Weltblatt für den
Kreis 1


Auto-Biographie

Die Gastschreiberin Stephanie Leonhard ist in der Altstadt aufgewachsen. Sie lebt in einer Gegend, wo Autos nicht mehr viel verloren haben. Und doch beschäftigt sie sich täglich damit.

Ich wurde 1986, vor mehr als zwanzig Jahren, in Zürich geboren. Im Hotel Leonhard am Limmatquai bin ich mit drei jüngeren Brüdern aufgewachsen. Es war spannend, Leute aus der ganzen Welt zu treffen. Wir assen immer im Restaurant zu Mittag und zu Abend. Meine Eltern arbeiteten sehr viel, daher wurden wir von Kindermädchen aus Kanada betreut. Durch sie habe ich Englisch gelernt, was mir in der Schule und in den Ferien sehr geholfen hat. Ich fand es auch nicht schlimm, als das Hotel verkauft wurde, weil unsere Eltern wieder mehr Zeit für uns Kinder hatten.
Wir spielten oft auf dem Lindenhof-Spielplatz und gingen am liebsten in den Züri Zoo. Die Ferien verbrachten wir meistens bei den Grosseltern auf dem Land, im schönen Thurgau. Ein guter Ausgleich zum Stadtleben. Als Kind ist es auf dem Land schon ein wenig spannender als in der Stadt, da man sich freier bewegen kann und nicht ständig auf den Verkehr achten muss.
Schon mein Vater ist in der Altstadt aufgewachsen. Wie er und mein Grossvater ging ich im Schulhaus Hirschengraben zur Schule. Ich war neun Jahre mit denselben Klassenkameraden zusammen, die auch gleich nebenan im Dörfli wohnten. Das gab mir immer ein heimeliges Gefühl. Zürich erschien mir daher
nie als eine grosse Stadt.

In einer Männerwelt
In der zweiten Sekundarstufe begann dann die Berufsberatung. Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, was ich machen wollte. Doch ins Gymnasium wollte ich nicht. Ich hatte verständlicherweise genug von der Schule.
Viele meiner Verwandten sind im Bereich Gastronomie tätig. Das war nicht mehr interessant für mich, weil ich es schon kannte. Ins Büro wollte ich auch nicht, weil ich nicht stillsitzen kann. Ich war anfangs sehr unschlüssig bei der Berufswahl.
Ich habe mich bis dahin noch nie für Autos interessiert. Mein Papa fuhr früher alte amerikanische Wagen. Die mochte ich überhaupt nicht. Alle stanken nach Getriebeöl. Nachdem ich die Berufsberatung gemacht hatte, entschied ich mich, Automechanikerin zu werden. Ich absolvierte die vierjährige Lehre bei der AMAG Utoquai mit Hochs und Tiefs wie bei jedem Lehrling. Ich fing mit null Ahnung an und konnte doch stets mit meinen Mitschülern mithalten. Ich lese keine Tuninghefte, da ich nur an der Motorentechnik interessiert bin und genau wissen will, wie etwas im Auto funktioniert. Seit bestandener Lehrabschlussprüfung arbeite ich in der Emil Frey AG auf der Marke Jaguar.
In der Männerwelt habe ich keine Probleme. Ich bin schliesslich mit Brüdern aufgewachsen. Als Frau ist es jedoch gut, wenn man ab und zu, aber nicht zu auffällig, ein wenig schlauer ist als die Männer…
Mein erlernter Beruf ist theoretisch und praktisch sehr anspruchsvoll.
Ein Arbeitstag ist mit einem hohen Kraftaufwand verbunden, was meinen Körper stark belastet. Mein nächstes Ziel ist es deshalb, Kundenberaterin zu werden. Das ist die Kontaktperson zwischen dem Kunden und der Werkstatt.

Auto zu stressig
Vor etwa zwei Jahren, nach bestandener Fahrprüfung, war in der AMAG ein Golf II GTI zu verkaufen. Er war für seine siebzehn Jahre in sehr gutem Zustand und kostete nicht viel. Bis dahin dachte ich, ich könnte es ohne eigenes Auto aushalten, doch eines zu haben ist eben schon toll! Als die grosse Frage: «Wo parkiere ich denn nur dieses Auto?» auftauchte, dachte ich, nur schon einen normalen Parkplatz in der Stadt zu finden ist eine Katastrophe! In der Altstadt sind Parkplätze eine Rarität, abgesehen davon kosten zwei Stunden fünf Franken. Eine Parkplatzsuche im Raum Bellevue/Hirschengraben dauert je nach Tag und Uhrzeit zwischen zehn und dreissig Minuten. Weil Nachzahlen verboten ist, muss man alle zwei Stunden einen neuen suchen. An ein Parkhaus war nicht zu denken. Das konnte ich nicht bezahlen. Die Zürcher Parkplatzsituation ist wirklich verheerend. Für einen Parkplatz vor dem Haus würde ich glatt aus der Altstadt ziehen, so gerne ich auch hier wohne! Schliesslich kaufte ich eine Blaue-Zone-Karte. Weil wir im Kreis 1 keine blaue Zone haben, kann man sich zum Anwohnerpreis die Zone aussuchen. Der Weg zum Seefeld und somit zu meinem Auto dauerte trotzdem jeweils eine Viertelstunde. Man findet auch dort nicht immer auf Anhieb einen freien Platz, doch das war die beste Lösung, die Zürich hergab. Nach einem Jahr verkaufte ich mein Auto, da es einfach zu stressig war. Natürlich kann man sich in der Stadt Zürich auch hervorragend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen und damit etwas für den Klimaschutz tun. Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Alle trampeln auf den Autos herum, wobei deren Abgase in der Schweiz ca. fünf Prozent des CO2-Ausstosses ausmachen. Als Automechanikerin würde ich schon gerne ein eigenes Auto haben.
Andererseits ist es gemütlich in der autofreien Altstadt. So ist es eine angenehm ruhige Fussgängerzone. Die Geräusche der Ausgangsmeile stören mich überhaupt nicht. Ich habe mich daran gewöhnt. Auf dem ruhigen Land zu schlafen ist viel gewöhnungsbedürftiger.

Autofrei und Formel 1
Es ist auch schön, wie das Limmatquai umgebaut wurde. Dass es nun autofrei ist, macht es zu einem angenehmen Spazierweg der Limmat entlang.
Leider gibt es nicht nur positive Veränderungen. Mich störte es zum Beispiel, dass unsere Politiker die Lounges vor den Cafés verboten haben, was ja inzwischen korrigiert wurde.
Ich bin ein grosser Formel-1-Fan und habe schon einmal in einem Rennteam gearbeitet. Dass Rundstreckenrennen in der Schweiz wieder erlaubt werden sollen, finde ich super. Ich hoffe sehr, dass bald der «Grosse Preis der Schweiz» auf den zur Rennstrecke umgebauten Strassen von Zürich stattfindet.

Stephanie Leonhard


Unsere Gastschreiberin
Stephanie Leonhard, geboren 1986, ist in der Altstadt aufgewachsen, und zwar im Hotel Leonhard am Limmatquai beim Central. Sie besuchte den Kindergarten am Neumarkt, dann ging sie neun Jahre im Schulhaus Hirschengraben zur Schule. Im letzten Jahr schloss sie ihre vierjährige Lehre mit Berufsmatur ab und arbeitet seither als Automechanikerin in einer Grossgarage in Altstetten. 1998 zog ihre Familie an den Zähringerplatz, vor zwei Jahren ist sie daheim ausgezogen. Heute wohnt sie mit einer Freundin und zwei Katzen an der Kruggasse im Oberdorf.


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