Weltblatt für den
Kreis 1


Häuser und Gassen der Altstadt

Unser Gastschreiber Alfred R. Sulzer hatte immer ein grosses Interesse für historische Häuser und hat in diesem Zusammenhang auch einiges bewirken können.

In den Herbstferien 1963 unternehme ich als 15-jähriger Berner Gymnasiast eine Entdeckungsreise durchs Niederdorf. Im Antiquariat von Hans Rohr an der Oberdorfstrasse 5 kaufe ich zum Preis von 25 Franken mein erstes Kunstwerk. Die Silberstiftzeichnung zeigt einen Entlebucher Zuzüger in Basel 1792. Jahre später finde ich heraus, dass das unsignierte Blatt von Friedrich Christian Reinermann (1764-1835) stammt. Abgesehen von dieser memorablen Erwerbung bleibt die Ambiance im «Neuhaus», geprägt von Zürcherischer Wohnkultur des späteren 18. Jahrhunderts, unvergessen. Bäbe Schulthess, die legendäre Brieffreundin Goethes, und Johann Caspar Lavater schienen sich in einem Nebenzimmer zu unterhalten. Auf dem gleichen Streifzug durch die Zürcher Altstadt stosse ich auf das von Ahornbäumen bestandene Geviert zwischen Spiegelgasse und Leuengasse, von den Anwohnern liebevoll Leueplätzli genannt. Nie werde ich den ersten Eindruck dieses stimmungsvollen Ortes vergessen. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dereinst hier sesshaft zu werden. An einem regnerischen Septembertag 1971 erfahre ich aufgrund einer glücklichen Fügung, dass die baufällige Liegenschaft des Kürschnermeisters Charles Hajnoczky an der Spiegelgasse 13 zum Verkauf steht. Das Haus «Zur Hohen Eich» soll abgebrochen werden, um einem Hotelneubau zu weichen. Die Abbruchbewilligung liegt rechtskräftig vor, doch die Promotoren geraten unter sich in Streit und können die Finanzierung nicht mehr sicherstellen. Der frustrierte Eigentümer sucht neue Investoren und findet diese in Jakob Burckhardt, einem Vetter meiner Mutter, und meinem Vater. Von Anfang an sind sich beide Familien einig, die Abbruchbewilligung zu ignorieren, auf eine optimierte Ausnützung des Grundstückes zu verzichten und die historische Bausubstanz weitestgehend zu erhalten. Notabene ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand werden in der Folge zahlreiche mittelalterliche Freskenreste und Täfermalereien des Dixhuitième freigelegt und restauriert. Dabei kommt eine der ältesten profanen Fresken Zürichs aus dem frühen 14. Jahrhundert, die biblische Erzählung von Samsons Tod illustrierend, zum Vorschein.
Seit 1976 geniesse ich es, unterbrochen durch einen mehrjährigen beruflich bedingten Auslandaufenthalt, im ersten Obergeschoss der «Hohen Eich» daheim zu sein.

Engagement im Quartier
1983 nach Zürich zurückgekehrt, engagiere ich mich im Quartier, sei es während vieler Jahre im Vorstand der FDP 1, sei es als Mitbegründer und späterer Präsident des Zinnfiguren Museums im Haus «Zum Blauen Himmel» an der Oberen Zäune 19. Auch diese Liegenschaft, die eine Fülle kostbarer historischer Bausubstanz birgt, ist anfangs der Achtzigerjahre von einer weitgehenden Zerstörung bedroht. Glücklicherweise lässt sich die Gesellschaft Zunfthaus Letzi überzeugen, ihr Um- bzw. Neubauprojekt zu überarbeiten, wodurch jedoch die Räume des Piano Nobile, als Folge der neu entdeckten Wandmalereien von 1574, nicht mehr für Wohnzwecke nutzbar werden. Auf Anregung des im letzten Jahr leider verstorbenen ersten Kurators Paul Krog entsteht 1985 das Zinnfiguren Museum Zürich. Im Kreis einer verschworenen Sammlergemeinschaft verbringe ich hier während über zwanzig Jahren neben einem gerüttelten Mass an Fronarbeit unendlich viele schöne Stunden. So sehr ich heute der 2008 unvermeidlich gewordenen Schliessung dieses lieb gewonnenen Privatmuseums nachtrauere, so beglückt bin ich über die neue Nutzung des Piano Nobile. Dank der Ausstellung «Zunftstadt Zürich – bewegte und bewegende Bilder» bleiben die schönen Räume der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch der multimedialen Schau sei jedem Leser wärmstens empfohlen!

Geglückte Rettung
Ein weiterer Meilenstein bei der Bewahrung und geglückten Neunutzung von historischer Bausubstanz in unserem Quartier ist das Haus «Zur Eisernen Zeit» an der Mühlegasse 12. 1984 beantragt das Hochbauamt der Stadt Zürich dem Gemeinderat, diese städtische Liegenschaft auszukernen. Dem Vorhaben erwächst anfänglich in erster Linie aus dem linken politischen Lager Widerstand. Roman Schönauer, ehemaliger Präsident des Stadtzürcher Heimatschutzes, und dem Verfasser dieser Zeilen, beide freigewählte Mitglieder des Parteivorstandes der FDP, gelingt es trotz des gegenteiligen Standpunktes prominenter FDP-Notablen, unsere Partei zu einer Nein-Parole zu bewegen. Dieser Husarenritt trägt entscheidend zur Ablehnung der Kreditvorlage in der städtischen Volksabstimmung bei. Die 1986/87 erfolgte Instandstellung des Hauses nach denkmalpflegerischen Grundsätzen wird anerkennenswert sorgfältig ausgeführt und erweist sich überdies als wesentlich günstiger als das zu Fall gebrachte Neubauprojekt.

Ein neuer Lebensabschnitt
Nun muss ich auf eine historische Liegenschaft zu sprechen kommen, die nicht in der Zürcher Altstadt anzutreffen ist, sondern in der Bündner Herrschaft. Im Dorfkern von Malans stosse ich 2004 – einmal mehr durch Zufall – auf das renovationsbedürftige «Haus von Moos», welches einen neuen Eigentümer sucht. Wie bei der «Hohen Eich» erweist sich dieses Engagement für mich als ein weiterer, schicksalhafter Glücksfall. Malans wächst mir derart ans Herz, dass ich mich Mitte 2010 entschliesse, meinen Wohnsitz nach Graubünden zu verlegen. Zwar bleibe ich der Altstadt als Eigentümer meiner Wohnung an der Spiegelgasse verbunden, doch ein neuer Lebensabschnitt, der mit der Übersiedlung nach Graubünden eingeleitet wird, nimmt seinen Lauf.
Abschliessend sei noch folgende Betrachtung erlaubt: es gehört zu den Gepflogenheiten gewisser alteingesessener Altstadtbewohner, die «guten alten Zeiten» heraufzubeschwören. Das liegt wohl in der menschlichen Natur und in vieler Beziehung muss ich ihnen sogar recht geben. Aber ganz so heil war die Welt damals auch wieder nicht! Wer erinnert sich noch, dass seinerzeit das Restaurant «Turm» die Drogenbeiz Zürichs war und Nacht für Nacht Süchtige den Napfplatz bevölkerten? Andere Veränderungen wie das Verschwinden der Buchhandlung Rohr bedaure auch ich. Aber erst vor wenigen Tagen habe ich überaus anregende Stunden im Haus der Bäbe Schulthess verbracht, denn erneut wird das «Neuhaus» bewohnt und beseelt von kultivierten, kunstsinnigen Eigentümern. Das geschichtsträchtige Gebäude hat nach Jahren der Nutzung als Gewerbeliegenschaft zur angestammten Zweckbestimmung, nämlich als Wohnbaute, zurückgefunden.
So schliesst sich für mich ein beglückender Kreis mit all dem Erlebten und Gestalteten, mit dem Rundgang von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse.

Alfred R. Sulzer

Unser Gastschreiber
Alfred R. Sulzer (1948) besuchte die Schulen mehrheitlich in Bern. Von 1967 bis 2010 lebte er (mit Unterbruch) in Zürich, wo er nach dem Jusstudium am Bezirksgericht und 1976 bis 1988 für den Sulzer-Konzern (in Winterthur, Kairo und Paris), zuletzt als Generalsekretär, tätig war. Seit 1989 selbständiger Berater, vor allem im Bereich der Instandstellung von historischen Wohnbauten.
1983 bis 2009 im Vorstand der FDP Zürich 1, seit 1986 Präsident des Vereins Zinnfiguren Museum Zürich, Mitglied der Zunft zur Meisen. 1984 bis 2008 im Vorstand des Kunstvereins Winterthur, die letzten zehn Jahre als Präsident. Engagiert in der Vereinigung Domus Antiqua Helvetica.
Seit Herbst 2010 lebt er vorwiegend in Malans (Graubünden).


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