Weltblatt für den
Kreis 1


Eerde Werde Merde

René Ammann lädt ein zu einem Rundgang durch Giuseppe Reichmuths Universum

Er ist nicht nur ein äusserst kreativer, hintersinniger und liebenswürdiger Künstler, der Giuseppe Reichmuth, Jahrgang 1944, der gegenwärtig die erste Ausstellung in einem öffentlichen Zürcher Raum bestreitet. Er ist auch ein Lebenskünstler, der «den Staat nie melken musste», wie er ohne Groll erzählt, einer, der sich freut, im Stadthaus jener Stadt «ausstellen zu dürfen», die ihm in all den Jahren weder ein Stipendium noch ein Atelier in New York noch eine Fördergabe oder andere Göttibatzen zuhielt.
Ihm, der die Zürich-Ikone «Zürich Eiszeit» samt Pinguinen und Eisbrecher auf der Limmat schuf, 1975 war das, also weit vor den Jugendunruhen. Ihm, der für eine Performance mit dem Theatermacher Ruedi Häusermann in (falsche) Zürcher Polizistenuniformen schlüpfte und Trottinett fuhr, am kleinen Finger eingehakt über die Brücke zum Münsterhof flanierte, Federball spielte oder an einer Zuckererdbeere von der Chilbi naschte.
Kein einziges seiner Werke wurde je von einer öffentlichen Sammlung gekauft, erzählt Reichmuth. Es fand sich gottseidank ein privater Zürcher Sammler: «Zürich Eiszeit» gehört Max Wiener.
So. Nun zur Ausstellung, sie dauert bis 22. Dezember. Die Kraft, die Reichmuth innewohnt, zeigt sich schon im Umgang mit dem Raum oder besser Un-Raum für Kunst: Reichmuth bat die Stadtzürcher Angestellten um ein Kleidungsstück – und seither baumelt allerhand Halbseidenes und Baumwollenes mehrschichtig vom Stadthaushimmel und fasst Raum, Anlass und Kunst so charmant zusammen, dass man ob der Chuzpe kichern muss. In einem Treppenhaus überrascht ein Tisch mit Stuhl und Weinflasche – gemalt in der obersten Ecke. Und was die meisten Besucher als feste Installation betrachten und achtlos beiseite lassen, um sich den Hin- und Her-Bildern zu widmen, ist in Wahrheit ein Reichmuth: die blinkende Madonna im obersten Stock mitsamt dem ewigen (roten) Lichtlein.
Ein Wörterband setzt sich über die schweren Eichentüren hinweg und verkündet GURKENSALATTENTATOMEXPLOSIONANIERENWÄRMER, denn Reichmuth ist auch ein Sprachkünstler.
Auf einem Bild dreht sich (dank Uhrwerk) ein N und macht aus Schwei je nachdem ein SchweiN gehabt oder SchweiZ gehabt.
Auf einem anderen dreht sich ein W zum E und zum M und macht aus Eerde Werde und schliesslich Merde. Was will man da sagen? Oui, c’est la vie!

René Ammann

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