Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Knödel im sechsten Stock

Michel Péclard, der pfiffige Initiator von Gastrobetrieben wie dem «Schober» oder «Coco», landete einen neuen Coup: Das «Rooftop» zuoberst auf dem Modissa-Haus an der Bahnhofstrasse. Also nix wie hoch.

«Aaaaaleeeexxx!» ruft eine Blonde die Uraniastrasse hinab, «hiiiier ist der Eingang!» Stimmt. Wenn Platinuhren und Diamantringe im Tresor ruhen, führt eine Seitentür zum Lift ins «Rooftop». Oben steppt der Bär, und der ideenreiche Gastronom Michel ­Péclard reibt sich beim Anblick der Gästeschar die Hände und sagt: «Es funktioniert.» Und wie.
Wo sich früher Lager und Lüftung des Modehauses Modissa breit gemacht hatten, drängeln sich Gäste dicht an dicht, glücklich darüber, dass sie einen Tisch im Restaurant ergattert haben. Die Tische scheinen etwas hoch geraten oder die Stühle ein Mü zu ­niedrig, und so beugen sich die Gäste weit zu ihrem Gegenüber hin, als planten sie die Weltrevolution und keiner dürfte ihnen dabei zuhören. Die Mühe ist unnötig. Wenn das Lokal voll besetzt ist, versteht man kaum sein eigenes Wort, man geht also mit Vorteil am frühen Nachmittag hin.

Platz für 50 bis 60 Nasen
Judith Mastantuono und ich bestellten ein Glas Wein, es war ein Hauswein, jedenfalls stand er nicht auf der kurzen Karte, die exakt drei Flaschen aufführt: einen französischen Weissen und einen Rosé aus Mallorca (zu je Fr. 39.– die 7-Dezi-Flasche) sowie einen Roten aus Austria (Fr. 69.– die Liter­flasche).
Im Getümmel schob eine hübsche ­junge Frau einen Rollwagen voller Desserts hin und her und hin und her. «Mein Traumjob», sagte Judith. «Was?» – «Mein Traumjob!!!» Alle sind schön hier. Auch das Lokal ist schön geschnitten, und es ist überraschend klassisch eingerichtet, das heisst in Umbra, Beige und Karamell gehalten. Es ist nicht riesig, bietet Platz für 50 bis 60 Nasen, ein paar davon sind operiert. Und in mehreren Männerohren stecken Plugs, das sind Fleischtunnels (sie heissen so), die das Läppchen bis zum Anschlag dehnen. Ötzi, die Gletscher-Mumie, hatte solche. Der erste Hipster.

Drei Knödel für Judith, vier für mich
Welchen Weissen wir tranken? Das konnten wir nicht mehr festmachen. Wir wechselten auf die schmale L-förmige Terrasse. Die Aussicht ist schön, man sieht zum «Manor»-Restaurant hinüber und zur Sternwarte, die Stühle stehen Rückenlehne an Rückenlehne. «Hauptgerichte werden nicht draussen serviert», hatte man uns gewarnt. Aber kaum hatten wir uns gesetzt, bot uns der Kellner Dumplings an. Die schmoren in Bambushütchen, und man zieht sie mit Stäbchen vom Boden. Oder (wie ich) mit den Fingern. Besteck haben wir keins gesichtet. Judith nahm die Knödel mit Gemüse, ich mit Crevetten. Dumpling heisst «Knödel». In der Schweiz stellt man sich darunter zwar etwas anderes vor, wir würden eher Ravioli dazu sagen. «Warum bekomme ich nur drei und du vier!?» fragte Judith. Ich zog die Schultern hoch. Ihr einen Dumpling abgeben konnte ich schlecht, sie ist Vegetarierin.

Freundliche Bedienung
Nach einer weiteren Runde Weissen und Knödel zahlten wir. Was wie viel gekostet hatte, war nicht mehr festzustellen, da es weder eine Speisekarte gab noch einen Kassabon und ich – ehrlich gesagt – zu mürbe war zu fragen. – Die Bedienung ist übrigens freundlich und gibt sich alle Mühe. Die vier Portionen Dumplings, eine Portion Aubergine und vier Gläser Wein kosteten 90 oder 95 Franken, ob mit oder ohne Service, erinnere ich mich nicht mehr.
Dann gaben wir den Tisch frei an die Blonde mit ihrem Alex.

René Ammann*

Restaurant «Rooftop», Bahnhofstrasse 74, 8001 Zürich, Tel. 044 400 05 55. Offen Montag bis Mittwoch 9 bis 24 Uhr, Donnerstag 9 bis 2 Uhr, Freitag und Samstag 9 Uhr bis open End, Sonntag 10 bis 22 Uhr. www.ooo-zh.ch.


*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit der Publizistin und Musikkritierin Judith Mastantuono.


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