Weltblatt für den
Kreis 1


Edles Geschmeide – made im Oberdorf

Der letzte Werkstattbesuch dieses Jahres fand im November im Herzen des Oberdorfs, an der Neustadtgasse 4 in der Schmuckwerkstatt & -boutique statt.

Das Atelier ist freundlich, schlicht aber einladend eingerichtet. Eine Mischung von Werkstatt und Boutique eben. Schlicht, weil so die edlen und schönen Schmuckstücke am besten zur Geltung kommen. Herzlich begrüssen Jannine Roner und Michèle Froidevaux die Werkstattbesucher und man fühlt sich sofort wohl. Die beiden Goldschmiedinnen kennen sich erst seit zwei Jahren. Beide sind in den Bergen aufgewachsen, aber jede aus einer ganz anderen Ecke der Schweiz. Jannine Roner kommt aus Scuol im Engadin und Michèle Froide­vaux aus den Freibergen im Jura.
Die beiden Goldschmiedinnen hatten über mehrere Jahre ihre eigenen Ateliers und beschlossen, sich zusammenzutun und gemeinsam eine Werkstatt zu gründen. An der Neustadtgasse beim Klausbrunnen fanden sie zu einer fairen Miete das Lokal und feierten vor einem Jahr die Eröffnung.

Eigene Kollektion
Seither fertigen sie dort ihre eigene Kollektion an, machen aber auch Reparaturen oder schaffen aus einem alten Schmuckstück ein ganz neues Design. Gekauft wird nichts ausser dem Rohmaterial, Silber, Gold und Steine, aus dem die stilvollen Geschmeide entstehen – eben alles «made im Oberdorf».
Wir erfahren mehr über die verschiedenen Berufe der Schmuckmacher. Gold- und Silberschmied sind zwei verschiedene Berufe. Silberschmiede machen vor allem Pokale und andere Gefässe und auch Besteck, während die Goldschmiede fast ausschliesslich Schmuck herstellen aus Gold oder Silber, wobei beim Silberschmuck die Arbeit meist teurer ist als das Material. Dann gibt es noch den Beruf des Steinefassers, den Michèle Froidevaux ebenfalls erlernt hat. Die meisten Goldschmiede fassen die Steine nicht selber, sondern bestimmen, meist mittels einer Skizze, wie der Stein gefasst werden soll. Es gilt: je wertvoller der Stein, desto besser wird er vom professionellen Steinfasser montiert.

Wie mit der Pastamaschine
Nach der kurzen Einführung erklären uns die beiden Frauen die verschiedenen Arbeitsplätze in der Werkstatt. Es gibt drei einzelne Arbeitsplätze. Der Goldschmied-Tisch mit einem ausgeschnittenen Halbkreis, an dem eine Lederdecke lose runterhängt. Diese ist einerseits ein Schutz und fängt auf, was runterfällt. Dann hat es einen Lötkolben, eine Vielzahl von verschiedenen Zangen und Bohrer, fast wie beim Zahnarzt.
Auf einem grossen Arbeitstisch wird geschliffen und gewalzt. Die Walze ist beeindruckend. Die Goldschmiedinnen kaufen legiertes Silber oder Gold in Platten oder Rollen. Eine Platte ist ca. anderthalb Millimeter dick und muss für viele Anfertigungen dünn gewalzt werden. Das geeignete Stück wird in die Walze gelegt und wie Pasta in der Pastamaschine bis zur gewünschten Dicke gewalzt. Auf einer Seite der Walze hat es Rillen. Da werden die Rollen reingelegt und auf die gleiche Weise dünn gewalzt. Soll das Stück ganz fein werden, wird es durch verschieden kleine Löcher einer Ziehplatte gezogen, bis die gewünschte Form erreicht ist. «Das ist harte Arbeit», lacht die zierliche Michèle Froidevaux. Prominent im Laden ist der hölzerne Metzgerblock, auf dem gehämmert wird. – Die Arbeiten der beiden Frauen sind sehr unterschiedlich und ergänzen sich bestens.
Der Schmuck von Jannine Roner ist verspielt. Eine Spezialität von ihr ist das Giessen von Silber. Kaum zu glauben, wie zarte, winzige Aststückchen, Schneeglöckchen und andere zierliche Blüten und Müschelchen mit Silber ausgegossen werden und dann zu filigranen Ketten oder Ohrgehängen verarbeitet werden.
Die zu giessenden Objekte hinterlassen in öligem Sand, der aus Delft kommt, ihren Abdruck, der dann mit flüssigem Silber gegossen wird. Es ist eine heikle Arbeit, die nicht immer auf Anhieb gelingt. – Die Arbeiten von Michèle Froidevaux bestechen durch ein schlichtes Design oder fast geometrische Formen. Sie zeigt uns das anhand von silbernen Armreifen, die ein raffiniertes Design haben oder deren schlichte Formen mit eingewalzten Zeichen verziert sind. Wieder die Walze: über
das Silber oder Gold wird eine feine Stickerei gelegt und so durch die Walze getrieben. Die Stickerei hinterlässt auf dem Armreif ihr Muster. Was für eine wunderbare Präzision. Sie zeigt uns auch ihren Zeichnungsblock, wo sie Kundenwünsche mit ­einer Handskizze visualisiert, ganz ohne Computer.
Beide Goldschmiedinnen arbeiten auch mit Steinen. Wenn nicht ein spezieller Kundenwunsch vorliegt, wählen sie diese je nach Gusto bei den Produzenten oder auf Messen aus. Von Perlen, Quarzen, Opalen und Turmalinen bis zu rohen Diamanten.
Jannine Roner und Michèle Froidevaux können beide auf eine treue Stammkundschaft zählen und sind eher froh, dass ihre Boutique nicht an einer hektischen Passantenlage ist.
So haben sie Ruhe bei der Arbeit und können sich ganz auf eine profunde Beratung konzentrieren. Sie profitieren aber auch von Leuten, die zum Beispiel auf dem Weg durch die Altstadt zum Kunsthaus plötzlich zu Kunden werden. Ein Besuch, vielleicht gerade vor Weihnachten, lohnt sich auf jeden Fall.

Christine Schmuki

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