Weltblatt für den
Kreis 1


«Gönder zum Fleischli?»

Unser Gastschreiber Adrian Weyermannist aus der Agglomeration nach ­Zürich gekommen und ist nun mittendrin, in der Altstadt, wo er sich heimisch fühlt.

Ich bin kein waschechter Zürcher. Eher Zürcher Oberländer, oder Glattaler, wie man so schön sagt. Auf­gewachsen bin ich im alten Städtli Greifensee, präziser im Schatten des Schlosses Greifensee, welches unseren Garten halbtags verdunkelte. ­Alte Gemäuer gehören deshalb zu meinen frühesten Erinnerungen. Die efeuüberwachsenen Schlossmauern boten uns endlose Spielmöglichkeiten und grosse Abenteuer. Die andere Hälfte der Zeit verbrachte ich schon damals gerne im Zimmer mit meiner Gitarre. Meine besten Freunde, mit denen ich meine erste Band gründete, wohnten bloss ein paar Pflastersteine weg. Nachts im Sommer am See sitzend sahen wir die Stadt über dem Hügel leuchten.

Boots im «Booster»
Zürich war ein grosser Ausflug und begann mit der geschwungenen Brücke kurz nach Wipkingen. Kurz darauf war man mitten im Getümmel an der Bahnhofstrasse. Als kleiner Knopf sagte ich einmal, ich wolle nicht mehr nach Zürich, weil dort ­alle so böse schauen. Wenn ichs mir überlege und mich umsehe, habe ich heute noch recht mit dieser Aussage. Wenn da nicht die Altstadt wäre und ihr ganz besonderes Dorfgefühl.
Als Teenager brannte mein Herz ­bereits lichterloh für Punk- und Indierock. Der «Booster» an der Niederdorfstrasse mit dem dazugehörigen Plattenladen «Upstairs» war für mich eine sehr wichtige Quelle der Inspiration. Mein erstes Paar Doc Martens kaufte ich Landei mit klopfendem Herzen bei einer der leicht furchteinflössenden, aber sehr aufregenden Damen, die mir doppelt so alt wie ich vorkamen, aber vielleicht fünf Jahre älter waren. Heute sind sie beides nicht mehr, sind aber nicht minder aufregend. (Meine Frau bevorzugt eher die Männer vom «Les Videos».) Eines Nachmittags Ende der Achtziger begegnete ich im «Booster» sogar Lenny Kravitz am Gestell. Hier kaufe ich heute noch gerne ein. Der Laden ist ein Klassiker.

Aus dem Häuschen
Mein erstes Konzert in Zürich mit meiner Band Crank werde ich nie vergessen. Wir spielten im Studentenzentrum Stuz unterhalb der Universität, ich war knapp fünfzehn Jahre alt und trug kurze Hosen. Fünf Jahre später zog ich mit langen Hosen nach Zürich und wohnte mal da, mal dort. Vor bald sieben Jahren habe ich mich dann ganz schrecklich in meine Frau verliebt. Als vor mehr als drei Jahren unsere erste Tochter auf die Welt kam, standen wir förmlich auf der Strasse und waren völlig aus dem Häuschen ob unserem Glück, mitten in der Altstadt an der Brunngasse in eine kleine, feine Stadtwohnung einziehen zu können. Erst mussten einige Wochen vergehen, ehe sich die Spreu vom Weizen bzw. der Altstadtbewohner vom Altstadtbesucher abhob.

Eine tolle Tolle
Jetzt lernten wir das Dörfli-Leben kennen und lieben, so wie es mir ein hier wohnhafter Komiker bereits vor Jahren schilderte; die Leute sind herzlich wie auf dem Dorf, aber tolerant und manchmal freaky wie in ­einer Grossstadt. Ein sehr gesunder Mix. Hier wohnt ein Zigeunermusiker, mit dem ich CDs tausche, da ein Gemeinderat, mit dem man richtig gut Sprüche klopfen kann. Der bärtige Francis verteilt Gratiszeitungen und dort arbeitet ein Graveur, der sich vor jedes zu schnelle Auto stürzt.
Eine Kochbuchautorin schenkt uns Wein und eine wunderbare Zeit, während der freundliche Redaktor der Dorfzeitung an die Tür klopft und vor dem Abendessen rasch ein Bild schiesst. Mit Albert, dem Coiffeur, schwatzt man so weit aus­holend, dass man die Zeit vergisst, bis er die Tolle wieder so toll hin­gekriegt hat. Unser Dorfladen «Läbis 1» ist fast im Haus und eine wahre Drehscheibe der Altstadt. So gehts auch zu und her beim Metzger Zgraggen, wo Mani an der Ecke fragt: «Gönder zum Fleischli?», weil unsere Tochter schon vor der Türe nach dem Wursträdli fragt.
Im Sommer geniesst die ganze Familie die warmen Tage und wir treffen Freunde aus dem Quartier am Leuenplätzli oder auf der Trittliwiese. Auf der Picknick-Decke wird unterm Apfelbaum gedöst, drei Minuten vom Bellevue entfernt. Schon verrückt.

Schlafende Engel und wilde Feste
Die Nächte sind laut und wild, aber unsere Kinder schlafen wie Engel, während sich draussen Teenager und Touristen die Kante geben. Bei ganz üblen Festen legen wir zwei Kissen aufs Fensterbrett, gucken hinunter auf die Gasse und schliessen Wetten ab, welcher Betrunkene wohl in die Wand läuft. Manchmal schauen wir Fernsehen ohne Ton bei unserem Nachbarn gegenüber. Er hat einen riesigen Flachbildschirm, den wir genau durchs Fenster sehen können. Schön ists abends in der «Tina Bar» oder wenns später wird, undercover mit Steffi und Ivo in «Edi’s Weinstube».
So viel Geschichte und Geschichten sind täglich um uns. Wenn ich mir in den Schaufenstern der Antiquariate alte Postkarten, Stadtpläne und ­Stiche von Zürich ansehe, wirds mir schon verblüffend heimelig ums Herz. Gespenstisch schön finde ichs, in später Nacht aus dem Studio ins Dorf zurückzukehren und mir die leeren Gassen so anzusehen, als wäre die Zeit vor vielen hundert Jahren stehen geblieben. – Letztes Jahr habe ich in der legendären «Casa Bar» für Touristen und Anwohner ­gemeinsam gespielt. Düde, mein alter Freund und Altstadtbewohner, war am Schlagzeug mit von der Partie. Genial, nach dem Gig die Gitarre auf den Rücken zu schnallen und fünf Minuten später in unserer ­Küche ein letztes Glas zu trinken.

Unser Gastschreiber
Adrian Weyermann (geb. 1974), Singer/Songwriter, ist in Greifensee aufgewachsen. Begann mit vier Jahren das Gitarren- und Schlagzeugspiel und nahm mit sieben erste Klavierstunden. Von 1989 bis 2001 war er Sänger, Gitarrist und Songschreiber für die Zürcher Rockband Crank. Seit 2002 wandelt er auf Solopfaden und hat sich der Pop-Musik im offenen Geiste der 60er-/70er-Jahre verschrieben. Er spielt Konzerttourneen und tritt an den grossen Festivals der Schweiz auf. Sein Album «Pool» schaffte es in die Schweizer Hitparade und die dazugehörige Single «Echo» avancierte zum Airplay-Hit. Zurzeit arbeitet er an einem neuen Album. Er wohnt mit seiner Frau und den zwei Töchtern im Niederdorf.

Adrian Weyermann


Unser Gastschreiber
Adrian Weyermann (geb. 1974), Singer/Songwriter, ist in Greifensee aufgewachsen. Begann mit vier Jahren das Gitarren- und Schlagzeugspiel und nahm mit sieben erste Klavierstunden. Von 1989 bis 2001 war er Sänger, Gitarrist und Songschreiber für die Zürcher Rockband Crank. Seit 2002 wandelt er auf Solopfaden und hat sich der Pop-Musik im offenen Geiste der 60er-/70er-Jahre verschrieben. Er spielt Konzerttourneen und tritt an den grossen Festivals der Schweiz auf. Sein Album «Pool» schaffte es in die Schweizer Hitparade und die dazugehörige Single «Echo» avancierte zum Airplay-Hit. Zurzeit arbeitet er an einem neuen Album. Er wohnt mit seiner Frau und den zwei Töchtern im Niederdorf.



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