Weltblatt für den
Kreis 1


Basler in Zürich: Eine Liebesgeschichte

Kann ein Basler in Zürich heimisch werden? Ja, er kann, vor allem, wenn er in der wunderschönen Altstadt leben darf, wie unser Gastschreiber Jürg Schüepp erzählt.

Basel ist meine Geburtsstadt, in der ich zur Schule ging und als Einzelkind in bürgerlicher Umgebung wohlbehütet aufwuchs. Es ist die Stadt, in welcher das elterliche Reihenhäuschen steht, in dem ich gross wurde, und in welchem meine hoch betagte Mutter heute noch lebt. Auch wenn inzwischen 38 Jahre verstrichen sind, seit ich von dannen zog, ich werde diese Stadt immer lieben. Aber das Leben hatte noch andere Pläne mit mir. Schon als Junge war ich der Faszination fürs Planen und Bauen erlegen, ich konstruierte Bauten mit tonnenweise Legosteinen und wollte unbedingt Architekt werden. So wanderte ich denn mit meinen 19 Lenzen nach Zürich aus, bezog ein Zimmer bei einer Schlummermutter im Kreis 6 und widmete mich für einige Jahre den Studien an der ETH. In dieser Zeit lernte ich auch zum ersten Mal «das Dörfli» kennen, das ich im Kreise meiner Kommilitonen vorab in feuchtfröhlichen Bierrunden frequentierte, aber auch schätzen lernte.

Leben auf dem Lande
Nach meinem Architekturdiplom 1976 und einigen «Wanderjahren» zog es mich bald wieder zurück nach Zürich, wo sich das Zentrum meines Freundes- und Bekanntenkreises gebildet hatte. Die Frauen waren dabei auch nicht ganz unschuldig, verliebte ich mich doch in eine waschechte Zürcherin mit Emmentaler Wurzeln, mit der ich 1984 den Bund der Ehe schloss.
Die jugendlichen Sturm- und Drangjahre animierten uns, Neues auszuprobieren. So konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, in ein 200-jähriges, umgebautes Riegelhaus auf dem Islisberg im Aargauer Freiamt zu ziehen. Nur wenige Kilometer von Zürich entfernt, kam uns beiden pendelnden Berufstätigen das Landleben nach Feierabend jeweils fast ein wenig wie Ferien vor. Aber spätestens nach der Geburt unseres Sohnes 1988 wurden wir uns unserer Bedürfnisse als eingefleischte Städter bewusst: Die Nähe zum pulsierenden Leben fehlte, das Leben auf dem Lande präsentierte sich einsam. So pflügten wir die Wohnungsannoncen durch und pilgerten immer häufiger durch die Zürcher Gassen auf der Suche nach einem alternativen Wohnumfeld.

In der Altstadt daheim
Und da geschah das kleine Wunder: Wir bewarben uns 1991 um eine Wohnung im «Haus zum goldenen Apfel» am Rindermarkt – und erhielten den Zuschlag! Beruflich als selbständiger Architekt tätig, waren wir in der komfortablen Lage, die nicht unbescheidene Miete zu finanzieren. Zürich hatte uns wieder – und nun sogar in der seit jeher so verehrten Altstadt. – Mangels eines geeigneten Kindergartenplatzes für unseren kleinen Sohn entschloss sich meine Frau, von Beruf Kindergärtnerin, einen eigenen Montessori-Kindergarten zu gründen. Dank enormem, gemeinsamem Einsatz gedieh das Projekt rasch und wurde alsbald um eine Schulstufe erweitert. Die beachtlichen Investitionen ins gemeinsame Projekt «Montessori-Schule», aber auch die kränkelnde Bauwirtschaft brachten uns Mitte der Neunzigerjahre in wirtschaftliche Bedrängnis. Es war deshalb eine glückliche Fügung, als unsere Familie 1996 in die etwas kleinere, weitaus günstigere aber dennoch wunderschöne Wohnung im frisch renovierten «Haus zum Spiegel» umziehen durfte, nur einen Steinwurf vom alten Wohnsitz entfernt.
Mit dem Entschluss, die Architektur an den Nagel zu hängen und mich fortan ganz dem gemeinsamen Schulprojekt als administrativer Schulleiter zu widmen, traf ich eine schwerwiegende Ent-scheidung. Da war einiges an Trauerarbeit zu leisten beim Loslassen meines einstigen Wunschberufes, aber neue Herausforderungen und Chancen zeichneten sich wie Silberstreifen am Horizont ab.

Eingebürgert
Bereits seit einiger Zeit engagierte ich mich in der Kreispartei 1 der FDP. Als Vertreter eines KMU und gleichzeitig Bewohner der Altstadt interessierte mich, wie die Anliegen des Gewerbes mit den Bedürfnissen der Anwohner in Einklang gebracht werden konnten. Als auf die Wahlen 1998 hin der Sitz der FDP 1 im Gemeinderat vakant wurde, ermunterten mich meine Parteikollegen, für dieses Amt zu kandidieren. Ich wagte es – und wurde gewählt! So sass nun also ein Basler mehr im Zürcher Gemeinderat. Aber die Zürcher fackeln ja bekanntlich nicht lange: Damit alles seine richtige Ordnung hatte, bürgerten sie mich flugs ein. So bin ich nun stolzer Besitzer sowohl des Basler wie des Zürcher Bürgerrechts.
Die Arbeit im Gemeinderat war spannend, aber auch zeitraubend und kräftezehrend, vor allem weil ich die Aufgaben ernst nehmen und mich für die Anliegen der Altstadt einsetzen wollte. Flankierende Aufgaben wie die Einsitznahme im Quartiervereins-Vorstand, Einsätze bei verschiedensten Veranstaltungen, aber auch das zu leihende Gehör für Anliegen der Anwohner, insbesondere rund um das zentrale Problem Nachtlärm, zollten ihren Tribut – und dies nebst einem anspruchsvollen Schulleiterjob in einem wachsenden Betrieb und einer Familie, die eh schon mehrheitlich zu kurz kam. Als unsere Schule 2004 vor einem weiteren, namhaften Wachstumsschub stand, musste ich schweren Herzens Entscheidungen treffen. Diese fielen zugunsten des Lebenswerks meiner Frau und mir, unserer Schule «d’Insle» aus, weshalb ich aus dem Gemeinderat aus- und von den übrigen politischen Ämtern zurücktrat.
Der Zürcher Altstadt aber bleibe ich weiterhin verbunden, ihr gilt – nebst meiner Familie natürlich – meine Liebe, sie ist meine Heimat geworden! Bloss mein Dialekt erinnert noch entfernt an den alten Ursprung – und wenn die blaurote Fahne des FCB flattert, dann schlägt auch noch ein Stückchen Basler Herz mit.

Jürg R. Schüepp


Unser Gastschreiber
Jürg R. Schüepp wurde 1951 in Basel geboren, wuchs dort auf und absolvierte die Matura. Das Studium der Architektur führte ihn ein erstes Mal nach Zürich, wo er 1976 an der ETH das Architekturdiplom erwarb. Nach rund zwanzig Jahren Tätigkeit als Architekt übernahm er 1997 die admi-nistrative Schulleitung in der gemeinsam mit seiner Frau aufgebauten, privaten Montessori-Schule «d’Insle». Von 1998 bis 2004 vertrat er für die FDP den Kreis 1 im Gemeinderat. Er hat einen inzwischen erwachsenen Sohn und wohnt mit seiner Familie seit 1991 in der Altstadt, seit 1996 im «Haus zum Spiegel».


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