Weltblatt für den
Kreis 1


Zürich, meine Stadt!

«Wer seine Wurzeln nicht kennt, kennt keinen Halt.» Diese Worte von Stefan Zweig lassen sich bestens anwenden auf unsere Gastschreiberin Rosmarie Michel.

Am Eingang zur Altstadt, am Central, steht das aus dem 15. Jahrhundert stammende Haus «Zur Sempacher Helbard». Das stattliche Eckhaus bietet seit 200 Jahren dem Zuckerbäckergewerbe ein Zuhause, und der verlockende Duft von Gebackenem dringt bis in die Büro- und Wohnräume.
In diesem Haus, das heute die Confiserie Schurter beherbergt, bin ich geboren und lebe dort auch heute noch, nach 75 Jahren. Zeit meines Lebens stand auf meiner Visitenkarte die gleiche Adresse; stets wussten Freunde von nah und fern, hinter welchen Fenstern ich lebe. – Vier Generationen der Familie Schurter (mütterlicherseits) lebten und leben in diesem geräumigen Geschäftshaus im Herzen von Zürich. Alles ist zu Fuss oder mit Tram oder Bus zu erreichen. Zwei Häuser weiter steht die Talstation vom Polybähnli, das Transportmittel für Studierende wie für die Pensionäre von Bürgerasyl und Pfrundhaus, sowie die Wonne aller Kinder. Der Schulweg zum Hirschengrabenschulhaus und später auf die Hohe Promenade führte durch die Altstadt.

Vergangenes
Bevor sich das Niederdorf zur Gastromeile wandelte, gab es ein reiches Angebot für den täglichen Bedarf.
Auch am Limmatquai reihte sich ein Spezialgeschäft an das andere. Die Ladenbesitzer waren auch Hausbesitzer. Am gegenüberliegenden Brückenkopf der Bahnhofbrücke stand der Globus, und das «gedeckte Brüggli» wölbte sich elegant über einen Nebenarm der Limmat. Auf und am Mühlesteg standen Häuser, in denen unter anderem zu unserer grossen Freude Mickey-Mouse-Bücher angeboten wurden. Die grosse Attraktion war allerdings der «Marroni-Mann», der uns nie vorbeigehen liess, ohne uns eine heisse Kastanie in die Hand zu drücken.
Diese Bilder gehören der Vergangenheit an. Zürich ist eine lebendige Stadt, die sich dank zahlreicher Impulse immer wieder wandelt. Dazu haben auch stets seine Bewohner beigetragen. Können Sie sich zum Beispiel an die Projekte der Limmatquai-Vereinigung erinnern?

Projekte wie der (neue) Mühlesteg
Mit der Korrektur der Limmat (Verbreiterung) entstand eine unerwünschte Kanalsituation. Die Vereinigung, ein Zusammenschluss von Geschäfts- und Hausbesitzern, fühlte sich vom Zentrum abgetrennt und entwickelte in Zusammenarbeit mit den bekannten Architekten Annemarie und Hans Hubacher ein bauliches Tätigkeitsprogramm. Das wichtigste Projekt war die Erbauung des Mühlestegs. Wir waren der Ansicht, dass eine Fussgängerverbindung zwischen den zwei Limmatufern die unerwünschte Kanalsituation lindern könnte. Der Wunsch, den Fussgängersteg zu bauen, war allerdings an die Bedingung geknüpft, dass die Geschäftsvereinigung sich an den Kosten beteiligte und die Restfinanzierung sicherstellen musste. Die Stadt finanzierte die Brückenköpfe. Es gab einige Hindernisse zu überwinden: Nicht nur die Finanzen mussten beschafft werden, eine Amtsstelle fürchtete um das Liebesleben der Fische, ein hoher kantonaler Beamter verstieg sich zu der Behauptung, kein Mensch würde diesen Steg benutzen. Trotz allem aber wird der Steg heute rege begangen.
Das reichhaltige Tätigkeitsprogramm enthielt noch viele Anregungen: Neue Kandelaber für die Strassenbeleuchtung wurden entworfen und in Auftrag gegeben, das Modell «Zürich» war geboren. Der Markt am unteren Limmatquai wurde zum jeweiligen Ereignis am Samstagmorgen. Das Bild der Lichterbäumchen an Weihnachten entlang der Limmat ging durch die ganze Welt. Beflaggung, Blumenschmuck, Baumpflanzungen und eine ganze Reihe von Aktivitäten belebten die sympathische Einkaufsstrasse.
Wie kann man sich im Nachhinein diesen Erfolg erklären? In meiner Erinnerung spielt der Einsatz der Vorstandsmitglieder eine gewichtige Rolle. Ich kann mich gut erinnern, wie viele Stunden, auch abends, wir in Beamtenstuben, im Büro oder bei der Begehung der Objekte verbracht haben. Der Wille, einen Beitrag zur Verschönerung unserer Strasse zu leisten, und die Freude an der Zielsetzung haben uns immer wieder angetrieben, Neues zu realisieren.

Weltweit tätig
Planen und bauen gehören zu meinem Leben. Meine Fantasie hat eine äusserst realistische Note. Projektskizzen, Baupläne und Modelle beleben sich auf der Stelle in meiner Vorstellung. Ich sehe die Räume und die Menschen, die darin leben und arbeiten. Diese Vorstellungskraft hat mir zu manch guten Erfahrungen verholfen. Ich war einige Jahre in der Stadtplanungskommission, drei Amtszeiten Mitglied der zu Unrecht gefürchteten Denkmalpflegekommission. An Projekten hat es Zürich wahrlich nicht gemangelt. Der berühmteste «Streitapfel» war wohl das Projekt Papierwerd, das an Stelle des Provisoriums erbaut werden sollte. Aber eben, c’est le provisoir qui dure! Das Einkaufszentrum Coop steht noch heute auf der Bahnhofbrücke und das Projekt, das ich als Verwaltungsrätin mit betreut habe, wurde nicht realisiert. Es war der richtige Entscheid.
In diesen letzten dreissig Jahren hat sich mein abwechslungsreiches Leben auf allen Kontinenten abgespielt. Bei einem Interview in meinem Büro im Schurterhaus, mit Blick auf die Limmat, hat mich ein Journalist gefragt, wie es möglich sei, in diesem kleinbürgerlichen Haus zu leben und trotzdem weltweit tätig zu sein. Meine Antwort: «Eben deshalb!»

Zürcher Offleten
Und die Zürcher Offleten? Das ist abschliessend noch eine kurze Altstadtgeschichte. An der Kirchgasse lebte im 13. Jahrhundert die erste Offleten-Bäckerin. Das Wort kommt von Oblaten. Offleten sind ein dünnes Waffelgebäck, das zwischen zwei gravierten runden Eisen gebacken wird. Alte Zürcher Familien haben ihre eigenen Eisen besessen, die mit den Familienwappen geschmückt waren. – Der letzte Offletenbäcker arbeitete auch an der Kirchgasse, und wir alle pilgerten jeweils in seine einfache Backstube, um die süsse Köstlichkeit für Gäste oder einen Familienanlass zu holen. 1975 starb Wilhelm Deppeler, und die alten Zürcher bangten um das traditionelle Gebäck. Die Erbin von W. Deppeler wollte das Geschäft innerhalb zwei Wochen liquidieren, da war grösste Eile geboten. Einige meiner Freundinnen baten mich, das Rezept und die Einrichtung zu erwerben. Obwohl unsere Konditoren vom Kauf abrieten, entschloss ich mich zur Übernahme. Seit 1975 werden die Offleten in der Confiserie Schurter hergestellt. Die ersten paar hundert habe ich selbst gebacken, aber nach dem Verkaufserfolg und der Konstruktion einer Spezialmaschine setzen sich die Konditoren voll für dieses Produkt ein. – Am 1. Juli 2006 habe ich die Confiserie verkauft. Ich könnte mir vorstellen, dass für den Käufer, die Gastronomiegruppe ZFV (ehemals «Zürcher Frauenverein für alkoholfreie Wirtschaften») die Offleten ein Kaufargument waren.

Rosmarie Michel

Unsere Gastschreiberin
Rosmarie Michel ist 1931 in Zürich geboren, wo sie heute noch lebt.
Sie war bis vor einem Jahr Besitzerin des Familienunternehmens Confiserie Schurter am Central. Daneben hat sie in den letzten 35 Jahren verschiedene Verwaltungsratsmandate in Grossfirmen wie ZFV-Unternehmungen, Valora, Credit Suisse und Bon Appétit Group wahrgenommen.
Zudem hat sie sich für Zürich und seine Altstadt engagiert. Rosmarie Michel hat sich stets für die bessere Integration der Frauen in Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik eingesetzt. Ihr besonderes Anliegen sind Microcredits in Entwicklungsländern. – Im Orell Füssli Verlag ist das neue Buch von Monique R. Siegel erschienen: «Rosmarie Michel. Leadership mit Bodenhaftung».


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