Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Drei Männer und ein Ball

Mauro (Wasescha), Mauro (Di Vincenzo) und Javier (Komotar) übernahmen im Frühling das legendäre «Kafi Schoffel» an der nicht weniger legendären Schoffelgasse. Also nichts wie hin.

«Ich wohne in einer sehr schmalen Gasse, in der verrufensten, glaube ich. Man sieht sich gegenseitig in die Fenster, und zwei Mäuse sind in Emmys Zimmer, vor denen sie grosse Angst hat.» Das schrieb Hugo Ball im Mai 1915, kurz nachdem er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings in der Schoffelgasse 7 eingezogen war.
Sehr schmal ist die Gasse nicht mehr. Dort, wo Andy Fischli und ich freiluft ein Bier trinken, war früher Haus, also müssen die Stadtplaner die Baulinie versetzt haben, als man Balls Bleibe abriss. Und die Dadaisten wie Ball und Hennings machten den Therapeuten und Coaches Platz: Das Haus ist bis unters Dach voll mit ihnen.

«Eins führt zum andern»
Gegenüber dem «Kafi Schoffel» schaffte – mit offenem Mantel und sichtbarem Mieder – Lady Shiva an, Zürichs aufregendste Hure (sie nannte sich selber so). Das war in den Siebzigerjahren. Später sass auf der Bank vor dem Lokal stundenlang eine dicke Madam im Nerz, die kontrollierte, wer im Stundenhaus gegenüber ein- und ausflog. Am Infarkt der Türklingeln gemessen, hat sich am Verkehr nichts geändert. Andy Fischli und ich setzen uns an den Tisch beim weissen Klavier. Er legt mir die Maquette seines neuen Buches hin. Es heisst «Eins führt zum andern» und wird im September erscheinen. Andy bleibt beim Bier (Fr. 4.90 die Stange), ich wechsle zum Mojito (Fr. 14.–).
Das Lokal ist voll besetzt, neben uns sitzen zwei junge Männer und eine junge Frau, vermutlich Geschwister, sie sprechen türkisch, und dann fällt plötzlich ein «Das chasch nöd mache!» und «Nöd wüki!». Neben dem Herrn mit dürrem grauem Rossschwanz und selbstgenähten Flatterhosen turtelt ein Pärchen hinter einem einzigen Laptop (Liebe 2.0, you know). Die suchenden Fingerkuppen auf den Oberschenkeln der beiden sind Liebe 1.0, also wie gehabt.
«Willst du das Ganze jetzt durchschauen?», fragt Fischli mit dem Unterton von «Nöd wüki!». «Ja.» Er fixiert mich, während ich Seite für Seite umblättere. «Das ist ein gutes Buch.» – «Danke.» – «Du bist ja auch ein hervorragender Zeichner.» – «Danke. Mein Glas ist leer. Und ich habe Hunger!»

Zitronensaft oder Bikarbonat?
Er bestellt die «Pasta del giorno» (Fr. 18.50), ich den «Schoffelburger» (Fr. 26.50) mit «Cheese» und Pommes frites. Und hinzu eine Flasche Weissen (zu Fr. 29.–). Nach ein paar scheuen Schlucken des Weins, der uns das Facelifting ersparte, entwickelte sich folgender Dialog: «Also ich nehme in einem solchen Fall Zitronensaft, und zwar frischen, der ist sehr basisch!» – «Wenn mir der Magen kippt, rühre ich einen Löffel Bicarbonat in ein Glas Wasser!» – «Aha, die chemische Variante!» – «Chemisch? Das ist auch im Mineralwasser drin! Und im Alka Seltzer!» – «Ich setze auf frische Zitrone!» – «Ja, dann!» Sie sehen: Das eine führte zum anderen.
Und nun noch ein bisschen Adminis­tratives. Es gibt drei Menüs zum Zmittag: ein veganes, ein vegetarisches und eins mit Fleisch. Die kosten ab Fr. 18.50. Jeden Monat lassen die drei Inhaber des «Kafi Schoffel» die Wände neu behängen. Und an den Wochenenden legt jeweils ein DJ auf.
Zum Ausklingen gingen Andy Fischli und ich auf einen Absacker in die ­«Tina-Bar». Die Diskussion war höchst spannend und nachhaltig anregend, auch wenn sie sich um etwas Todtrau­riges drehte wie Sterbehilfe und die mangelnde Bereitschaft zu leiden. Und beim Heimgehen kam mir Andys Satz in den Sinn, den er in Sachen Bücher gesagt hatte: «Erwarte von mir nichts Lustiges!» Momoll!

René Ammann*

«Kafi Schoffel», Schoffelgasse 7, 8001 Zürich, Tel. 044 261 20 70. Offen von Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 23.30 Uhr, Freitag und Samstag bis 3.30 Uhr, Sonntag bis 21 Uhr, Montag Ruhetag. www.kafischoffel.ch.


*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit dem Comiczeichner Andy Fischli. Sein neues Buch «Eins führt zum Andern» erscheint im September. Buchtaufe und Signierstunde am 5. September ab 17 Uhr im «Duplikat», Zentralstasse 129, 8003 Zürich; www.andyfischli.ch.

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