Weltblatt für den
Kreis 1


Stadtwanderer
Gemeine Verworfenheit

Weit nach Osten wagte sich der Stadtwanderer über Neujahr vor: bis nach Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Dort regnete es zwar, doch auf den jahresscheidenden Glockenschlag kann man auch in Trogen warten. Anderntags war Pflege der Kameradschaft auf dem Programm, man unterhielt sich zuerst über Gott und die Welt und später über Zürich. Nichts Überraschendes kam dabei heraus, die alten Vorurteile wurden gegenseitig bestätigt. Aber, überlegte sich der Stadtwanderer später beim Stapfen durch den Schneematsch, etwas hast du doch gelernt. Du weisst nun, was die Gemeinheit ist und wie die moralische Überlegenheit zustande kommt.
Gemein ist, dass der Kanton Appenzell AI plus AR Bewohner verliert. Das, weil seine Arbeitsplätze abschmelzen. Das gibt es anderswo auch und auch anderswo ist es hundsgemein. Schlimmer aber ist noch, dass im Kanton Zürich die Arbeitsplätze zunehmen und die Bewohner auch, ebenso das Volkseinkommen und die Autogrösse. Warum ist das so? Das braucht man in Trogen nicht zu untersuchen, weil es offensichtlich ist: die Zürcher nehmen sie den Appenzellern weg. Wie sonst könnte es geschehen, dass sie am einen Ort schwinden und am andern wachsen? Bitte keine Belehrungen von Standortgunst und Clusterbildung! Was wahr ist, bleibt wahr, auch wenn es nicht stimmt.
Zum Glück kann man in Trogen mit der moralischen Überlegenheit die schlimmsten Schäden ausgleichen. Nicht nur grundsätzlich demokratischer ist Appenzell (AI plus AR), sondern hauptsächlich gesünder. Wohlverstanden an Körper und Seele, genauer: durch den gesunden Körper wird die Seele verbessert. Da das appenzellische Volk tagtäglich einem intensiven Naturgenuss ausgesetzt ist, gewinnt es an Robustheit und Körperstärke. Seine moralische Widerstandskraft nimmt damit zu und ist im Vergleich mit dem Zürcher Durchschnitt um mindestens sieben Öchslegrade höher. Auch dafür braucht es keine Beweise, das ist in Trogen Offenbarung.
Leider ziehen die Gemeinheit und die moralische Überlegenheit das appenzellische Gemüt nicht in dieselbe Richtung. Die Gemeinheit führt zu Neid, die Überlegenheit zu Verachtung. Wie soll das Herz neidisch sein auf das, was es verachtet?
Die appenzellischen Bekannten schienen trotz ihrer Einigkeit etwas unwohl, sie überzeugten mehr sich selbst als den Stadtwanderer. Trotzdem haben sie natürlich recht, die Zürcher sind gemein und verworfen. Das ist bekannt und anerkannt. Wirklich schlimm daran ist aber nur, dass sie sich, wenn sie nicht gerade zufällig im Lande Appenzell sind, einen Dreck um ihre gemeine Verworfenheit kümmern. Doch unterdessen war das Schneewasser in Stadtwanderers Schuhe eingedrungen, was die moralischen Gedanken verscheuchte. An die Zehen frieren ist dasselbe, ob in Trogen oder am Limmatquai.


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