Essen für Fr. 100.–» stand drauf.
Nachdenklich bestellten wir ein Glas Aigle les Murailles (1 dl zu Fr. 7.50) und prosteten auf den Tag zu, der schönes Wetter versprach, als leise, leise die Musik einsetzte. So leise, dass die iPod-Generation das als Tinnitus identifizieren würde. Item. Erst tönte es nach «Marina, Marina, Marina», dann nach «Maledetta Primavera» und schliesslich nach «Mama!» (von Heintje) und Herr Keck entfuhr, sichtlich tatendurstig: «Also wenn Sie mit mir tanzen wollen, also dann komme ich schon!»

Salatblatt im Schwanenhals
Ausgerechnet in dieser Sekunde brachte die Kellnerin Herrn Kecks Wienerschnitzel (vom Schwein für Fr. 29.50, das vom Kalb kostet Fr. 36.–) mit Pommes frites und mein Tatar (Fr. 29.50) «scharfscharf» («Rind’s» Tatar hiess es auf der Karte, ich bestellte es trotz dem orthografischen Ausrutscher). Es war tatsächlich «scharfscharf», wie gewünscht, und war hübsch dekoriert (das Salatblatt verschwand flugs in einem Schwanenhals).
Herr Keck klopfte mit dem Messer auf die Panade seines Schnitzels und sagte, jede Silbe mit einem Klopfzeichen betonend: «Her-vor-ra-gend!» Dann fügte er beseelt hinzu: «Meine einzige Kritik: Der Teller ist zu klein!» Mit anderen Worten: Das Wienerschnitzel hatte die richtige Grösse: XXL.
Neben uns fuhr schon wieder «Felix» die Limmat hinab. «D’ Bettfläsche», sagte ich. «Dä versoffni Car!» sagte Herr Keck. Voll besetzt war das Boot (oder der versoffene Car), das sich ducken muss, um unter den tiefen Brückenbögen durchfahren zu können. Neu sei, meinte Herr Keck, dass die flussseits gepflanzten Kastanien keine Früchte trügen: «Also können auch keine Kugeln in die Suppe plumpsen.»
Wir waren bei einem Schweizer Pinot Noir angelangt (Fr. 6.50 pro dl) und ich hatte 5 Schwäne, 4 Enten und 1 Taucherli durchgefüttert. Meine Begeisterung für das gefrässige Geflügel irritierte Herrn Keck hörbar. «Das nächste Mal», sagte er, «das nächste Mal essen wir in der Volière!»

René Ammann
(René Ammann und Peter Keck essen und trinken jeweils zu zweit, weil es geselliger ist. Einmal schreibt Herr Ammann, dann Herr Keck.)

Restaurant «Bauschänzli», Stadthausquai 13, 8001 Zürich, Telefon 044 212 49 19. Geöffnet bei gutem Wetter von Mai bis September von 11 bis 23 Uhr. Live Tanzmusik von 15 bis 17 und von 19 bis 22.30 Uhr. Zürcher Oktoberfest vom 6. Oktober bis 5. November. Reservationen schon heute über www.bauschaenzli.ch.

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