Weltblatt für den
Kreis 1


Stadtwanderer
Lieber Strandläufer

Stimmung, das ist das neue Stichwort, das du lernen musst.

Da habe ich einige Leute doch kräftig gekitzelt. Ich habe die schlichte Tatsache festgehalten, dass die Armut jede Sorte Altstadt besser konserviert als das Geld, anders herum: Flicken, nicht investieren, und schon sind einige beleidigt. Henusode.
Trotzdem bin ich voll im Trend. Wir werden uns zur Less-Generation ­entwickeln, las ich in der Zeitung. Wir nehmen Abschied vom Konsumismus und werden wieder bescheiden. Selbstverständlich kommen als moralische Folge sofort die verdrängten inneren Werte wieder an die Oberfläche. Wir werden bessere Menschen. Typ Mehr-sein-als-scheinen. Alles, was wir in der Sonntagsschule gelernt und in unserer kargen Jugend verinnerlicht haben, ­können wir nun gebrauchen: den ­bescheidenen Stolz und das stolze Genügen.
Dann tapezieren wir mit unseren wertlosen Aktien das traute Heim und suchen das Glück im Winkel. Das findet man dort auch. Sein Name ist Wir. Sein Gegenteil sind die andern. Wir bilden Grüpplein, damit wir die andern ausgrenzen können. Der Stallgeruch wird zum moralischen Imperativ. Die Grundfrage des menschlichen Daseins ist: Wer darf mitspielen, wer gehört dazu? Die Antwort ist einfach: Wir.
Aber ich lass das sein. Irgendeinmal wird die Bauchnabelschau zum ­Vollglück der Beschränktheit und wir hätten doch ganz andere, welt­bewegende Themen zu besprechen. Die Weihnachtsbeleuchtung zum Beispiel. Die farbig-oh-du-fröhliche am Neumarkt zum Beispiel oder die technoide an der Bahnhofstrasse. Dazu hörte ich ein Gerücht. Das so vernünftelnde, weisse, kalte Licht hätte auch ein sentimentales, honigkuchengelbes, wärmendes sein können, aber die Leuchtwürmli, die es erzeugen, wären eineinhalb Millionen teurer gewesen als die weissen. Die Bahnhofstrassenleute haben sich das Geld gespart und müssen nun wieder vorn anfangen, denn sie haben die Stimmung verfehlt.
Stimmung, das ist das neue Stichwort, das du lernen musst. Jahrzehntelang gab’s so etwas nicht, genauer, war Gefühlsschlamperei, jetzt aber reden die Architekturprofessoren davon. Was Hinz und Kunz immer schon wussten und mit Geschick in Betrieb setzen, das dürfen nun die Aufgeklärten, unsereiner halt, auch wieder tun: stappa lacrime. Tränendüsendruck ist wieder erlaubt. Das freut den Stadtwanderer ungemein, es ist wie Schunkeln im Geiste. Vermutlich wird der gemeinsame Gesang in der Öffentlichkeit wieder aufflackern, von Grosser Gott wir ­loben dich, bis zum Bürebüebli, das ich nicht mag. Ich bin gerüstet, denn ich kann den Text, die vierte Strophe inklusive.
Mein Sängergruss erreicht dich auch unter dem Weihnachtsbaum
dein Stadtwanderer


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