Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Heiraten – nur wenn man will

In der «Weinschenke» des Hotels Hirschen kann man mittwochs, donnerstags und freitags heiraten, ganz offiziell. Willkommen sind aber im idyllischen historischen Kellerlokal auch normale Gäste, täglich ab 16.30 Uhr, ausser sonntags.

Die «Weinschenke» hat eine sehr lange und eine ziemlich kurze Geschichte. Das Hotel Hirschen stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist seit 1703 ein Hotel mit Restaurant, einem Saal (wo einst die legendären Kabaretts – «Pfeffermühle» und später «Cornichon» – zu Hause waren) und einem historischen Gewölbekeller mit einem Sodbrunnen. In diesem Kellergewölbe richtete der mittlerweile emeritierte Vollblut-Wirt Hanspeter Graf 2002 ein stimmungsvolles Lokal ein; zuvor hatte er mit grossem Erfolg das ehemalige «Falkenschloss» vis-à-vis der NZZ-Hofburg an der Falkenstrasse geführt. Bei den Journalisten der umliegenden Häuser galt damals: «D Sponti gönd is Conti – d Alki gönd is Falki…»
Vor drei Jahren, als sich Graf pensionierte, hat Silvia Mohn das Hotel und die «Weinschenke» übernommen – sie war zuvor Direktorin des Hotels Senator im Kreis 5 gewesen. Ihre Aide de Patronne in der «Weinschenke» ist Regine Natter mit Wiener Charme und vieljähriger Erfahrung in der Gastronomie von Sankt Moritz. Die beiden Frauen haben die Passion und das Betriebskonzept ihres Vorgängers übernommen, nach dem Motto «Never change a winning team!».
Man kann in der «Weinschenke» übrigens auch heiraten. Man muss aber nicht. In diesem verwunschenen Lokal kann man es sich wunderbar entspannt einfach gut gehen lassen. Fla­ckerndes Kerzenlicht. Halblaute Sphärenmusik. Freundliche, kompetente Bedienung. Eine idyllische Oase, irgendwie aus der Zeit gefallen. Schon der mysteriöse lange, schmale Gang, der vom Hirschengässchen in den Gewölbekeller führt, stimmt so richtig ein. Sogar für Leute, die «schon ewig» in der Altstadt leben, kann die «Weinschenke» eine Entdeckung sein!

Hätte Flametti gefallen
Das Niederdorf mit dem Hirschenplatz als Zentrum hat der deutsche Schriftsteller Hugo Ball (1886-1927) in seinem kleinen nachdadaistischen Roman «Flametti oder Vom Dandysmus der Armen» literarisch verewigt. Sein Titelheld, der Varieté-Direktor Flametti, ein sympathischer Schlufi, hätte sich bestimmt auch in der «Wein­schenke» sauwohl gefühlt, aber sie war um 1916 noch lange nicht «erfunden». Wie Ball hätte er allerdings gesagt: «Ich brauche etwas Ironie, um das Leben auszuhalten, und mehr noch, um meine Zeit zu ertragen.»
Der kulinarische Klassiker in der «Weinschenke» ist das Tatar – mild, medium, rassig oder scharf (29 Franken). Mit Cognac kostet es 37 Franken. Beliebt sind auch die Plättli (Fr. 17.50) mit Käse oder regionalen Fleischspezialitäten. Solls ein Limmattaler Mostbröckli sein, Bündner Rohschinken oder ein Buureschüblig? Mit hohem Anspruch gepflegt wird der Käse, hart und weich, nach Marktangebot. Wer wollte einem Brie de Meaux mit Périgord-Trüffelfüllung (Fr. 26.–) widerstehen? Ob man anschliessend den lauwarmen Schoggichueche noch schafft, oder Grosis lauwarmen Öpfelchueche, das ist eine schwere Entscheidung.

Weine auch im Offenausschank
Das Herzstück einer Weinschenke ist, der Name sagt es, der Wein. Um die hundert Provenienzen hegt die leidenschaftliche Sommelière Regine Natter, die einmal im Monat auch Degustationen moderiert (unbedingt reservieren!). Sie kann bereits auf eine erfreu­liche, treue Stammkundschaft zählen. Dass sich auch viel jüngeres und junges Publikum einfindet, freut sie besonders. Dreizehn Qualitäten gibt es im Offenausschank, den Räuschling von Landolt zum Beispiel, den Hottinger Blauburgunder, aber auch den apu­lischen Primitivo di Manduria oder den Vinho Verde von der Quinta dos Espinosa. Wer meint, Süssweine nicht zu mögen, den überzeugt möglicherweise die Heida Melodie aus der St. ­Joderkellerei vom Gegenteil.

Esther Scheidegger

«Weinschenke», Niederdorfstrasse 13 / Hirschengasse 6, Tel. 043 268 33 33, www.hirschen-zuerich.ch.

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