Weltblatt für den
Kreis 1


Frau mit Mut zum Hut

Unsere Gastschreiberin Lisbeth Rüegg hat es vom Thurgau in die Zürcher Altstadt gezogen, wo sie schon Jahrzehnte lebt und gar nicht mehr fort will.

1965 war ich das erste Mal ganz bewusst im Zürcher Niederdorf. Auf der Durchreise zu einem Jazzlager in Magliaso, das von Pfarrer Ernst Sieber geleitet wurde, bin ich mit einem Schulfreund, dessen grosser Bruder schon einige Jahre in Zürich lebte, durch die Altstadt spaziert. Vor der «Malatesta» am Hirschenplatz hat er mir erklärt, das sei ein Lokal, in dem nur Künstler verkehren. Hinein getraut hatten wir uns damals aber nicht.
Nach einer schwierigen Lehrstellensuche konnte ich dann in einem Architekturbüro in Arbon meinen Traumberuf – Hochbauzeichnerin – lernen. In der Gewerbeschule waren wir nur zwei Frauen und zwanzig Männer. Mit meiner damaligen Schulkollegin, Leslie Henderson, bin ich heute noch eng befreundet. Auch sie hat es dann in die Altstadt gezogen, hat sie doch jahrelang, zusammen mit ihrem Mann Charles Höferlin, das Restaurant «Rechberg» geführt.

Armeleutequartier
Eigentlich wollte ich mich nie und nimmer in Zürich niederlassen. Es kam dann doch anders. 1969 habe ich eine Stelle in einem kleinen Architekturbüro als Zeichnerin und Sekretärin gefunden und gleich auch eine Einzimmerwohnung an der Froschaugasse 5 (damals Spielsalon Frosch). Die Vermieterin wollte mir aber zuerst eine Wohnung in einem «besseren Quartier», an der Sihlhallenstrasse, anbieten. Zu der Zeit war halt die Altstadt noch ein Armeleutequartier. Kann man sich heute schlicht nicht mehr vorstellen.
In Amriswil war den Leuten ganz klar, welchem Beruf ich in der Sündenmeile nachging. Der erste Ausgang führte mich dann doch in die «Malatesta» und die ist dann für lange Jahre «meine gute Stube» gewesen. Ich bin in meinen achtunddreissig Jahren Froschaugasse zweimal umgezogen. Einmal von der 5 in die 4 (die alte Judenschule und erste Synagoge). Der Hausbesitzer, Bruno Storrer, hatte sich aber vorher genauestens über mich erkundigt (ob da wohl im Haus Nr. 5 der Betreibungsbeamte aus und ein gehe und ob ich ein anständiges Leben führe). Das zweite Mal im gleichen Haus einen Stock höher – ich bin und bleibe halt eine Zigeunernatur…

Innere Schönheit
1969 habe ich zusammen mit J.C. Maier, dem heutigen Besitzer des neuen Theaters «Maier’s», die Theatergruppe Züri Brätter gegründet und bis zur Auflösung 1996 leidenschaftlich Theater gespielt. Heute bin ich noch hie und da als Erna Rutishauser spielend und aus dem Nähkästchen plaudernd an speziellen Events anzutreffen. Mit meinem Vortrag über die innere Schönheit habe ich schon viele Leute zum Lachen und Nachdenken gebracht und unseren Dr. Benedikt Loderer gar zu einem Gegenvortrag über die i-Schö und die ä-Schö.
1973 hat man mich für die Mitarbeit im Vorstand des Quartiervereins angefragt und da hatte ich unter verschiedenen Präsidenten (Heinrich Schwarzenbach, Ernst Sigrist, Annemarie Korn) die Mitgliederkartei geführt.
1974 habe ich dann meinen Job in die Büromöbelbranche gewechselt. Als Altbaubewohnerin konnte ich das Zeichnen und Verkaufen von Wohnungen und EFH mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Damals, wie auch heute noch, wurden in den Plänen die Möbel eingezeichnet, das heisst im Elternschlafzimmer ein Doppelbett, damit man gleich sah, wo die Steckdosen für die Nachttischlampen sind, oder im Wohnzimmer die legendäre Wohnwand, ein Sofa mit zwei Sesseln und einem Salontisch und die Steckdose für den Fernseher. In grossen Überbauungen sieht man heute noch am Abend die Flimmerkiste stockwerkweise aus der gleichen Ecke leuchten.

Nicht ohne Hut
1993 war ein einschneidendes Jahr in meinem Leben. Da eröffnete nämlich Sonja Rieser einen Hutladen in meiner Nachbarschaft. Den allerersten Hut in meinem Leben habe ich nur gekauft, weil ich dachte: wenn eine junge Frau so ein Geschäft eröffnet, muss ich das unterstützen. Es war ein Grüner und gedacht war er als Objekt! Dass es nun zweiunddreissig Hüte sind und dass ich nie mehr ohne ein Modell auf dem Kopf aus dem Hause gehen würde, das konnte ich mir damals noch nicht vorstellen. Über Hutgeschichten könnte ich schon ein Buch schreiben. Die Bemerkungen sind vielfältig, aber was ich am meisten höre, ist die Frage: «Isch Fasnacht?» Und dafür habe ich eine Standardantwort: «Nein, das ist Kunst am Kopf.» Über die verdutzten Gesichter freue ich mich jedesmal. Unterdessen bin ich bekannt wie ein bunter Hund.
Was sich nicht verändert hat in all der Zeit: Man kennt die alten Nachbarn (mit den Neuzuzügern ist es schon schwieriger) und man ist auch unter deren sozialer Kontrolle. Man sieht einander in die Badezimmer, Küchen und Wohnzimmer und keiner stört sich daran. Man feiert zusammen Geburtstage, Höflifeste und sonstige Anlässe und trägt auch Kämpfe wegen Ruhestörungen friedlich aus. Lauter ist es in den Gassen schon geworden, vor allem weil heute jeder Raum als öffentliche Telefonzelle genutzt wird.

Schon Dümmeres gemacht
Nach dem Wegzug des krimischreibenden Pfarrers, Ulrich Knellwolf, wollte mich die Kirchenpflege partout für die Pfarrwahlkommission gewinnen. Ich hielt mich zwar für ungeeignet, da ich nur Passivmitglied war und mich nicht passend für diesen Verein fand, da ich halt oft in den Beizen anzutreffen war. Schliesslich sagte ich doch zu, mit der Bemerkung: «Ich ha scho tümmers gmacht.» So bin ich seit 1998 Mitglied der Kirchenpflege zu Predigern mit dem Ressort Liegenschaftenverwaltung. In der Zentralkirchenpflege bin ich als Abgeordnete von Predigern auch schon in der dritten Legislatur. Stolz bin ich darauf, was unser Pfarrer a. D. Peter Wittwer alles in die Wege geleitet hat: Die Kirche ist – dank der Mitarbeit eines grossen Kreises von Freiwilligen – von 10 bis 18 Uhr geöffnet, die ökumenische Seelsorge (werktags von 14 bis 18 Uhr), dass sich, mit einem Dreissig-Prozent-Pensum, ein katholischer Pfarrkollege gemeinsam mit der reformierten Pfarrerin um die ökumenischen Anliegen kümmert, dass der «Mushafen» nach alter Tradition wieder eingeführt wurde und dass im Haus zum Palmbaum eine Beginengemeinschaft im Aufbau ist.
Zu Beginn wollte ich nicht nach Zürich und nun kann ich mir einen Wegzug aus der Altstadt nicht mehr vorstellen – ausser später dann auf das «Malatestawiesli» (damit ist das Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Enzenbühl gemeint).

Lisbeth Rüegg

Unsere Gastschreiberin
Lisbeth Rüegg (1948) ist in Amriswil im Kanton Thurgau aufgewachsen. Nach der Schulzeit machte sie die Lehre als Hochbauzeichnerin. 1969 trat sie in Zürich eine Stelle als Zeichnerin und Sekretärin an. Seit 1974 arbeitet sie in der Büromöbelbranche, in der gleichen Firma.
Von 1969 bis 1996 hat sie Theater gespielt, und sie war im Vorstand des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat, während sieben Jahren. Seit 1998 ist sie Mitglied der Kirchenpflege zu Predigern und Abgeordnete in der Zentralkirchenpflege.
Seit achtzehn Jahren lebt sie in fester Partnerschaft mit dem Musiker und Komponisten Martin Wehrli. Seit 1969 wohnt sie in der Altstadt, an der Froschaugasse.


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