Weltblatt für den
Kreis 1


Zur Eröffnung des Dada-Hauses

Ich bin ein Spiesser!

Walter Mehring, einer der Gründerväter des Berliner Dadaismus, bringt es in einem denkwürdigen Gespräch mit Peter K. Wehrli – zu hören und zu sehen in der aktuellen Eröffnungsausstellung des soeben aus der Taufe gehobenen neuen Cabarets Voltaire – auf den Punkt: Dadaismus ist ein Aufstand des Individuums gegen den Krieg. Und gegen den ewigen Spiesser, der aus seiner bequemen Position inmitten der anonymen Mehrheit heraus das Individuum in Fesseln legt. – Mehring erwähnt in diesem Gespräch etwas maliziös, dass ein Bewohner der Spiegelgasse damals vehement bei der Polizei gegen das laute Treiben im Cabaret Voltaire protestierte: es war Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. So verwirrend kann Geschichte sein. Und Mehring fügt noch bei, dass er Lenin durchaus verstehen könne: dies sei seinem Proletariat nun wirklich nicht zuzumuten gewesen.
Verwirrend ist auch die Gegenwart: da begegnet uns mit Swatch ein Sponsor, der keinesfalls die vornehme Zurückhaltung des Mäzens vergangener Zeiten an den Tag legt. Dass sich ein Wirtschaftsunternehmen gerade hier engagiert, ist wohl kein Zufall, sondern innere Logik. In einer Zeit, in welcher der Konsument zum Abfallverwerter einer steigenden Produktivität wird, kann sich die Marktwirtschaft den Spiesser schlicht nicht mehr leisten. Womit das subversive Konzept des Dadaismus kapitalistisch unterlaufen ist. Das kann auch die seltsame Eröffnungsaktion – «Wir schenken Ihrem Kind CHF 10000.–, wenn Sie ihm den Namen DADA geben» – nicht wieder umkehren. Denn das Vorhaben, das die Grenze zwischen Kunst und Kommerz ausloten will und den Bibi-Nuggi-Hersteller Lamprecht als Sponsor mit an Bord nimmt, kommt mindestens 30 Jahre zu spät und wirkt in seiner provokativen Geste matt und flau.
Zum Glück konnte man rund um die Eröffnungsfeierlichkeiten einen inneren Kreis von Dada-Kennern und Dada-Enthusiasten ausmachen, der dem Dada-Haus möglicherweise doch noch Leben einhauchen kann. Wünschen wir uns, dass diese neue Kulturstätte dem Quartier ausserhalb der kommerziellen Achse am laufenden Band Sorgen bereitet. Dass sie Empörung sät unter uns Spiessern. Denn nur so wäre der Versuch es sich wert. Denn schliesslich wäre dann auch wieder ein Lenin verlangt, der uns Spiesser in Schutz nimmt…

Michael Schädelin


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