Weltblatt für den
Kreis 1


Blick zurück auf vierzehn Jahre

Martin Brogli kann auf vierzehn Jahre Quartiergeschichte zurückblicken. Dem Altstadt Kurier berichtet er im Gespräch über Heiteres und Ernstes.

Das Engagement im Quartierverein begann für Martin Brogli im wahrsten Sinn vor der eigenen Haustür: 1998 engagierte er sich in einer Diskussionsgruppe zum Umbau des Predigerplatzes. Bezugsperson zum Quartierverein war Daniel Schneider, der einen Nachfolger suchte. Und Vorstandsmitglied Walter Reichmuth, der damals das «Marion» führte, bearbeitete Martin Brogli bei jedem Restaurantbesuch, bis dieser schliesslich zusagte – natürlich ohne zu wissen, dass er kurze Zeit später zum Vereinspräsidenten gekürt werden sollte, um dieses Amt vierzehn Jahre auszuüben. «Mein Engagement war im Interesse für das lokale Ge-
schehen begründet, für ein wunderschönes, aber auch problembelastetes Quartier. Als Dieter Henne 1999 als QV-Präsident zurücktrat, fanden sich keine Kandidaten, im Vorstand rief schliesslich einer aus: Irgendjemand muss es doch machen! Also übernahm ich die Rolle dieses Irgendjemand.»

Der Networker
Martin Brogli fand rasch Spass an der Aufgabe und wusste seine vielen guten Beziehungen zur Stadt zu nutzen. «Aus meiner Zeit als VBZ-Personalchef hatte ich ein Telefonbuch voller nützlicher Nummern zu den Stadtbehörden. Das spielte ich resolut aus, denn nur so hat man Einfluss.» Natürlich galt es, an allen quartierspezifischen Anlässen präsent zu sein und den Anliegen der Quartierbevölkerung eine Stimme zu geben. Bei grösseren Ereignissen wie etwa der Eröffnung des Limmatquais oder bei kleineren wie der Einweihung der ersten Unterflurcontainer am Stüssihof.

Kleine und grosse Probleme
Wenn man Martin Brogli bei seiner Rückschau auf seine Arbeit zuhört, dann merkt man, dass viele kleine Probleme der Zürcher Altstadt identisch mit den grossen Problemen unserer modernen Welt sind und sich die grossen gesellschaftlichen Verwerfungen auch und gerade im lokalen Rahmen manifestieren: Etwa die Immissionen, die eine auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung orientierte Gesellschaft in den Innenstädten hinterlässt. Der Quartierverein unter Martin Brogli gehörte von der ersten Stunde zu den dezidierten Warnern, als im Kanton
Zürich die Gastwirtschaftsverordnung liberalisiert wurde, womit in den Innenstädten viel politischer Gestaltungsspielraum in Sachen Schutz der Wohngebiete verloren ging. Aber auch Themen wie das Schwinden von günstigem Wohnraum oder der Zinsdruck auf das für jedes Quartier so wichtige Kleingewerbe lassen sich in den Entwicklungen der Zürcher Altstadt nachzeichnen. Hier vertrat der Quartierverein unter Broglis Leitung immer unmissverständlich die Interessen der Mietenden.

Verkehr und Sicherheit
Dauerbrenner war, namentlich zu Beginn von Martin Broglis Amtszeit, der Verkehr, wo sich die Interessen der Anwohnerschaft und des Gewerbes latent widersprechen. In Zürichs Innenstadt wurden diese Konflikte moderat und intelligent ausgetragen – nicht zuletzt auch durch die sowohl klare wie vermittelnde Position des Quartiervereins.
Und schliesslich ist das Thema Sicherheit zu erwähnen. Hier übte und übt der Quartierverein seit jeher Druck auf die Behörden aus, konnte auf neu entstehende Problemfelder hinweisen und Erfolge erzielen. «Eines der Highlights meiner Tätigkeit war, als ich eine Nacht lang mit der SIP in der Innenstadt auf Patrouille ging und ich das Quartier ganz neu erlebte: im nächtlichen Hauptbahnhof, beim Strassenstrich an der Häringstrasse und an weiteren Hot Spots. Da spürte ich das Phänomen der Zentrumslast ganz direkt.»

Auf Menschen zugehen
Als Quartiervereinspräsident muss man die Quartierbevölkerung möglichst breit repräsentieren. Martin Brogli nennt hier sein einfaches Rezept: «Wichtig ist, dass man mit offenem Ohr durch die Gassen läuft, auf die Menschen zugeht und an möglichst vielen Orten präsent ist. Da gehört die Barkante genauso dazu wie die Turngruppe. Es gilt, Jung und Alt, Arm und Reich vorbehaltlos zu begegnen und integrativ zu wirken. Das hat mein Amt für mich so schön gemacht: die bunt gemischte Schar ganz verschiedener Menschen, für die ich mich einsetzten konnte.» Auch wenn im Gespräch durchscheint, dass nicht immer alles ganz einfach war. So etwa bei der Auseinandersetzung um die Villa Landolt, wo ein tiefer Graben durchs Quartier ging. – Das Amt brauchte auch Zivilcourage – etwa als Martin Brogli in einem 10vor10-Beitrag dezidiert gegen Zweitwohnungen Stellung nahm und das Statement vor einem einschlägig bekannten Haus machte – was eine harsche Reaktion der Hausbesitzer zur Folge hatte. Oder als er im Streit um das vor der Schliessung stehende GZ Altstadthaus eine sehr laute Standpauke der Sozialvorsteherin über sich ergehen lassen musste: Martin Brogli zuckte nicht mit der Wimper und wiederholte kurz und knapp die Forderungen des Quartiers. Mit erfolgreichem Ausgang notabene.

Feiner Humor
Zudem war es ein Glücksfall, dass Martin Brogli ein feines Gespür für den besonderen Humor des Quartiers hat. So führte er die legendären Quartiervereinsversammlungen souverän und mit jener leisen und liebenswürdigen Ironie, die schon seinen Vorgänger Dieter Henne auszeichnete. Unvergessen auch die Eröffnung des Quartierbriefkastens, der nur bei Neumond geleert wird: Die lustvolle Inszenierung wurde zur dadaistischen Performance.
So ist es nicht verwunderlich, dass die letzte Generalversammlung Martin Brogli einen unvergesslichen Abschied bescherte. Wer miterlebt hat, wie seine Vorstandskollegen zum Ständchen antraten und wer hörte, dass sich Dora Koster aus Angst vor dem aufwühlenden Moment entschuldigen liess und einen Blumenstrauss schickte, der kann erkennen, dass der Quartierverein damals vor vierzehn Jahren den richtigen Irgendjemand zum Präsidenten wählte.

Michael Schädelin


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