Weltblatt für den
Kreis 1


Bildungsort, Männerhort…

Nicola Behrens bespricht das hochinteressante Buch über den Arbeiterbildungsverein «Eintracht Zürich».

An der Fassade des Theaters am Neumarkt erinnern Inschriften an Ereignisse, die sich dort abgespielt haben. Die vierte Gedenkinschrift bezieht sich auf den deutschen Arbeiterbildungsverein Eintracht. Wäre sie durch eine Liste der prominenten Personen ergänzt, die zwi-schen 1888 und 1916 dort verkehrt haben, stünde dort ein beeindruckendes «Who is who» der lokalen und internationalen Arbeiterbewegung von Friedrich Adler über August Bebel, Eduard Bernstein, Rosa Bloch, Fritz Brupbacher, Conrad Conzett, Herman Greulich, Robert Grimm, Otto Lang, Lenin, Wilhelm Liebknecht, Rosa Luxemburg, Fritz Platten, Leo Trotzki bis Clara Zetkin. Wer allerdings wissen will, was denn diese Personen dort getrieben haben, dem sei die neuste Publikation von Karin Huser «Bildungsort, Männerhort, politischer Kampfverein. Der deutsche Arbeiterverein ‹Eintracht Zürich› (1840-1916)» wärmstens empfohlen. – Selbst wer sich nur ein kleines bisschen mit der Zürcher Arbeiterbewegung befasst hat, stösst ständig auf diesen Arbeiterbildungsverein Eintracht in Zürich. Karin Huser hat schier unzählig viele Puzzlesteine zu einer lebendig geschriebenen, systematischen Vereinsgeschichte zusammengesetzt. Und plötzlich bemerkt man, dass die Eintracht, die so stark mit ihrem Vereinslokal am Neumarkt identifiziert wird, zwischen 1840 und 1888 ein Vorleben hatte und auch etwa in Aussersihl im Restaurant «Blume» («St. Jakob», heute: Pizzeria «Molino») lokalisiert werden kann.
Beeindruckend ist die Systematik, mit der Karin Huser viele bisher nur allgemein zugängliche Angaben illustriert. So zeigen etwa die Titel der 45 Tages- und Wochenzeitungen, die in der Eintracht aufgelegen sind, deutlich, wie international der Verein gewesen ist: es gab fünf Titel aus Berlin, vier aus Leipzig, aber auch je eine Zeitung aus Budapest, Brünn, Wien und sogar aus New York! Oder die Titel von Vorträgen und Referentenkursen von 1909/10, die zeigen, dass die Eintracht mit anspruchsvollsten Themen ihrem Anspruch als Arbeiterbildungsverein vollauf gerecht wurde.
Das Schlagwort «Männerhort» im Titel des Buches zeigt auch auf, dass die Eintracht neben aller Politik und Bildung auch ein Ort der Geselligkeit war. Wie weit sich die wenigen weiblichen Vereinsmitglieder auch am geselligen Teil der Vereinsaktivitäten beteiligten, ist nicht bekannt. – Darüber wurde schiesslich nicht auch noch Protokoll geführt.

Nicola Behrens


Karin Huser: «Bildungsort, Männerhort, politischer Kampfverein. Der deutsche Arbeiterverein ‹Eintracht Zürich› (1840–1916)». Chronos Verlag Zürich, 2012.
532 Seiten, 65 Abbildungen, Fr. 68.–.
ISBN 978-3-0340-1117-4.


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