Weltblatt für den
Kreis 1


Leben im Durchstich

Unsere Gastschreiberin Monika Braumandl ist in der Altstadt aufgewachsen, an der Zähringerstrasse, bereits ihr Urgrossvater lebte hier.

1922 zog mein Urgrossvater mit seiner Familie an die Zähringerstrasse. Ich bin an der Zähringerstrasse 20 aufgewachsen, genau wie mein Vater und zuvor auch mein Grossvater. Ich bin die vierte Generation, die hier lebt. Mit Ausnahme von längeren Auslandaufenthalten und dem Umbau der Liegenschaft habe ich immer hier gelebt.

Früher Quartier der Unterschicht
Die Zähringerstrasse wurde benannt nach Herzog Berchtold V. von Zähringen (1218), dem Gründer der Stadt Bern. Im Mittelalter hatte der deutsche König die Herrschaft über die Stadt ­Zürich. Die Herrschaftsrechte wurden bis 1218 an einen Reichsvogt delegiert. Dieses lukrative Amt war einem der ­vornehmsten Adelsgeschlechter der ­damaligen Zeit zugeteilt, den Zähringern.
Auf dem Murerplan der Reichsstadt ­Zürich von 1578 sind auf dem Areal der heutigen Zähringerstrasse der «Kirchhof», also der Friedhof und die Felder des Predigerklosters zu sehen. Der ­Predigerfriedhof an der Zähringer­strasse wurde 1843 aufgelöst und gegen ein Areal auf der hohen Promenade abgetauscht.
Das Niederdorf, wo sich die Zähringerstrasse befindet, war im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum Quartier der Unterschicht geworden. Mit der Verstädterung wuchs die Bevölkerungszahl der Altstadt um das Dreifache an. Vor allem Emigranten, Künstler und Studierende wohnten im damals anrüchigen Wohngebiet rechts der Limmat. Da die Menschen sehr dicht zusammen wohnten und die hygienischen Verhältnisse zu dieser Zeit sehr schlecht waren, wurde die Altstadt zur Brutstätte von Krankheiten. Einer Studie von 1860 zufolge war die mittlere Lebenserwartung im Niederdorf 43 Jahre und drüben im ­Talacker, auf der anderen Seite der ­Limmat, wo die Mittelschicht und die reichen Leute wohnten, 67 Jahre.

Strasse neu angelegt
Darum beschloss die Regierung damals die Sanierung des Niederdorfs inklusive Müllabfuhr, Wasserversorgung und Kanalisation. Ausserdem sah das Projekt vor, dass die engen Gassen «gelichtet und ausgedünnt» werden. Im Zuge dieses Projektes im Jahr 1878 nahm die Stadt den «Zähringerdurchbruch» in Angriff, eine gerade Strassenverbindung zwischen Central und Zähringerplatz. Dafür mussten zahlreiche alte Häuser enteignet und abgebrochen ­werden. Dieses Projekt war dann aber das einzige unter vielen Projekten zur Sanierung des Niederdorfs, das tat­sächlich ausgeführt wurde.
Eigentlich war geplant, die Zähringerstrasse vom Zähringerplatz über den Neumarkt hin bis zum Kunsthaus zu führen. Die Verlängerung der Zähringerstrasse wurde in den folgenden ­Jahren in sehr vielen Versionen diskutiert, die verschiedenen Projekte verschwanden dann aber erst Ende der 1930er-Jahre in den Schubladen. Eine zweite Vorlage für den Zähringerdurchbruch scheiterte 1942 wie die erste am Einspruch des Regierungsrates.

Bunter Ladenmix
Das Haus, in dem ich wohne, wurde 1879 errichtet und beherbergte laut meinen Unterlagen das Restaurant «Zähringerhof» und darüber vier Wohnungen. Im Untergeschoss befand sich die Küche, im Parterre das Restaurant. Der «Speisenlift» des Restaurants kann nach wie vor im Keller bewundert werden. Später wurde im Keller eine ­Werkstatt und ein Giessofen für die Zinngiesserei eingebaut. Die Zinngiesserei und der Laden werden heute von meinem Bruder Michael geführt.
Im Jahr 1942 lernte meine Grossmutter meinen Grossvater kennen und zog an die Zähringerstrasse. Sie ist heute 85 Jahre alt und lebt noch immer hier im Haus. Laut ihren Erzählungen war die Zähringerstrasse zu jener Zeit noch beidseitig befahrbar und es gab weder Parkplätze noch Bäume. Dafür gab es sehr viele Ladengeschäfte, zum Bei­spiel die Bäckerei Furrer, eine Metzgerei, eine Bijouterie, ein Lederwarenfachgeschäft, ein Traiteurfachgeschäft und bei Eisenring, wo sich heute die «Blue Cherry Bar» befindet, konnte man Herrenbekleidung einkaufen.
In unserem Haus kostete ein möbliertes Zimmer in den 50er-Jahren ca. 200 Franken, manchmal wohnten auch ­Ehepaare in nur einem Zimmer. Küche und Bad teilte man sich mit den anderen Bewohnern der Wohnung. Meist lebten im Haus Arbeiter oder Angestellte. Mein Vater und seine Geschwister konnten damals noch vor dem Haus auf der Strasse Fussball spielen und auch die umliegenden Höfe und die nahe ­liegende Weinbergstrasse wurden für «Seifenkistenrennen» benutzt. Die Zähringerstrasse war damals eine geschäftige Wohnstrasse, wo auch viele Leute mit Kindern wohnten.

Auch horizontales Gewerbe
In den späten 60er- und in den 70er-Jahren änderte sich einiges, die Rocker und Zuhälter hielten Einzug an der ­Zähringerstrasse und es gab laut den Aussagen meiner Grossmutter einige wüste Schlägereien. Ausserdem verschwanden einige kleine Läden, die für Bars, Restaurants und Sex-Shops Platz machen mussten.
In der «Carrousel-Bar», wo sich heute vorwiegend Männer aufhalten, gab es den «Postillon d’amour». Auf den Tischen befanden sich Telefone, so konnte man ein Fräulein, das einem gefiel, über den Tisch hinweg anrufen und mit ein wenig Glück lernte man so ein neues «Schätzli» kennen. Auch das ­legendäre Jazzlokal «Africana», ein Café mit kleiner Bühne, 80 Plätzen und afrikanischen Wandmalereien und Holzfiguren, befand sich an der Zäh­ringerstrasse, es wurde in den 70er-­Jahren geschlossen.
In meiner Kindheit in den 70er-Jahren konnte man noch immer gut vor dem Haus und in den umliegenden Höfen spielen, wir durften sogar alleine in den Kindergarten laufen und dies über die heute stark befahrene Mühlegasse. Zu dieser Zeit gab es auch viele Heroin­abhängige im Niederdorf. Später spielten wir am liebsten «Räuber und Poli» mit den Nachbarskindern. Dadurch lernten wir jeden Winkel der Zähringerstrasse und des Niederdorfs kennen. Es wohnten auch damals noch sehr viele Familien mit Kindern an der Zähringerstrasse und wir hatten immer ein «Gspänli» zum Spielen. Heute gibt es hier praktisch keine Familien mehr mit Kindern. – Auch das horizontale Gewerbe befindet sich schon seit vielen Jahrzehnten an der Zähringerstrasse. Damals sprachen die Damen meist noch Schweizerdeutsch und standen bereits am Tag auf der Strasse. Heute ist die Strassenprostitution erst ab 19 Uhr erlaubt. Von unserem Balkon aus konnten wir viele Schlägereien mit Zuhältern und territoriale Streitigkeiten der Damen des Gewerbes erleben. Mein Grossvater leerte dann jeweils einen Kübel Wasser über die Köpfe der Streithähne, dann war meist Ruhe. Die Damen waren auch noch da, als ich mir in meinen Teenagerjahren die Nächte in den Discos um die Ohren schlug. Dank der Damen fühlte ich mich beim späten Nach­hausekommen immer sicher. Leute von ausserhalb wundern sich meist über eine Kindheit im Niederdorf. Für die meisten Menschen ist das Niederdorf «Ausgangszone». Dass hier auch Menschen leben, ist ihnen nicht bewusst. Ich möchte in keinem anderen Quartier der Stadt leben, die Zähringerstrasse und das «Dörfli» sind meine Heimat, sie sind lebendig, es läuft immer etwas und man hat alles «vor der Haustüre».

Monika Braumandl

Unsere Gastschreiberin
Monika Braumandl lebt seit ihrer Geburt (1969) in Zürich, in der Altstadt. Den Kindergarten besuchte sie am Neumarkt, dann die Schulen Hirschengraben und Bungertwies. Nach der Kochlehre (in der «Rebe» an der Kuttelgasse) absolvierte sie eine Handelsschule und arbeitete ein paar Jahre im Büro. Danach Hotelfachschule in Thun, anschliessend Anstellung im Swissôtel in Oerlikon. Die letzten neun Jahre arbeitete sie als Schulleiterin bzw. als Ressourcenleiterin bei der Handelsschule HSO. Momentan nimmt sie eine Auszeit zwecks Neuorientierung. Sie kocht immer noch gern, lädt ­gerne Leute ein, hört gerne Musik.



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