Weltblatt für den
Kreis 1


Über die Gasse

Unsere Gastschreiberin Christina Lang stammt von auswärts, kommt vom Land. Doch das Leben in der Altstadt von Zürich hat es ihr angetan.

Ich bin nicht an einer Gasse aufgewachsen. Nicht an einer Strasse oder an einem Weg. Sondern in einem Haus. Chalet Alpenblick, Ballwil. Das war genug an Adresse, um einen Brief bei uns ankommen zu lassen oder den Samichlaus. Später dann bekamen wir Namen und Nummer und wurden Teil eines Weges, Wilhofweg. Die Strassen kamen erst, als ich nach Zürich ging. Hohl, Heinrich und Forch waren die Standorte von Betten und Küchentischen, die Schauplätze von WG- und Studentenleben. Und dann kamen die Gassen.

Geigergasse
Eine Liebe und eine Wohnung gefunden. – Über der Eingangstür der Herberge zur Heimat an der Geigergasse ragt ein grosser steinerner Zeigefinger aus der Hauswand. Er warnt und zeigt nach oben. Aber nicht immer.
In dunklen lauen vergangenen Nächten, da bin ich sicher, muss er sich heimlich manchmal zur Seite geneigt und auf einen unscheinbaren Hofeingang vis-à-vis gedeutet haben. Wer hätte sonst je den Weg gefunden in ein kleines kerzenlichtschimmerndes und rotsamtgepolstertes Kellertheater namens Ludwig II? Eine versteckte Welt voller fantastischer Figuren und Geschichten auf und neben der Bühne und der Schauplatz einer Liebesgeschichte, die bis heute anhält. Hauptdarsteller im allerersten Kapitel: strömender Regen, eine noch nicht geöffnete Abendkasse, ein junger Mann mit Regenschirm und ich mit dem Schlüssel zum Theater. Mein Mann mittlerweile, aber das ist eine andere Geschichte.
Das mit meiner allerersten eigenen Wohnung an der Frankengasse hat seinen Anfang auch im Ludwig II genommen. Über Freundinnen und Freunde und verschiedene Ecken, mit etwas Glück und etwas Geduld.

Frankengasse
Sieben Jahre, viele Begegnungen und ein Traumjob. – Das Zwitschern der Vögel, das regenschwere Flattern einer Fahne auf einem Nachbarsdach, die gedämpften Geräusche der S-Bahnen im Untergrund oder die des verliebten Nachbarn im Obergeschoss, daraus bestand der Soundtrack der Nächte an der Frankengasse. Es ist eine Gasse, die mir nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Tönen in Erinnerung ist. Tagsüber Westermanns Geigenwerkstattmelodien, Kindergelächter, Hundegebell, bedächtige Schritte und laute Streite, meine kleine Stadtwohnung im Parterre war der Klangdiamant dieser Gasse, schien mir. Und das Fenster, immer offen, erweiterte meine Wohnung auf die Gasse hinaus, es wurde zur Durchreiche und die Fensterbank zur Bar. Wir haben getrunken, gegessen, gefeiert auf der Gasse, haben bei plötzlichen Wolkenbrüchen den gedeckten Tisch durchs Fenster wieder nach drinnen gezügelt. Auf der Gasse habe ich die Namen, die Geschichten, die Trinkfestigkeit und Sitzgelegenheiten meiner Nachbarn und Nachbarinnen kennengelernt, überraschende Begegnungen gehabt und skurrile Unterhaltungen geführt. «Grüezi mitenand, wir sind die Totengräber», sagten zwei sympathische Männer zu mir und meinen Kollegen bei einem Geburtstagsapéro am Fenster – und erst nach einigen Gläsern Weisswein stellte sich heraus, dass sie weder Freunde meiner Gäste noch Freunde des morbiden Dadaismus waren, sondern Teil einer Hörspielproduktionsgruppe, die sich einige Hausnummern weiter oben treffen wollte, um ein Stück über die Zeiten der Pest in Zürich umzusetzen. Wir wurden zu vergnügten und schweigenden Zuschauern / Zuhörern, und mein Futon bekam eine Gastrolle als Pestleiche auf einem Leiterwagen. An diesem Fenster an der Frankengasse ging für mich auch eine Tür auf, die mich zu meinem allerersten Radiojob gebracht hat. Aber das ist eine andere Geschichte.
Von der Frankengasse weg zogen mich die Lust auf ein Abenteuer, mein Mann und eine einmalige Wohngelegenheit.

Krebsgasse
Eine Wohnung auf Zeit und ein Leben zu Unzeiten. – Das Zifferblatt des Grossen Sankt Peter ist das grösste Europas. Man sieht es gut von der Wohnung an der Krebsgasse aus, in der mein Mann und ich zusammen leben. Es gibt uns durchs Fenster gelassen die Zeit an und wacht zuverlässig über meinen Schlaf- und Arbeitsrhythmus. Als Weckerin der Nation, frühmorgens vor vielen anderen auf und unterwegs ins Radiostudio, habe ich das Nachtgesicht der Altstadt kennengelernt, die Namen der Taxifahrer morgens um drei Uhr auf der Gemüsebrücke und gelegentlich gelallte Geschichten von Nachtschwärmern. Sankt Peter amüsiert sich über sie, mit einem milden, schiefen Zeigerlächeln, immer so um zehn vor drei. Uns gibt er einen Countdown an. Einen Monat noch Zeit, um eine neue Gasse zu finden. Wir sind zur Untermiete an der Krebsgasse und werden sie sehr ungern verlassen. Nur einmal in drei Jahren war ich für länger weg, aber das ist eine andere Geschichte, nein, das sind ganz viele andere Geschichten.
Eine davon will ich erzählen. Die einer Gasse in der Millionenstadt Shanghai. Ihren Namen habe ich nie erfahren, sie lag ganz am Anfang der Dong Jia Du Lu, der Strasse des Stoffmarktes. Sie war klein, schief, voller Leben und Lärm, sie duftete nach frischer Wäsche und roch nach fremden Speisen, offene Türen und Fenster liessen Einblicke zu in eine uralte Welt von Räumen, vage eingeteilt durch Hausmauern, die nicht dicker waren als Zimmerwände. Ich war oft dort, während meiner drei Monate in Shanghai im Sommer 2005. Im Jahr darauf habe ich sie vergeblich gesucht. Die Gasse ist verschwunden, die Gegend, die sie umgab, verändert. Eine Baustelle. Moderne Wohnblocks entstehen. Hochhäuser. Lebensraum, der sich einem nur vertikal erschliesst, über einen Lift, dessen Auf- und Abwärtsbewegungen darüber entscheiden, wen man antrifft und für wie lange. Der kleinste aber einzige mögliche Raum für zufällige Begegnungen.
Ganz anders unsere Altstadt, wo wir Tag für Tag und Nacht für Nacht die Gassen miteinander teilen, sie beleben und erleben.

Christina Lang


Unsere Gastschreiberin
Christina Lang (1973), aufgewachsen im Luzerner Seetal, machte die Matura (Typus B) in Reussbühl, Luzern. Mitte der Neunzigerjahre hat sie das Studium der Deutschen und Englischen Literatur und Linguistik an der Uni Zürich abgebrochen zugunsten eines Stages und später eines Moderatorinnenjobs bei Radio Swiss Jazz. Seit 2000 Moderatorin und Soundlayouterin bei DRS3, seit 2003 und bis vor einem Monat als Morgenmoderatorin, Weckerin der Nation (5 bis 9 Uhr), ab sofort als Nachteule in den DRS3-Musikspecials und bei DRS3Sounds!, zwischen 20 Uhr und Mitternacht. Im August als Reporterin bei den Olympischen Spielen in Peking. – Seit 1997 wohnt sie in der Altstadt. Sie ist frisch verheiratet.


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