Weltblatt für den
Kreis 1


Tragt Sorge zur Altstadt!

Unser Gastschreiber Alby Glatt hat auf seinen Reisen viel gesehen, gerade auch was die historischen Stadtkerne anbelangt. Deshalb sein Appell, mit der Altstadt sorgsam umzugehen.

Am schönsten ist Zürich am Samstagabend, wenn um sieben alle Glocken der Altstadt den Sonntag einläuten.
Wir sind uns voll bewusst, dass wir in der Altstadt sehr privilegiert wohnen. Die Geschäfte, Kinos, Restaurants, das Opernhaus und der See sind zu Fuss erreichbar. Unser Fahrausweis ist das GA, unsere Fahrzeuge heissen IC, EC, ICE, TGV, CNL, Nr. 4 und Nr. 15. (Übrigens habe ich nie die Fahrprüfung gemacht, wozu auch?)

Gegen Verschandelung
Meine Frau Martina war Skilehrerin im Winter und Air Hostess im Sommer. Sie begleitet mich bei den meisten von mir organisierten Reisen, die immer einen Bezug zur Eisenbahn (TransSib und anderes), Kultur, Musik oder Geschichte haben. Auf all unseren Reisen besuchen wir immer die historisch gewachsenen Innenstädte. Peking und Shanghai bulldozern ihre alten Quartiere (Hutongs) radikal weg. In Peking meinte in diesem Sommer ein Reiseführer zu mir, die Stadt hätte ihre Seele und Kultur verloren.
Viele kriegszerstörte Städte wurden (teilweise) wieder im alten Stil aufgebaut oder rekonstruiert (zum Beispiel die Altstadt von Warschau, in Dresden die Semper-Oper und die Frauenkirche). Es gibt aber auch unzerstörte Altstädte, wo Architekten ohne Respektierung der Umgebung hässliche Bauten hinklotzten und mehr Schäden als der Krieg anrichteten. In Moskau wurde vor einigen Jahren eine solche Bausünde korrigiert. Ein hässliches Hochhaus in der sensiblen Nähe des Kremls wurde abgerissen und durch ein Hotel in einem der Umgebung angepassten Stil ersetzt.
Ein ehemaliger Bewohner der Altstadt verfolgt uns in Russland auf Schritt und Tritt: Jede Stadt hat ihr Lenin-Denkmal. Hammer und Sichel sind noch vielfach präsent. Auf die erstaunte Frage nach dem Grund hört man: «Das ist ein Bestandteil unserer Geschichte und wir stehen dazu.» Viele russische Touristen besuchen an der Spiegelgasse das ehemalige Wohnhaus Lenins.
Ich bewundere die Qualität der Renovation und Wiederherstellung des Zunfthauses zur Zimmerleuten. In einem Leserbrief in der NZZ wurde eine vergebene Chance zeitgenössischer Architektur statt Rekonstruktion kritisiert. Die Götter mögen uns vor dieser Architektur in historischen Quartieren bewahren. Die eidgenössische Schachtelarchitektur soll sich in den Gewerbezonen austoben. Wenn man die Ausstellung im Stadthaus über nicht realisierte Bauprojekte angesehen hat, haben sich manche Volksabstimmungen im Nachhinein als Segen erwiesen. Da lass ich mir den Vorwurf, in Zürich könne man nicht mehr bauen, gerne gefallen.
Die Altstadt ist attraktiv. Der Trend von der grünen Wiese in die Altstadt wird sich noch verstärken. Ich hoffe, dass wir von einer «Seefeldisierung» verschont bleiben und dank einer klugen Politik vermehrt günstige Wohngelegenheiten für junge Leute geschaffen werden können.

«Verkehrsarmes» Limmatquai
Nach der gewonnenen Abstimmung meinte ein Kolumnist in der Frankfurter Allgemeinen, so was sei wohl nur in der Schweiz möglich. Ihm sei gesagt, ein Debakel wie Stuttgart 21 wäre bei uns nicht denkbar.
Auffallend ist, dass Taxis und Fahrzeuglenkende aller Herren Kantone und Länder die Fahrverbotstafel beim Helmhaus Richtung Central entweder nicht lesen können oder ignorieren. Die «Direttissima» zu nehmen ist offenbar salonfähig geworden, da Kontrollen praktisch nie stattfinden. Da gibt es doch eine Partei, die den Willen des Volkes eins zu eins umgesetzt haben will, und zwar subito… Offenbar bedarf es hier einer eindeutigeren Signalisation.
In Erlian, einer chinesischen Grenzstadt irgendwo in der Wüste Gobi, zeigen die Ampeln immer die verbleibende Zeit bis zum Wechsel an. Jede Phase dauert dreissig Sekunden. Warum kann man so etwas nicht auch in Zürich einführen?

«Buy Altstadt»
Mit einer der ersten Amtshandlungen 1981 rief Präsident Reagan die Amerikaner auf, nur noch einheimische Produkte zu kaufen, was die Schweizer Exportwirtschaft zittern liess. Ein Aufruf zum vermehrten Kauf in der Altstadt wird die Grossverteiler und die Bahnhofstrasse nicht beunruhigen. Aber jeder Franken, der mehr in der Altstadt ausgegeben wird, hilft die Artenvielfalt der Geschäfte zu erhalten.
Im internationalen Kurort Pontresina zum Beispiel gibt es keine einzige Metzgerei mit Frischfleisch, nachdem ein schlauer Buchhalter vom Grossverteiler ausgerechnet hatte, es rentiere nicht mehr. Also müssen die Einheimischen und Gäste zum Metzger ins Nachbardorf. Dank den Metzgereien Bär am Rennweg und Zgraggen im Dörfli sind wir geradezu verwöhnt. Zgraggen ist auch ein Brot-, Käse- und Fischladen. Die gute Fonduemischung vom «Chäs-Chäller» entzückt auch immer unsere Gäste. Petros und Fränzi Nanopoulos vom «Läbis 1+5» bieten Jugendlichen mit Migrationshintergrund Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Das ist ihr persönlicher Beitrag zur Integration. Einen Hauch vom Süden gibt es unter den Bögen, wo der «Blueme-Fritz» jeden Tag seinen Stand auf- und wieder abbaut und im Sommer ein Früchtestand Basaratmosphäre vermittelt. Mit dem Wegzug der Buchhandlung Orell Füssli an der Marktgasse wird wieder ein Stück Kultur gegen einen Lumpenladen eingetauscht. Aber es gibt ja noch den Travel Book Shop von Gisela Treichler am Rindermarkt.
Gold wert ist der Samstagsmarkt auf der Gemüsebrücke. Sogar ein Bäcker aus dem Appenzellerland findet den Weg in die Altstadt und zu einer dankbaren Kundschaft.
Wir wollen nicht all den Läden nachtrauern, die im Verlaufe der Jahre verschwanden, sondern die Spezialgeschäfte unterstützen, die zur Lebensqualität in der Altstadt beidseits der Limmat beitragen. «Buy Altstadt!»

Alby Glatt

Unser Gastschreiber
Alby Glatt (1933) ist in Dietikon aufgewachsen. Er absolvierte eine KV-Lehre und war danach in verschiedenen Chargen im Tourismus tätig. Seit anfangs der Siebzigerjahre ist er Reiseveranstalter. 1976 erweckte er den Orient-Express wieder zum Leben. 1988 die längste je von einem einzelnen Zug durchgeführte Reise Zürich-Paris-Hongkong-Tokio-Sapporo.
Bis heute organisiert und begleitet er Reisen, etwa auf der Route der Trans-Sibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking. Auf seinen Reisen begleitet ihn seine Frau Martina. Die Eltern zweier erwachsener Kinder wohnen mit einem Unterbruch seit 1978 am Rüdenplatz. Freie Tage verbringen sie gern im Engadin, der alten Heimat seiner Frau.


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