Weltblatt für den
Kreis 1


Homestory von G. aus B.

Unsere Gastschreiberin Gabi Kisker ist von Basel nach Zürich gekommen und schliesslich in der Altstadt geblieben. Sie schildert Stationen und Episoden aus dieser Zeit des Näherrückens an ihren langjährigen Wohnort.

Zum ersten Mal war ich 1973 in Zürich, zum Dank für eine verschenkte Skihose. Vom Bahnhof sind wir den Rennweg hoch und die Strehlgasse hinunter spaziert. Mitten in der Stadt ein Berg, das war mir neu. Als wir im «Storchen» sassen, staunte ich über den schmalen Fluss ohne Frachtschiffe und die Hausfassaden, die durch enge Spalten getrennt waren. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich zwanzig Jahre später fast nebenan wohnen würde.
Meine erste Bleibe in Zürich war 1981 eine kleine Zweizimmer-Wohnung an der Schaffhauserstrasse. Auto an Auto, Lastwagen und Tram, die ganze Stadt schien durch mein Zimmer zu rollen. Es war schrecklich laut, aber günstig. Da ich sowieso die meiste Zeit in der Architekturabteilung auf dem Hönggerberg verbrachte, war es einigermassen auszuhalten.
Später zog ich nach Oerlikon in ein grosses Zimmer. Die Fenster drapierte ich mit wunderbar roten Vorhängen, eine Flohmarkt-Trouvaille, die ich aber leider nur für kurze Zeit hängen lassen konnte. Die Hausverwaltung liess mir ausrichten, dass das Haus nicht in Verruf kommen möchte und rote Vorhänge nicht erwünscht seien. Das Zimmer lag über einer Metzgerei mit Blick auf den Oerlikermarkt. Das Treppenhaus roch heftig wurstig. Den Geruch habe ich heute noch in der Nase. – Auf die Prüfungen habe ich zusammen mit anderen Architekturstudenten in einer Abbruchvilla gelernt. Einer Villa mit riesigem Entree, feudalem Treppenaufgang, wunderbaren Fussbodenkacheln und einem betörenden Blick auf den See. Gemeinsame Erholungsspaziergänge im verwilderten Garten und der Mittagstee im Gartenpavillon sind unvergesslich. Das Gestalten und Zeichnen war in dieser Oase am Zürichberg trotz Zeitdruck herrlich. – Danach habe ich mich für zwei Jahre von Zürich verabschiedet.

Schwierig, Fuss zu fassen
Zurück aus Hamburg, schwanger, verheiratet und wohnungslos, habe ich ein anderes Zürich kennengelernt. Man kann sich das heute fast nicht mehr vorstellen, aber eine hochschwangere Studentin an der ETH war noch 1985 ein Fremdkörper. Kinderbetreuung war schwierig bis unmöglich. Kinderkrippen, die bezahlbar waren, deckten gerade die Grundbedürfnisse ab: Wickeln und Füttern! Säuglinge lagen Bett an Bett in einem trostlosen Raum. Die Wohnungen teuer – es war unmöglich, in Zürich Fuss zu fassen. Also flüchtete ich mit meiner Tochter für vier Monate ins Wallis! Der Versuch, von dort aus in Zürich eine eigene Krippe auf die Beine zu stellen, schlug fehl.
Endlich fand sich eine bezahlbare Wohnung im Kreis 6 und glücklicherweise hat sich eine Freundin anerboten, während der Vorlesungen auf meine Tochter aufzupassen. Studium und Kleinkind waren eine echte Herausforderung, keine Minute war ungenutzt. Mit vollen Einkaufstaschen und Kinderwagen vom Rigiplatz mit dem Rigibähnli hinauf und durch den Wald hinunter zur Frohburgstrasse oder der abendliche Spaziergang über den sogenannten «Monte Cane» am Irchelpark, die erste moderne Hunde-Versäuberungsstrecke (gibt es diesen Ausdruck heute überhaupt noch?) waren meine alltäglichen Rundgänge. Der Hausbesitzer wohnte damals in einem der Kellerabteile unseres Hauses und benutzte die Waschküche als Badezimmer.
Genervt über die Zahnpastaspuren auf unseren dort aufgehängten Stoffwindeln suchten wir, unterdessen vierköpfig, mitten im Diplomstress eine neue Wohnung.

Endlich in der Altstadt
Im Dreieck Rennweg, Kuttelgasse und Augustinergasse hat die damalige SBG für den Bau des Hotels Widder reihenweise Häuser aufgekauft. Damals günstiger Wohnraum für viele Studierende und Quartierunikums. Durch das Eingreifen des Einwohnervereins wurde erreicht, dass zumindest in den Liegenschaften an der Kuttelgasse Familienwohnungen gebaut werden mussten. Und so kamen wir 1987 endlich an der Kuttelgasse über dem damaligen Restaurant «Hexagon» zu einem wunderbaren Heim. Unsere Kinder hatten dort reichlich geschützten Raum zum Spielen und Sändeln – nicht immer zur Freude der
im Gartenhof des «Hexagon» speisenden Gäste. Überhaupt war das Haus voller Kinder. Die erste Zeit beeindruckte uns der stetige Wechsel der Schaufensterauslagen und die Spannung in der Luft um die Weihnachtszeit. Die Weihnachtsbeleuchtung erhellte sanft unsere Zimmer und verbreitete zwei Monate permanente Weihnachtsstimmung.

Lebensrhythmen und Nischen
Die verschiedenen Lebensrhythmen in der Stadt begeisterten mich. So waren bis 9 Uhr die Banker unterwegs, anschliessend trafen sich die Boutiqueverkäuferinnen in den verschiedenen Cafés, abgelöst durch fotografierende japanische Touristengruppen (heute sind es eher Russen) und ich selber mit drei Kindern und Kompostkesseli Richtung Lindenhof unterwegs. Bei Schlechtwetter haben wir uns – da fernsehlos – im Jelmoli oder Globus in der Kinderabteilung verschiedene Filme angesehen. Besonders ist mir der Nachmittag in Erinnerung, an dem wir die zu Tränen rührende Verfilmung des Untergangs der Titanic ganz zeitvergessen, gebannt – aber ohne Ton – bis zum Ladenschluss bestaunten. An sonnigen Nachmittagen dann die Wasserschlachten der Kinder auf dem Uraniaspielplatz und die herrlichen Zvieri aus der Ausschussware
der Bäckerei Honold direkt hinter dem Spielplatz – eine Idylle.
Vieles hat sich geändert in den letzten zwanzig Jahren. Die Marktgasse ohne Bertschi, Bianchi und Käselädeli Müdespacher, die Auflösung des Kindergartens Schipfe, kein Autocorso mehr, das Limmatquai jetzt sonntägliche Flaniermeile, der Paradeplatz ganz im Plan Lumière, die Weihnachtsbeleuchtung von verträumten Sternen zum Lichtobjekt (oder schon bald wieder anders?), das Limmatschiff neu mehrfach Schlaufen ziehend…
Das heimelige Dorf in der Grossstadt überlebt in Nischen wie der St.-Peter-Hofstatt mit der Rundbank unter der Linde oder dem Lindenhof mit den Schachspielern. Und natürlich die Frauenbadi, wo meine Kinder schwimmen lernten. Orte, noch unverändert und resistent, wie mein Basler Dialekt.

Gabi Kisker

Unsere Gastschreiberin
Gabi Kisker (1961) ist in Basel aufgewachsen. 1981 nahm sie das Architekturstudium an der ETH in Zürich auf. Im Zusammenhang mit dem Studium verbrachte sie zwei Jahre im Ausland, in Strassburg und in Hamburg. 1988 Abschluss des Studiums in Zürich. – Die Mutter von drei Kindern ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in der Altstadt. Hier gründete sie den Lili-Träff, wirkte im Forum Soziokultur Kreis 1 mit und seit 1996 ist sie in der Kirchenpflege St. Peter. Darüber hinaus ist sie politisch engagiert. Sie war acht Jahre in der Kreisschulpflege, zwei Jahre in der Geschäftsleitung der Grünen Stadt Zürich, seit 2006 ist sie im Gemeinderat, seit einigen Monaten Mitglied der Baurekurskommission des Kantons Zürich.


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