Weltblatt für den
Kreis 1


Zu Gast im «Bistrokiosk Café Marion»

Es gibt Betriebe, bei denen merkt man kaum, wenn es sie nicht mehr gibt. Wenn es jedoch das «Marion» nicht mehr gäbe, wäre das für viele sehr schlimm. Wo liegt der Zauber dieses Lokals, das fast nie leer ist und in dem sich die Leute augenscheinlich so wohl fühlen?

Weshalb sich die Leute im «Marion» so wohl fühlen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Liegt es an den Persönlichkeiten, liegt es an den feudalen Öffnungszeiten, am vielfältigen Speiseangebot, am Preis-Leistungsverhältnis, oder vielleicht an den (in jeder Hinsicht) umwerfenden Dekorationen? Wer das «Marion» kennt, weiss, dass all dies eine Rolle spielt, und zwar eine sehr gute.

Breakfast, Dine and Wine
Das Marion ist eigentlich immer offen. Montag bis Freitag 6.30 bis 24 Uhr, am Samstag 5 bis 24, am Sonntag 5 bis 18 Uhr. Dann gehen alle schlafen. Und durchwegs gibt es warme Küche. Schon morgens früh sind Spiegeleier mit Speck zu haben, aber natürlich auch normale Frühstücke. Überhaupt die Speisekarte: Hier wurde die Schweiz noch nicht verdrängt. Es gibt alles zwischen Älplermakronen und Züri-Geschnetzeltem, wobei auch die Bestseller alle bodenständig sind und die Preise anständig. Hackfleischtätschli mit Pommes frites und Gemüse, besser als zu Hause, wird rund dreissig Mal pro Tag serviert (Fr. 23.80), die Walliser Käseschnitte auf in Weisswein marinierten Hausbrotschnitten (Fr. 18.50) war sehr mundig, aber einsame Spitze in jeder Dimension war das Cordon bleu, wobei bei uns die klassische Variante mit Schweinefleisch zum Zug kam (Fr. 27.50). Zuerst beschäftigte uns die Frage, ob der Teller zu klein oder das Cordon bleu zu gross sei. Aber dann kam das grosse Essvergnügen, tadelloses Fleisch, bester Käse und Schinken, knackige Rösti. Es gibt Varianten mit Kalbs- oder Pouletfleisch, mit Ananas oder Speck und Zwiebel oder Champignons. – Aus der kalten Küche kommen Birchermüesli, aber auch Salat mit und ohne Wurst oder auch Hausbrot-Sandwiches (Fr. 5.20). Die Tageskarte umfasst jeden Tag sechs Menüs, bei unserem Besuch zum Beispiel Kalbsbraten an Rahmsauce mit Kartoffelstock und Gemüse (Fr. 22.80) und Champignonschnitten mit Salat (Fr. 18.80). Neben verschiedenen Suppen stehen auch fünf Sorten Pizza auf der Karte (ab Fr. 18.50).
Wo gut sein, gibt es Wein! Wir genossen eine Spezialität aus Steinmaur, wo die Persönlichkeiten auch wohnen. Einen preisgekrönten Caranoir (7,5 dl Fr. 32.–), doch gibt es auch die einfachere Variante (5 dl Fr. 24.–). Daneben gibt es bei den Weissen unter anderen Epesses (dl Fr. 4.80), aber auch einen Aigle les murailles (dl Fr. 6.50). Flaschenweine erfreuen den Kenner in Weiss und Rot, zum Beispiel St. Saphorin (Fr. 35.50) oder Chardonnay (Fr. 38.50) oder ein Cabernet Sauvignon aus Spanien (Fr. 27.40) oder ein Moulin à vent (Fr. 32.–). – Eine Kaffeesortenevaluation ist im Gange und das Ergebnis sehen, beziehungsweise schmecken wir ab Ende Februar.

Die Persönlichkeiten
Man kann über das «Marion» nicht berichten, ohne die beiden Inhaber zu beschreiben. Eddie Baumann, Autodidakt der Küche, bestimmt die Menüs, macht den Einkauf für Lebensmittel, achtet auf Qualität, kocht oft selbst nach Mutters Küche und zwar sehr gut, und ist zuständig für den Service am Wochenende. Da er eigentlich aus der Modebranche kommt und die Kunstgewerbeschule besucht hat, ist er immer sehr elegant gekleidet. Ein richtiger Aufsteller, wenn am Morgen die Gäste etwas zerknittert eintreffen… Freundlichkeit ist für ihn kein Fremdwort.
Um über den zweiten, Walter Reichmuth, zu schreiben, bräuchte es eine Extraseite. Er machte das KV in Einsiedeln, wer seinen Dialekt kennt, weiss, dass er irgendwo von da kommt, arbeitete danach bei der SUVA und kam 1971 über verschlungene Pfade zu seinem ersten Café, dem «Java» an der Oetenbachgasse. Unter seiner Leitung wurde das Café zu einem geschätzten Jugendtreff (von den Nachbarn nicht immer geschätzt), es wurden Tanzabende veranstaltet und es war immer etwas los. 1982 wurde neben anderen als weiterer Betrieb das Café «Marion» am Zähringerplatz übernommen. Als später das «Java» wegen Umbau geschlossen wurde und die Pläne von Löwenbräu unklar waren, konzentrierte sich Walter Reichmuth ganz auf das «Marion». In diesem Zeitraum wurden auch die andern Betriebe veräussert. Walter hat Freude am Gast, er ist Gastgeber par excellence, aufmerksam, hilfsbereit, Zuhörer, Beichtvater, aber auch manchmal zu Recht Zurechtweiser.
Hilfsbereit ist er im bestem Sinne des Wortes. So hat der Altstadt Kurier schon von seinen Älplermakronen profitiert, die Aidshilfe von seiner Vermittlung beim Beleuchten der Wasserkirche im November, wo er auch wieder am Buffet stand, die Heilsarmee bei ihrem 100-Jahr-Jubiläum, wo er auch wieder den Löffel schwang. Seine Philosophie: Erst der Mensch, somit sein angenehmer Aufenthalt im Lokal, oder eben die Hilfe, für alle, die es nötig haben. Also Sponsoring, helfen, organisieren und – kochen. So wundert es nicht, dass viel Prominenz bei ihm verkehrt, was ihn ehrt und auch stolz macht, aber er nimmt es doch wie vieles, gelassen.
Zu erwähnen bei den Persönlichkeiten sind noch die vielen dienstbaren Geister im Service und hinter den Kulissen, allen voran der Chef der guten Küche, Ferdy Zumofen.
Das «Marion» bleibt vom 7. bis 12. Februar geschlossen. Das von Pia Schmid im Jahr 2000 umgebaute Lokal erhält einen neuen Boden, eine Pinselrenovation und allenfalls einen neuen Kaffeelieferanten, beziehungsweise ebenfalls allenfalls eine neue Kaffeemaschine.

Peter Keck


Restaurant «Bistrokiosk Café Marion», Mühlegasse 22, Zähringerplatz, Telefon 01 261 27 26.


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