Weltblatt für den
Kreis 1


Adieu Herr Benz – das Ende einer Ära

Esther Scheidegger dankt Hans Benz, dem letzten Filialleiter des Coop im Oberdorf, der auf Ende Jahr schliesst.

Auf Ende Jahr schliesst bekanntlich der Laden an der Oberdorfstrasse 26 als Coop-Geschäft. Deshalb, bevor er im Frühjahr nach einem Umbau unter neuer Leitung wieder eröffnet wird, heisst es Abschied nehmen. Es folgt sozusagen ein Nachruf – obwohl der Betrauerte quicklebendig ist und es hoffentlich noch lange bleibt: Hans Benz, der letzte Filialleiter des Coop im Oberdorf.

Wer kann von sich behaupten, dass ihn alle Frauen, kollektiv sozusagen, vermissen werden – männliche Kunden sind selbstverständlich mitgemeint? Hans Benz, 62, er kann es. Er schliesst per 31. Dezember nach 21 Dienstjahren die kleinste Coop-Filiale in Zürich, ja in der Region Zentralschweiz, die das Quartier 1981 (damals war es noch ein «Konsum») mit geharnischten Protesten gegen die angedrohte Schliessung rettete. In gegenseitigem Einvernehmen, wie man zu sagen pflegt, lässt sich Hans Benz frühpensionieren. Er verlässt das Haus zum Sitkust, dessen berühmtester Bewohner im 15. Jahrhundert Hans Waldmann gewesen war.

Glück gehabt
Gelernt hat Benz seinen Job beim ehemaligen Konsumverein Zürich, am Baschligplatz und am Römerhof. Er habe Glück gehabt, erinnert er sich: Salz, Öl, Zucker und Mehl wurden schon nicht mehr altmodisch offen verkauft, Bestellungen wurden per Post gemacht, Stefanie Glaser machte mit ihrem Goldfisch Traugottli im glasklar geputzten Aquarium Furore in der Durgol-Werbung und Rabattmarken waren noch bares Geld für die sparsame Hausfrau – ein volles Heftli bedeutete acht Franken auf die Hand! Ab 1967 wirkte er 17
Jahre an der Freiestrasse, managte dort auch die neumodische Traiteurabteilung mit gefüllten Sülzli, Salaten, Sandwichs und Birchermüesli. Seine persönlichen Leibspeisen sind Riz Casimir und Leberli.

Ein Glücksfall fürs Quartier
Fürs Oberdorf war Hans Benz ein Glücksfall für Jung und Alt, auf 65 Quadratmetern umsichtig, umtriebig und hilfsbereit, wie auch Amijet Hasipi und Albina Zeciri, seine Mitarbeiterinnen in den letzten Jahren. Er kannte, schrieb der legendäre Rohr-Buchhändler Heinrich Fries in seinem Buch «Im Zürcher Oberdorf» (Chronos Verlag) noch zu seinen Lebzeiten fest, «die meisten Kundinnen und Kunden mit Namen und weiss auch von ihren Wünschen und Eigenarten. So werden hier menschliche Kontakte gepflegt, die den Alltag verschönern und die man in den grossen Kaufläden … nicht findet.» So empfahl er gelegentlich einer Katzenhalterin verschwörerisch, den Futter-Grosseinkauf, oder einem Galeristen, die Vernissage-Tranksame doch erst nächste Woche zu tätigen, «mir händ nämli Aktion». Unkompliziert übernahm er den Hauslieferdienst für Seniorenhaushalte, wusste, wer für welche kleinen Laster wieder einmal Nachschub brauchte. Er gewährleistete auch die Selbstversorgung im Quartier, brachte der Bilderbuch-Bäckerei die Biomilch fürs Bauernbrot vorbei, dem Produzenten der krustenlosen Kirschstängeli den Zucker, dem Traditionsschuhhändler kastenweise Mineralwasser und die unverzichtbaren Züri-Kehrichtsäcke… Etwas passiert im Quartier? Er wusste jederzeit Bescheid, allfällige Notfall-Nachrichten leitete er der Nachbarschaft stets zuverlässig weiter. Diskretion Ehrensache. – Privat weiss man von Hans Benz herzlich wenig, aber auch seine Mutter Jeannette kennt man im Quartier, sie sprang in jüngeren Jahren stets bereitwillig ein, wenn im Laden Not an der Frau war oder aus einer grösseren Filiale ein Schnäppchen beschafft werden sollte. Seine (bisher) knappe Freizeit verbringt der Single-Mann seit 41 Jahren am liebsten im ganzjährig in Bolligen parkierten, schon von den Eltern angeschafften Wohnwagen, er schwimmt gern, drinnen und draussen, und er wird bald einmal das erste Mal fliegen – gute Reise!

Esther Scheidegger


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