Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Mit Globi im Dörfli

Wo im Dorf gibts noch ein Cordon bleu für Fr. 23.50 und ein Züri-Gschnätzlets (vom Kalb) für Fr. 25.50 und am Abend noch ein Tagesmenü? Wo ächt: Im «Bluetige Tuume» an der Marktgasse!

«Isch es dää da?» fragt der Kellner, als ich mich im Lokal umsehe, es ist punkt 19 Uhr. Ja. Er sitzt am Fenster beim Bier, der Dani Frick, die Stange trägt noch ein Häubchen. Und wir haben den vollen Blick auf die Menschen, die sich durch die Marktgasse zwängen müssen und Bauwänden entlangschleichen, verfolgt von klingelnden Velofahrern, pardon, nein, Velofahrerinnen, die sind noch einen Zacken forscher.
Seit Jahren werden die Nachbarhäuser renoviert. Die «Pigalle-Bar», wo der Künstler Andy Warhol und der Filmer John Waters neben Schlagerfreunden vor dem alten Mosaik standen: Adieu! Wo das Hotel «Goldenes Schwert» angeblich ein Zimmer für Meister und Sklave(n) vermietete, wo im «T&M» glorios aufgebrezelte Tunten sangen und tanzten und sich die Männer im darkroomdunklen «Aaaah» vergnügten, bis die Morgensonne ihre grosspupilligen verstrahlten hungrigen Augen zu Schlitzen zwang, macht sich ein riesiger heller Laden breit. Cos, die H&M-Modelinie für Damen im fortgeschrittenen Alter. Das heisst heute: für Frauen ab 19 und ein paar Jahre darüber.
So sitzen wir in einem Lokal, das seit Jahrzehnten alle Spekulanten überlebt hat. Möglich wurde das durch die Familie Beffa, die mit grossartiger Hartnäckigkeit in fünf Zürcher Lokalen währschafte Schweizer Gerichte auftischt.

«Bluetige Tuume»
Da kommt mir in den Sinn: Wie viele Gäste in der «Rheinfelder Bierhalle» beim Central gelandet sind statt hier im «Rheinfelder Bierhaus», weiss man nicht, es dürften nicht wenige sein.
Daher machen Ortskundige gleich im «Bluetige Tuume» ab, dem Übernamen des Bierhauses. «Tuume» mit einem «T» bitteschön. So schreibt das Zürichdeutsche Wörterbuch: «Am lèère Tuume suuge.» Das heisst: nichts zu essen haben. Woher der Ausdruck stammt, weiss keiner mehr – die Lokalzeitungen bieten mehrere Varianten feil. Jene, die ich gehört habe, hatte mit einem Kartoffelsalat zu tun, in den der Koch sich den Daumen gleich mitraspelte. Aber wer je Härdöpfelsalat frisch zubereitete, kann sich darüber nur wundern.

Wie in der Niederdorfoper
Wir bestellten zwei weitere Stangen Cardinal (3 Dezi zu Fr. 4.20), das Cordon bleu und ein Züri-Gschnätzlets, das die Serviertochter (yes, das gibts noch) uns so flink brachte, dass sie die rübis stübis leer gegessenen Teller um 19.35 (!) wieder abräumte. Sie tat das mit derselben Nonchalance wie Margrit Rainer, die als Serviertochter in der Niederdorfoper sang: «Ich mag nicht Rosenkohl, ich mag nur Alkohol.» Und das Ketchup in den Hosensack stopfte, als sie zur Theke zurückging.
Dani Frick wohnt seit 2005 mit seiner Freundin und deren Tochter an der Mühlegasse, er ist ein Kreis-5-Kind, das erlebte, wie der Fabrikschlot gesprengt wurde, um dem KV-Gebäude Platz zu machen. Und wo die schicke Badi Letten noch eine «Scheiss-Badi» war, in die kein Mensch ging.
Als Lehrling entwarf er Verpackungen für die Migros. Eine sah er in der Kühltruhe jüngst wieder – den «Bubble Joe», eine Kaugummiblase mit Füssen und Tächlichappe, denn ihr Stiel war aus Kaugummi. «Es git mi also immer no», sagt Dani.
Es gibt ihn aber auch sonst für aller Augen – Frick ist seit Jahren einer von drei Globi-Schöpfern. Er zieht Reinzeichnungen aus der Mappe, die den ehemaligen Werbevogel von Globus in seiner typischen karierten Hose samt Feder am Füdli zeigen – das neue Globi-Buch, das im Februar 2015 erscheint. Wohin die Reise diesmal geht, darf ich nicht verraten, ein Mann, ein Wort. Wohin wir aber mit Sicherheit wieder gehen werden, verrate ich gern und freue mich drauf: in den «Bluetige Tuume».

*René Ammann

Restaurant «Rheinfelder Bierhaus», Marktgasse 19, Tel. 044 251 29 91. Offen täglich 9 bis 24 Uhr, warme Küche von 11 bis 23 Uhr. www.beffa-gastro.ch/bierhaus.html.


*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit dem Grafiker und Illustrator Dani Frick, einem der drei Zeichner der Comicfigur Globi (www.danielfrick.ch).


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