Weltblatt für den
Kreis 1


In der Altstadt daheim

Unser Gastschreiber Peter Purtschert stammt aus Luzern und lebt mit seiner Familie in der Altstadt, wo er sich daheim fühlt.

Wenn wir nach einem Match im Letzigrund im 3er-Tram in die Altstadt zurückfahren und meine Buben und meine Frau «Züri isch ois, isch ois ganz allei, will z’Züri isch numä dä FCZ dähei» singen, und ich nicht einstimme, zünden sie mich an und sagen: «Du bisch halt immer no en Luzerner.» Dabei habe ich die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht und könnte sagen: «Nöd nu der FCZ, ich doch au…»

Der mit der Army-Jacke
Anfangen könnte ich auch mit Fritz Herdis legendärem Gassenwörterbuch «Limmatblüten» (am schönsten die Sanssouci-Ausgabe 1955 mit den Zeichnungen von Fredy Pletscher, Neuausgabe bei Huber 2001 mit Fotos aus den Fünfzigerjahren). In der Kanti am Alpenquai in Luzern mussten wir im zweiten Jahr einen Vortrag über spezielle Formen der deutschen Sprache halten und ich wählte mit sicherer Hand das Buch über den Wortschatz der fünften Landessprache. Weil ich neben kluger Rhetorik mit meinen Kollegen aus der Theatergruppe auch eine Spunten-Szene quasi live aufführen wollte, beschlossen wir, ein Wochenende im Niederdorf zu verbringen. Den Originalsound der Fünfzigerjahre fanden wir natürlich nur noch sehr sporadisch, im «Bluetige Duume» etwa oder im «Rheinfelder», aber eigentlich waren wir doch mehr an der Gegenwart interessiert und fanden dann die Riviera. Weil wir auch einmal «kiffen» wollten, fragten wir, wo denn ein «Piece» zu bekommen wäre. Wir wurden ins «Odeon» geschickt, wo wir nach einem Typen in Jeans und Army-Jacke Ausschau halten müssten. Ich hab dann erst im Nachhinein das Grinsen verstanden, denn als wir dort eintraten, sahen wir praktisch nur Typen in Jeans und Army-Jacken… – Das war meine erste nähere Begegnung mit der Zürcher Altstadt. Geschlafen haben wir draussen im Schlafsack am Zürihorn und dann noch auf einem Böötli im Schanzengraben, weil wir dort nicht in aller Frühe von Stadtpolizisten geweckt wurden.
Es war für mich dann aber keine Frage, dass ich später mein Geschichtsstudium an der Uni Zürich beginnen würde. Nur schon wegen den vielen und schönen Kinos: Studio 4, Apollo, Alba, Le Paris, Corso und wie sie alle heissen. Geschichten haben mich immer mindestens so interessiert wie die Historie. – Gewohnt hab ich dann zuerst vor allem im Vieri und Föifi (zehn Adresswechsel in zehn Jahren), auch mal kurz in Höngg, aber dann besonders gerne an der Schlüsselgasse, in einem Einzimmer-Schlauch, mit blindem Fenster ins Treppenhaus, einem Vorhang als Raumtrenner und einem Etagen-WC. Leider wurden die ca. zwanzig Mieterinnen und Mieter dann aber schon bald raussaniert.

Erbschleicherei
Jetzt wohne ich seit bald acht Jahren mit Frau und drei Kindern im Niederdorf, über dem Restaurant «Rechberg» am Predigerplatz, und fühle mich da wie gesagt dehei.
Es ist immer noch die Mischung aus Geschichte und Gegenwart, die mich in den Gassen und um die Ecken begleitet und die den Bekannten und Verwandten manchmal auch auf den Geist geht. Der Prediger-Chor erinnert mich an meine Seminararbeit über die Erbschleicherei von Mönchen im mittelalterlichen Zürich. Für die letzte Ölung ans Bett eines Sterbenden gerufen, haben die Mönche sich Geld und Seelenzinsen verschreiben lassen und bei Gelegenheit auch noch Wertgegenstände aus Kisten und Kästen mitgehen lassen. Klagen darüber sind in den Zürcher Stadtbüchern verzeichnet und einer der Vorboten der Reformation.
«Züri-Bar» und «Malatesta» erinnern mich an durchzechte Nächte – nach altem Spuntenregime gar nicht mal so lange – und absolut gnadenlos sinnlose Politdiskussionen. Und die bröckelnden Kellerfundamente an der Chorgasse an die alte Stadtmauer, von der aus die Zürcher Bürger am 4. Juni 1799 beobachteten, «wie die österreichische Armee auf breiter Front zum Angriff auf Zürich antrat und die erste Kolonne mit 4200 Mann unter Jelacic Richtung Riesbach angriff, das Vorgelände der Bollwerke erreichte, dann aber von der helvetischen Armee unter General Nicolas Jean-de-Dieu Soult hinter den Wildbach zurückgeworfen wurde». (Wikipedia, Erste Schlacht von Zürich)
Dabei sein wollen hätte ich damals nicht, denn wie in allen Kriegsgebieten herrschte auch in Zürich Hunger und Elend. Dann schon eher später, mit Gottfried Keller, dessen «Grünen Heinrich» ich mir als Maturathema ausgesucht hatte, die Lampe füllen. Oder im «Terrasse» Schach spielen mit Tristan Tzara, Walter Serner und Friederich Glauser oder Kurt Guggenheim zu «Alles in Allem» befragen. Aber heute gibt es im Cabaret Voltaire einen Shop, der auch Kleider und Nippes verkauft und die russischen Reisegruppen an der Spiegelgasse schauen mich verwirrt an, wenn ich ihnen erkläre, Lenin und die Krupskaja – die in ihrer Autobiographie erzählt, dass sie ihr Fahrrad immer ins Haus genommen habe, weil sie befürchtete, es werde geklaut – seien schon seit längerem nicht mehr gesehen worden.

Liste des Guten
Aber es gibt viel Gfreuts und vor dem Schreiben hab ich überlegt, ob ich vielleicht nur eine Liste fabrizieren soll mit all dem, was mir hier so gefällt: mit den Buben einkaufen bei Helen, Schwarzenbach, Vitus und im Kinderbuchladen; auf der Trittliwiese sitzen; beobachten, wie Ursula und Matyas mit Eliot und anderen Kindern durch die Gassen ziehen oder wie Jacob und Jojo Leder-Ruffner angeben, sie seien jeweils der andere; Schulbesuch im Hirschengraben; ein Fundstück kaufen bei Massimo oder eine Jeans im VMC, Haare schneiden im Haarschopf, Pizza essen im «Santa Lucia» oder eine Paella bei Paco; DVDs ausleihen im Les Videos oder in der ZB lesen; das Altstadthaus und das Leuenplätzli… Ich war immer angetan davon, dass es in Zürich kaum sinnlose Denkmäler gibt (mit Hans, Huldrych, Johann Heinrich, Göpf und Alfred kann ich gut leben, die haben mich auf die eine oder andere Art alle beeindruckt) und heute sehe ich aus unserem Stubenfenster die Spitze des «Für-das-händs-dänn-wider-Gält»-Hafenkrans und kann ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie auf eine spezielle Art witzig, diese Zwinglianer.

Peter Purtschert

Unser Gastschreiber
Peter Purtschert (1958) ist in Luzern aufgewachsen, wo er die Matura machte. Ab 1978 studierte er einige Semester Geschichte an der Uni Zürich, arbeitete dann unter anderem sechs Jahre im Dokumentationszentrum von Ringier. Danach Studium der Filmwissenschaften und Geschichte. Tätigkeit als freier Drehbuchautor. Seit zwanzig Jahren ist er an der ZHdK (vormals Kunstgewerbeschule) im Studienbereich Film als Lehrer für Drehbuch und Filmgeschichte tätig.
Er wohnt seit sechs Jahren in der Altstadt, mit seiner Frau Patrizia Stotz und den drei Kindern. Daneben wirkt er als Fussballtrainer beim FC Seefeld Junioren und hilft mit bei der Gartenarbeit im Familiengarten.


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