Weltblatt für den
Kreis 1


«Nachtruhe bitte – hier wohnen Leute»

Zwei Quartierbewohner kreuzen zum Thema Lärm die Klingen: den einen sört die Rücksichtslosigkeit, der andere freut sich über ein quicklebendiges Quartier.

Das Vergnügungsviertel der einen ist das Wohnquartier der anderen. In diesem Spannungsfeld leben die Altstadtbewohnerinnen und -bewohner. Mit einer Plakataktion möchten die Quartiervereine der Altstadt in Zusammenarbeit mit der Stadt auf das legitime Bedürfnis der Anwohnenden auf Nachtruhe aufmerksam machen. Dies stösst nicht überall auf Zustimmung.

Seit Mitte September, später als ursprünglich vorgesehen, stehen zehn Plakatständer in der Altstadt verteilt. Sie sollen späte Gäste auf das Ruhebedürfnis der Anwohnenden aufmerksam machen. Parallel dazu sind Mitarbeitende von «sip züri» (Sicherheit, Intervention, Prävention; Telefon 044 240 18 19) unterwegs, sprechen Leute direkt an und verteilen Flyer an Wirtinnen und Wirte. Nach Auskunft von Roman Dellsperger, Teamleiter bei «sip züri», zeigten sich Anwohnende zufrieden mit der Aktion, einige Personen wünschten ein solches Plakat auch vor dem eigenen Haus. Der Flyer sei auch bei Gastrobetrieben auf ein positives Echo gestossen.
Den Bemühungen um Nachtruhe bisweilen ablehnend gegenüberstehen tut natürlich ein Teil der Adressaten. Doch melden sich auch aus dem Quartier selbst kritische Stimmen zu Wort. Der Altstadt Kurier hat zwei Quartierbewohner um Darlegung ihrer Standpunkte gebeten.

EM

Pro: Danke für Ihre Rücksichtnahme
Während der schönen Herbsttage, die der September uns bescherte, war es an den Abenden und Wochenenden wieder besonders augenfällig: Die Zürcher Altstadt boomt als Ausgehviertel wie nie zuvor. An den immer noch zahlreicher werdenden Restaurant-Tischen im Freien wird friedlich getafelt, in den Bars fröhlich gebechert, auf den kopfsteingepflasterten Gassen unaufhaltsam zirkuliert und in den Ecken und Nischen, welche die Jungen jetzt definitiv für sich entdeckt haben, wird anhaltend geblödelt und geflirtet und geflirtet und geblödelt. Alles in allem eine erfreuliche Sache, die wir dem liberalisierten Gastgewerbegesetz von 1996 zu verdanken haben.
Als Altstadtbewohnerinnen und -bewohner könnten wir eigentlich glücklich und stolz sein, in einem so attraktiven Quartier wohnen zu dürfen. Sind wir auch, aber nicht nur!
Denn es gibt Risiken und Nebenwirkungen. Zum Beispiel das Risiko, dass die Kinder einer Familie an der Spiegelgasse nach 22 Uhr oder gar nach 24 Uhr nicht schlafen können, weil auf dem Leueplätzli sich einige Jugendliche mit ihrem mitgebrachten Alkohol vergnügen – und wahrscheinlich keine Ahnung davon haben, wie viele Leute sie jetzt gerade in deren gesetzlich geschützten Nachtruhe stören. Oder das Risiko, dass die Schlafzimmerfenster einer Familie mit Kleinkindern an der Spitalgasse selbst morgens um 4 Uhr stark vibrieren, weil sich der benachbarte Club um den Lärmschutz foutiert.
Die Nebenwirkungen stechen einem dann am folgenden Morgen ins Auge oder in die Nase: Zum Beispiel Unmengen von Flaschen und Dosen, oft noch halb voll, auf dem Boden verstreut, aber auch angefressene, mit Ketchup verschmierte Hamburger, sorglos, vielleicht auch böswillig direkt vor Haustüren oder auf Schaufenstersimsen deponiert. Nicht zu vergessen der beissende Uringeruch aus verpissten Hauseingängen und Hauswinkeln.
Nein, Achtung vor der Freiheit des Andern ist seit längerem für einige (viele?) Altstadtbesucherinnen und -besucher ein Fremdwort. Angesagt ist vielmehr Fun ohne Rücksicht auf Verluste. Und Fun wird offenbar immer mehr gleichgesetzt mit exzessivem Alkoholkonsum, ohrenbetäubendem Lärm und Vandalismus. Dieses Gebaren geht «easy» durch und bleibt fast immer folgenlos, denn die Polizei ist, anders als in ausländischen Städten, nachts praktisch nicht präsent und die soziale Kontrolle funktioniert bei der allabendlichen Masseneinwanderung in die Altstadt längst nicht mehr.
Das ist der Grund, warum der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat sich mit seiner Arbeitsgruppe Immissionen (bekannter als «Lärmgruppe») seit mehr als zehn Jahren dafür einsetzt (www.zuerich1.ch), dass in der Altstadt nicht nur gefeiert, sondern weiterhin gewohnt werden kann, auch mit Kindern. Denn wirklich lebendig ist ein Quartier nur, wenn es neben Vergnügungsstätten eine gut durchmischte Wohnbevölkerung hat.

Charles A. Weibel, Vorstandsmitglied QV Zürich 1 rechts der Limmat, Leiter Arbeitsgruppe Immissionen (Lärmgruppe)

Kontra: Für ä läbigi Altstadt
Wieso wohne ich eigentlich in der Altstadt, weil die Aussicht aus dem Fenster
so toll ist, weil die Luft so unheimlich gut ist, weil es so schön ruhig ist? Nein, ich lebe hier schon seit über dreissig Jahren, weil ich das Angebot geniesse, das mir die Altstadt bietet, die Bars, die Cafés, die Take-Aways. Mehrheitlich in der Enge aufgewachsen, verkehre ich seit dem Lindenhofbunker (1969/ 1970) in der Altstadt. Ich war seinerzeit im Lavater in der Sekundarschule und das war doch das Jugendzentrum der Stadt Zürich. Auf der anderen Seite der Limmat lag das Niederdorf, das Vergnügungsviertel der Stadt Zürich, Polizeistunde 24.00 Uhr. Drogenszene beim «Turm», danach Café «Olden», dann Hirschenplatz. Die Häuser eher ärmlich, wie auch die Bevölkerung, ausser die Vornehmen vom Oberdorf. Wenn man jemandem sagte, man wohne im Niederdorf, hiess es «Oh, du Arme», wenn man sagte in der Altstadt: «Ah, isch na schön».
Die Altstadt lebte, es hatte noch Aussenseiter, Alkis, Fasnacht, war ein Biotop mit Trottoirs, Lebensmittelläden, Privatclubs für die, die noch nicht nach Hause wollten, und vielen toleranten Leuten.
Die Wende kam mit der Sanierung der Altstadtkanalisation, danach wurde die Drogenszene aus der Altstadt verdrängt. Das Gastgewerbegesetz liberalisiert, Zürich wurde wirklich zur kleinen Weltstadt mit der grossen Lebensqualität. Die Häuser wurden saniert und es wurde schick, in die Altstadt zu ziehen. Die wöchentlichen Wohndemonstrationen wurden eher als Folklore aufgenommen, obwohl es da Sachbeschädigungen gab. Die Häuser der Altstadt sind nun bald alle saniert, die Mieten steigen und jetzt kommen Leute in die Altstadt mit Traditionen wie die Turnachkinder: das «Townhouse» in der Altstadt für im Winter und die Villa an der Goldküste für im Sommer. Toll! Privates Guesthouse in der Altstadt, wenn man dann mal Besuch hat oder Lust auf die Altstadt, dann belebt man es für ein paar Stunden oder Tage. OK, diese Leute reklamieren ja nicht ständig wegen dem Lärm, weil sie selten da sind.
Andere ziehen in eine teure Wohnung an der Stüssihofstatt, hinten der Rosenhof, vorne die Stüssihofstatt, und reklamieren wegen dem Lärm. Das ist, wie in die Anflugschneise des Flughafens Kloten zu ziehen und sich wegen dem Fluglärm zu beschweren.
Das Niederdorf beginnt an der Stüssihofstatt und endet am Central. Heisst
ja auch Niederdorfstrasse. Wer in diesem Bereich wohnt und sich wegen
dem Lärm bei der Polizei beschwert, sollte von der Polizei wegen groben Unfugs gebüsst werden können. Wenigstens von 20.00 bis 2.00 Uhr. «Nach em Morge am zwei dörfs scho au mal liisliger werde.» Lieber ein bisschen laut und billig, als leise und teuer. Ich will eine lebendige Altstadt mit einer guten Durchmischung und keinen Kurort mit Townhouses, Minilofts, Zweitwohnungen und Sternehotels.

Peter Preissle, Vorstandsmitglied Geschäftsvereinigung Limmatquai / Dörfli, unter anderem Mitbetreiber einer Bar


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