Weltblatt für den
Kreis 1


Landflüchtig und altstadttreu

Unsere Gastschreiberin Ladina Bezzola ist nach eigenen Angaben als Landei in die Stadt gekommen und lebt nun schon viele Jahre in der Altstadt.

Ursprünglich (und vielleicht eigentlich immer noch) bin ich ein Landei und eher zufällig in der Altstadt ansässig geworden – ganz im Gegensatz zu meinem Mann, der als überzeugter Städter schon immer davon geträumt hatte, in die Altstadt zu ziehen. Als sich 1993 plötzlich eine Gelegenheit dazu auftat, schlug er vor, zusammen einzuziehen. Ich habe den Entscheid nie bereut und bin – abgesehen von zwei Jahren in den USA – auch nicht mehr von hier weggekommen.
Unser erster Wohnsitz war an der Unteren Zäune, im Chamhaus, gleich beim Rössli-Brunnen. Als eines der Haupteinfallstore in die Altstadt bot dieser Standort vor allem samstags einen guten Überblick darüber, wer die Stadt gerade beschritt oder verliess. An heissen Sommertagen, wenn Kinder im Rössli-Brunnen badeten, hatte man am offenen Fenster bei Kindergelächter und Wasserrauschen manchmal den Eindruck, an der italienischen Riviera zu sein. Abends oder spät nachts erwies sich der grosse Parkplatz vor dem Obergericht als Scheideweg, und man wurde zuweilen unfreiwillig Zeuge von wortstarken Auseinandersetzungen zwischen Schlüsselhaltern und Mitfahrern/innen über den Heim- beziehungsweise Weitertransport oder (hübscher, doch ebenso unfreiwillig) von musikalischen Ständchen zu später Stunde.
Vor vier Jahren sind wir an die Winkelwiese gezogen. Obwohl das neue Haus kaum hundert Meter vom Chamhaus entfernt steht, ist man dort klar weg vom Fenster. Wenn auch nicht mehr am Puls des Geschehens, so geniesse ich hier die Naturidylle mitten in der Stadt und vor allem die Nähe zur Trittliwiese, wo im Sommer manchmal spontan Picknicks organisiert werden.

Soziale Kontakte
Anfangs gefiel mir am Leben in der Altstadt hauptsächlich die dynamische Mischung zwischen Dorfleben und städtischer Anonymität, die unverbindliche Verbindlichkeit des sozialen Lebens. Die Bekanntschaften über die Gasse erinnerten mich an meine Kindheit im (damals noch kleinen) Dorf hinter dem Albis, wo ich aufgewachsen bin. Im Unterschied zum Landleben kann man sich hier jedoch nach Bedarf aus diesem engen Netz sozialer Verbindungen herauslösen, sich distanzieren oder gar untertauchen. Das sollte sich erst mit unserem Sohn, mit Krippen-, Kindergarten- und Schulkontakten ändern und war dann eine willkommene Veränderung.
Verschiedene gute alte Freunde wohnen schon lange in der Altstadt oder in ihrer Nähe. So entstand Anfang Neunzigerjahre der Stamm im «Grünen Glas» am späteren Donnerstagabend, so lange wie Ewa und Walti Schöpflin uns eben jeweils duldeten. Als nach und nach Kinder zur Welt kamen und erste Versuche mit Babyphones scheiterten, löste sich diese Runde zwangsläufig auf. Solange die Kinder unsere Aufsicht noch brauchen oder unsere Anwesenheit zu Hause überhaupt dulden, wird die Wiederbelebung dieser Runde warten müssen.

Ruhender Pol
Eine wichtige Bezugsperson an der Unteren Zäune war für mich Ruth Isele. Von ihrem achten bis zu ihrem Tod im zweiundneunzigsten Lebensjahr wohnte sie im Chamhaus. Über all die Jahre blieb Frau Isele der ruhende Pol des Hauses. Sie war sich des Privilegs der schönen Wohnstätte stets bewusst und pflegte das Haus mit grosser Liebe. Diese Fürsorge Menschen und Dingen und gemeinsamem Wohnraum gegenüber ist für mich beispielhaft für das Zusammenleben in der Altstadt geblieben.
Bei Wein oder starkem Kaffee erzählte sie viel Spannendes aus der Nachbarschaft und erwies sich damit als kulturelles Gedächtnis des Quartiers: so erzählte sie, wie während des Zweiten Weltkriegs in der Dunkelheit der Platz vor dem Haus von Boten zwischen dem deutschen und dem italienischen Konsulat benutzt wurde und gleichzeitig in der Mitte eine Wohnung lag, wo deutsche Juden untergekommen waren. Sie erzählte von Metzgereien und Bäckereien im Quartier, die längst nicht mehr sind, zum Beispiel an der Spiegelgasse 16, wo noch heute die Schweine wie im Schlaraffenland mit dem Tranchierbesteck im Rücken die Wände zieren, wo jetzt aber anderes feilgeboten wird als Charcuterien.

Vieles ist erhalten geblieben
In den beinahe siebzehn Jahren, seit ich in der Altstadt wohne, habe auch ich manche Veränderung miterlebt, darunter auch solche, die ich bedaure. Wie mein Vorschreiber Jürg Hitz kaufte auch ich an der Marktgasse lieber Fisch als Turnschuhe; wie Johannes Senn, ebenfalls Korrespondent dieses Blattes, zog ich den Käsegeruch bei Müdespacher demjenigen von Gummibärentorten vor. Es ist aber auch vieles bestehen geblieben oder, unter anderem dank dem Einsatz der Vermieter, im alten Sinn erneuert worden. So kaufe ich weiterhin gerne Lebensmittel im Quartier ein und schätze die drei Marktmorgen am Bürkliplatz und auf der Gemüsebrücke. Es ist schön, dass es nach wie vor lokales Handwerk gibt, vom Velogeschäft über Rahmenmacher, Buchbinder, Schneider- und Lederwarenateliers, Maler, Schreiner und Schlosser – und natürlich gute Beizen. Und ich schätze die Helferei und das GZ Altstadthaus als kulturelle Treffpunkte des Quartiers. Ganz wunderbar finde ich, wie die Kinder, die hier aufwachsen, sich in diesen Gassen heimisch fühlen, zwischen Touristen und Passanten einander zurufen oder Ladeninhaber grüssen. Das hätte sich das Landei, das in den Siebzigerjahren hinter dem Berg aufwuchs, vom damals berüchtigten Niederdorf nicht erträumt. 쇓

Ladina Bezzola

Unsere Gastschreiberin
Ladina Bezzola (geb. 1968) ist in Aeugst am Albis aufgewachsen. Nach ihrem Anglistik-Studium arbeitete sie als Assistentin an der Uni Zürich und lebte dann zwei Jahre in den USA, wo sie eine Dissertation über astronomische Texte der frühen Neuzeit schrieb. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz war sie Assistentin und später Lehrbeauftragte im Bereich der englischen Literatur an der Uni Basel. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation. 1993 zog sie in die Altstadt, wo sie bis heute mit ihrem Mann Claude Lambert und ihrem siebenjährigen Sohn Max wohnt. Sie engagiert sich im Vorstand des Elternvereins Altstadt rechts der Limmat und hat bei der Gesprächsreihe «Stadtgespräch» im Kulturhaus Helferei mitgewirkt.


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