Weltblatt für den
Kreis 1


Stadtwanderer
Begegnungen

Der Stadtwanderer begegnet dem Bundesgericht, einigen Fussbalfans und einem Repräsentanten der CS und kommt zum Schluss: «Alles Hyperventilation!»


Für einmal wanderte der Stadtwanderer ins nahe Ausland: Limmatabwärts bis zum Hardturm. Dort kam ihm das Bundesgericht entgegen und sprach: «Du darfst. Du darfst 2,7 Millionen Mal Auto fahren im Jahr. Wenn aber einmal das Tram 18 gebaut ist, dann nur noch 2,2 Millionen Mal. Denn das Fahrtenmodell gilt.» Da freute sich der Stadtwanderer zusammen mit der Stadt Zürich und der Credit Suisse, denn nun kann das Stadion gebaut werden. Des Stadtwanderers Freude ist zwar von Melancholie getrübt, seinetwegen braucht es kein Einkaufszentrum am Stadteingang, jetzt, wo am Samstag auf der Gemüsebrücke wieder Gemüse zu haben ist. Was aber den Stadtwanderer erfreut, ist das architektonische Projekt. Es wird das Merkzeichen von Züriwest werden und ein stadtprägender Bau. Wirklich, Leute, das wird gut.
Wie er sich mit dem Bundesgericht unterhielt, da kamen auch einige Fussballfans vorbei, die grölten: «Euro 2008!» Dann schrien sie noch etwas von lendenlahmer Stadt und Volkswille, was aber der Stadtwanderer schlecht verstand, weil die Aussprache der Tschuttfreunde eine Fahne hatte. «An mir liegt es nicht», seufzte das Bundesgericht, «diesmal habe ich pressiert. Darüber hinaus waren alle Einsprachen berechtigt, und wer 2008 eurotschutten will, muss früher aufstehen.» Für sich ganz allein dachte der Stadtwanderer: «Alles Hyperventilation! Wegen drei Fussballspielen sind alle aus dem Häuschen. Wenn ich das Spiel in der Röhre sehe, ist sowieso wurst, wo die tschutten.»
Unverhofft tauchte auch noch der Mann von der CS auf. Doch grüsste er kaum und wehrte die Glückwünsche müde ab. Man sah, der Mann hat Sorgen.
«Ja», sprach er aus Seelentiefe, «jetzt haben wir ihn wieder.» Wen denn? «Den schwarzen Peter. Das Bundesgericht war lieb zu uns, aber jetzt sind wir selber schuld, wenn wir nicht bauen. Es wäre doch so gäbig gewesen, wenn wir die Hände hätten verwerfen können und laut ‹Verhinderer, Wirtschaftsfeinde!› schreien. Jetzt sitzen wir in der Tinte, da wir schon vorher sagten: 2,7 Millionen Mal autölen genügt.»
Darauf wich er grusslos und hantierte im Weitergehen mit dem Taschenrechner. Er übte die Prozentrechnung. Der Stadtwanderer küsste noch schnell das Bundesgericht und ging fürbass. «Nimmt mich wunder, wie sich die Bank da herauswindet», sagte er zu sich, «noch steht das Stadion nicht.»


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