Weltblatt für den
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Guggenheim-Ausstellung im Strauhof

Der Schriftsteller Kurt Guggenheim (1896-1983) hat seine Heimatstadt Zürich lebenslänglich literarisch vermessen, Buch um Buch. Die von Charles Linsmayer kompetent kuratierte Ausstellung «60 Jahre Alles in Allem» im Strauhof macht diesen Mikrokosmos physisch erlebbar. Eine virtuelle Stadtwanderung, klug, kritisch und erst noch unterhaltsam.

Er plane einen «grossen, modernen schweizerischen Struktur- und Generationenroman, den zu schreiben meine Absicht zwischen 50 und 60 ist», schrieb Kurt Guggenheim 1945 seinem Artemis-Verleger Friedrich Witz; sein Problem sei, die ihm adäquate neue Form zu finden. Guggenheim war damals 49 Jahre alt. Er hielt sich an seinen selbstgesetzten Zeitplan, trotz seiner zeitlebens prekären finanziellen Verhältnisse, die ihm «viel Zeit und Denkraum» wegnahmen. In einem Subventionsgesuch schrieb er 1951: «Es kommt dazu, dass ich mich, 1896 geboren, in einigen Jahren jener Grenze nähere, wo nach menschlichem Ermessen die schöpferische Gestaltungskraft abzuklingen beginnt. Es muss deshalb mein Bestreben sein, den Zyklus ‹Zürich›, in dem ich meine schriftstellerische Lebensaufgabe erblicke, vor dem Beginn dieses biologischen Zeitpunktes zu beenden.» Er schaffte es bravourös. 1955 bekam er den Zürcher Literaturpreis – und 1983 ein Ehrengrab auf dem Friedhof Rehalp.

Menschen unterm Mikroskop
In «Alles in Allem» wird erzählt, wie sich Zürich, die grösste Stadt der Schweiz, von 1900 bis 1945 entwickelte, anhand von über 140 kunstvoll ineinander verstrickten und verwobenen Lebensläufen – ganz wie im richtigen Leben. Ein raffiniertes Panoptikum. Sich selbst bringt der Autor in der Gestalt des jüdischen Kaufmannssohns Aaron Reiss ins Spiel, denn «Alles in Allem» erzählt auch die Geschichte der Zürcher Juden. In diesem Zürich integrieren sich exemplarisch aus Osteuropa geflohene
Juden wie auch deutsche Familien in der Altstadt, in Fluntern, in der Enge, in der Tanzschule Trudi Schoop… Und «Einheimische» leben natürlich auch da… Kurt Guggenheims Vorbild für exaktes, akribisches Beobachten war der damals weltberühmte französische Insektenforscher Jean Casimir Fabre (1823-1915). Eine Freundin, die Biologin Eva Welti-Hug, hatte ihn mit dessen Arbeitstechnik und dessen «Souvenirs entomologiques» nachhaltig infiziert. Er hat seine geliebte Vaterstadt quasi unter ein riesiges Mikroskop gestellt – der Schriftsteller als Naturhistoriker.
Da steht man nun in der Ausstellung im Strauhof in Guggenheims originalem altmodischen Arbeitszimmer, einem Schreibkontor, das immer wieder die Adresse wechselte, weil sein Besitzer immer wieder umziehen musste. Auf dem Schreibtisch liegen Stifte, ein Notizbuch und als Geschenk seiner Ehefrau eine Schale mit dem programmatischen Marschbefehl «nulla dies sine linea» (Kein Tag ohne Zeile). An seinen Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg erinnern sein Dienstbüchlein und sein «Grabstein», der ihn, obwohl ein erklärter Jude, als «Protestanten» ausweist – wohl eine gutgemeinte Schutzmassnahme eines Vorgesetzten für den Fall… Guggenheim war ein überzeugter Patriot. Er schrieb dazu in sein Tagebuch: «Das Schweizer Bürgerrecht ist für mich mehr als eine Staatszugehörigkeit. Wenn Goethe sagte, in Zürich könne er sich keine Existenz denken, so müsste ich sagen: Ohne Zürich kann ich mir keine Existenz denken.»
148 Schauplätze aus rund 1000 Buchseiten «Alles in Allem» hat Ausstellungsmacher Charles Linsmayer ausgewählt. Die Besucher wandern durch ihr Zürich, und sie sehen es mit Kurt Guggenheims Augen, auf
historischen Fotos. Zürich, wie es einmal war: die Quaibrücke, das Bellevue, die Urania, das Polytechnikum (ETH), der Lindenhof, das (Ende 1993 aufgehobene) Wasservögelgehege beim Helmhaus, die «Hungerinsel», die Synagoge an der Löwenstrasse, das «Kinematographentheater», der Sprüngli am Paradeplatz, das Kirchlein Fluntern… Zürich, wer kennt sich da noch aus? Jedes Bild hat eine Nummer, im Begleitbüchlein findet man zu jedem Ort die entsprechende Romanpassage. Die 50 wichtigsten Romanfiguren, reale wie «erfundene», hat die Illustratorin Anna Luchs als kleine Statuen visualisiert.

Zürich, eine Literaturstadt
Guggenheim findet im Parterre statt. Im ersten Stock kommen weitere Autorinnen und Autoren zu Wort, da sind Trouvaillen aus dem unerschöpflichen Inventar von Charles Linsmayer versammelt. Urs Widmers Gummizwerg! Max Frischs Diktiergerät. Das Wohnzimmer der Viehhändlerfamilie Meijer aus Charles Lewinskys Roman «Melnitz». Eine Dokumentation zu Elias Canettis Gymizeit. Hermann Hesse – er lernte in Zürich tanzen! Eine Badehose, wie sie Franz Kafka in der Männerbadi am Schanzengraben getragen haben könnte. Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Victoria Wolff (1903-1992), die als deutsch-jüdische Emigrantin in Ascona von ihren Schweizer Berufskollegen weggemobbt wurde, die aber mit dem Ausweisungsbefehl in der Tasche 1939 dank Arnold Kübler für seine «Zürcher Illustrierte» noch die Landi besuchen durfte und darüber schrieb. Der ungarische Secondo Jenö Marton, Erfinder des ersten interaktiven Zürcher Jugendkrimis «Stop Heiri – da dure…!».
Zürich gefiel und gefällt nicht allen, Bertolt Brecht grantelte: «Hier ist es nach Berlin ungeheuer langweilig.» Und Gottfried Benn, Arzt und Dichter, orakelte noch/schon 1950: «Meinen Sie Zürich zum Beispiel/sei eine tiefere Stadt,/wo man Wunder und Weihen/immer als Inhalt hat?»
Übrigens: «Alles in Allem» kann man auch lesen. Als Buch. Genauer: man muss!

Esther Scheidegger

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