Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Popeyes grosser Fang

Der «Grill» im Hotel Baur au Lac heisst seit ein paar Jahren «Rive Gauche». Unsere Kulinarier setzten sich auf die pistachefarbenen Lederpolster am linken Ufer.

Der Wolkenbruch ereilte uns just auf den paar Metern vom Tram zum Res­taurant. Der Regen kurz, aber heftig. Herr Keck, ein Mann von Welt, trug Mantel und Hut, ihm konnte das Unwetter nichts anhaben, während sein Gegenüber décoiffé und durchnässt im «Rive Gauche» landete und alsbald ein Glas Grünen Veltliner (zu Fr. 9.– der Dezi) kippte, um sich zu wärmen.
«Wünschen Sie Wasser?», fragte der Kellner. «Wasser hats draussen genug!», sagte Herr Keck schlagfertig. Früher sei in diesen Räumen ein Grill gewesen, erzählte er, und die Grasshoppers hätten im Keller des «Puurolagg» sein Stammlokal unterhalten. Als Zürcher kennt er das Hotel als «Puurolagg», nicht als «Boorolagg». Es habe hervorragende Weine gegeben im Grill damals, sagte Herr Keck, einen halben Liter Epesses zu 19 Franken – «daa inä!» – und tippte seinen Zeigfinger auf den Tisch wie auf eine Klaviertaste. Herr Keck kennt das Hotel schon seit seiner Zeit als Stift bei der Bank gegen­über dem «Baur au Lac»: Einmal musste der angehende Bänker Keck dem ägyptischen König Farouk Unterlagen ins Hotel «Baur au Lac» bringen. Der Zutritt wurde ihm verwehrt, weil der junge Mann keine Krawatte trug. Herr Keck enterte die Rezeption via Lieferanteneingang. Das dürfte ein paar Jahre her sein: Farouk floh im Juli 1952 auf seiner Jacht, nicht ohne die Goldreserven seines Landes an Bord, wie kolportiert wird.

Bouillabaisse? Mais non!
Wie dem auch sei, Herr Keck genoss seine frische Fischsuppe mit Safran und Knoblauch-Croûtons. Die heisst hier «Bouillahausse» (Fr. 24.–), obwohl oder gerade weil die Börse gerade eine scharfe Baisse erlebte. Die Bouillon kommt in einem kleinen Krüglein daher und wird über die warmen Fischstücklein gegossen. «Fein, fein», meinte Herr Keck. Ich gönnte mir frische ­Nudeln mit weissem Trüffel, sozusagen als Konjunkturanreiz (Nudeln für Fr. 12.–, Trüffel für Fr. 19.– das Gramm). «Mir sagt der Trüffel nicht viel», sagte Herr Keck aus heiterem Himmel. «Mir auch nicht», sagte ich, «er scheint von Natur aus wortkarg.»
Herr Keck stieg auf den Merlot Riflessi um (Fr. 12.– der Dezi), ich auf einen kräftigen Shiraz (Fr. 14.– der Dezi), denn es gab 150 Gramm zartes Simmentaler Rindfleisch vom Grill (Fr. 45.–) samt Country Fries (Pommes frites in Form von Apfelschnitzen) für mich und den «Popeye’s Catch» für mein bedeutsames Gegenüber. Was hatte denn Popeye, der Seemann, ge­fangen? Einen Hummer-Raviolo, der sich auf einem Spinatbett ausstreckte (Fr. 36.–). «Wo steckt bloss der Hummer?», fragte sich Herr Keck, «Ah, da ist er ja! Schon in Portiönchen!» Der Hummer hatte sich, in Teile geschnitten, unter einer Decke Béchamel versteckt.

Wenn schon, dann süss
Weil es gerade so gemütlich war und wir einen Tisch in der Raucherecke ­erheischt hatten (der Rest des Restaurants ist rauchfrei), bestellten wir Süsswein. Da wir nur zu zweit waren, machte der Nebentisch mit. Die zwei Herren entpuppten sich als Claudio und Oliver der Catering-Firma «Mezza9» und Kollegen des Chefs vom «Rive Gauche», Christian Nebel. Geleitet wird das ­«Rive Gauche» von der Five AG mit einem Aktienkapital von einer Million Franken. Die Five AG führt Lokale wie die «Rüsterei», die «Rebe», das «Ti», «Der Veg» und «Riva». Präsident des Verwaltungsrats ist Wolf Wagschal.
Christian Nebel, ein Wiener mit sou­veränem Charme, setzte sich kurz zu uns. «Früher war das Restaurant eher für die Hotelgäste gedacht, aber seit die Five AG es führt, öffnet es sich der Stadt und zieht viele junge Leute an.» Vor allem schöne junge Frauen, wie Herr Keck und ich bewundernd feststellten. Wir genossen den Eiswein Schloss Gobelsburg 2006. «Eigentlich mag ich keine Süssweine», sagte Herr Keck, «aber der hier ist ein Gedicht.» «Eine Ode», lobte Oliver, der früher im «Wien Turin» arbeitete. Der Eiswein hatte einen Abgang von der Talstrasse 1 bis nach Spreitenbach. Unser Abgang nach dem angenehmen Abend mit bes­ter Betreuung und Promis im Rücken (der Uefa-Chef etwa) war etwas kürzer. Bloss vom «Rive Gauche» zum rive ­droite.

René Ammann*

Restaurant «Rive Gauche»,
Talstrasse 1, 8001 Zürich,
Tel. 044 220 50 60, www.agauche.ch.
Montag bis Samstag 11.30 bis 24 Uhr.

*René Ammann und Peter Keck essen und trinken jeweils zu zweit, weil es geselliger ist. Einmal schreibt Herr Keck, dann wieder Herr Ammann.


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