Weltblatt für den
Kreis 1


Der Reiz der Spannungsfelder

Unserem Gastschreiber, in der Altstadt geboren, sagt das Oberdorf weniger zu. Äusserst an­regend und spannend findet er ­dagegen das Niederdorf. Hier hält er sich täglich auf, hier ist sein ­Arbeitsort.

Heimat, Muse, Quell der Inspiration – so würde ich das Niederdorf bezeichnen. Als Sohn des bekannten Architekten Walter und der Künstlerin Hanna Wäschle an der Stüssihofstadt geboren, wurde mir die Kreativität und die Verbundenheit mit dem Niederdorf in die Wiege gelegt.
Doch auch nach all diesen Jahren spüre ich sie noch täglich, diese unbändige Kraft, welche von diesen altehrwürdigen Mauern niederhallt. Jeden Morgen, wenn ich in unser kleines, verstecktes Office an der Froschaugasse komme, spüre ich sie. Ich denke an Christoph Froschauer, welcher just neben unserer Kreativwerkstatt das Schweizer Medienschaffen gründete, welches wir nun, zeitgemäss mit Storytelling, Film und Animation weiterführen.
Auch denke ich immer an die Kontroversen, welche dieser Ort mit sich bringt, denn was Herr Froschauer und sein guter Freund Zwingli alles anstellten, fand ja nicht jeder lustig. Und genau das ist es, was für mich den Reiz dieses ganz besonderen Fleckchens Erde ausmacht: Urbanisierung trifft auf Gentrifizierung, obdachlos auf chic, nüchtern auf Alki. Besonders diese ausgewogenen Spannungsfelder sind es, welche für mich den besonderen Reiz ausmachen.

Ein echtes Dorf
Ob beim Spanischlernen in Lateinamerika, als Leiter eines Summercamps in Kalifornien oder auch beim dreijährigen Studium in Hamburg – praktisch immer schon habe ich in Stadtkernen gewohnt oder darin verkehrt, aber keiner war ein solches Dorf wie das Niederdorf. (Wenn ich Freunden und Bekannten erzähle, wie es hier ist, können sie es kaum glauben.) Man kennt sich, man grüsst sich und hält Kontakt. Dieses starke soziale Netz ist es, was das Niederdorf ausmacht. Die Figuren, die einzigartigen Menschen mit unfassbar vielen, reichen Geschichten machen diesen Ort zu einem richtigen Dorf. Und genau diese Geschichten, welche jeden Tag von den Menschen durch die Gassen getragen werden sind es, welche die Kreativität bereichern, inspirieren und das tägliche Miteinander ausmachen. Menschen die sich interessieren, sorgen, kümmern, «beläs­tern».
Was dieses Dorf jedoch einzigartig macht, ist der Drang. Der Drang, diese Stadt und die Ecke Froschaugasse/ Neumarkt zu beleben. Vor allem die Gewerbetreibenden, Künstler und Musiker sowie der Quartierverein tragen hier sehr viel zur Lebendigkeit bei. Seien es die Instrumente, welche durch die Mauern klingen, der kurze Schwatz mit dem Graveur Jürg und dem Schreiner Nussbaumer, das Feierabendbier bei Hampi von der «Lucy’s Bar» oder das mit viel Hin­gabe organisierte Lichterfest. Dies gilt für die Alteingesessenen wie auch für die Jungen. Jeder möchte vorwärts gehen, weiterkommen und seinen Beitrag an die Gemeinschaft leisten. Das ist eine grossartige Bereicherung.

Oberdorf: Kontrastprogramm
Im Alter von 21 hatte ich meine erste eigene Wohnung an der Scheitergasse. Vielleicht lag es daran, dass es meine erste, eigene Wohnung war. Vielleicht lag es daran, dass nicht viel Sonnenlicht ins Zimmer drang. Vielleicht lag es an meiner griesgrämigen Nachbarin, aber das Oberdorf lag mir nicht. Als ich dann an meinem dritten Tag in meinem neuen Daheim auch noch von einem Zug Piccolo spielender Basler Fasnächtler geweckt wurde, war es um mich geschehen. Nichts gegen Basler und schon gar nichts ­gegen die Fasnacht, es fühlte sich einfach nicht wie das Dorf an, das ich kenne. Zwar gibt es ebenso ikonische Figuren, faszinierend ist jedoch, welche Grenze Felix, Regula und vor ­allem Experantius hier hinterlassen haben. Dasselbe Pflaster, derselbe Stein, aber für mich doch zwei so unterschiedliche Welten. Als ich dann am Limmatquai 16, oberhalb des ehemaligen «Café Select» mein erstes ­Büro bezogen hatte, war die gefühlsmässige Autonomie perfekt. Denn in der Retrospektive fühlt sich auch dieser Ort mehr als Mittel zum Zweck an. Denn es hat nie eine Verwurzelung stattgefunden. Als dann meine Mutter jedoch zu erkennen gab, dass sie mir ihr Kunstatelier an der Froschaugasse 16 vermachen würde, liess ich mir das nicht zweimal sagen. Zwar hatte ich noch keine Ahnung, welch Segen dieser Umstand für mich sein würde, die Freude war jedoch gross.

Ort mit Charme
Nach nun sechs Jahren wird es wieder einmal eng bei uns. Bereits vor zwei Jahren war es schon einmal so weit, dass wir mit einer grösseren Lokalität geliebäugelt hatten. Als dann ein Mitarbeiter von sich aus mit der Idee kam, kleinere Pulte zu organisieren, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, wie verbunden auch die anderen Mitarbeiter mit dem Niederdorf sind. Denn alle waren einstimmig dafür. Und nicht nur wir lieben diesen Ort, auch unsere Kunden sowie die Sprecher, die wir für unsere Filme ­benötigen, kommen immer gerne bei uns vorbei. Ich bin davon überzeugt, dass viele unserer Besucher entspannter bei uns ankommen, als sie ihr eigenes Büro verlassen haben. Welche Gründe ich hierfür aufführen würde, liegt nach der Lektüre dieses Beitrags auf der Hand: Entschleunigt durch die Stimmung und die Schaufenster, verfallen auch sie dem ­Charme dieses Dorfes, dieser Ge­meinschaft, der ich mich gerne zugehörig fühle.
In diesem Sinne bedanke ich mich sehr herzlich bei allen, die Gas geben – für sich, für uns, für alle. Ihr macht dieses Dorf zu dem was es ist: Ein wirklich toller Ort.

Timo Wäschle


Unser Gastschreiber
Timo Wäschle (1981) ist im Niederdorf geboren und hat zeitweise auch dort gewohnt. Nach der Matura zog es ihn schnell zu den Medien. Neben der Moderation bei Radio 24 und Energy Zürich absolvierte er in Hamburg eine dreijährige Ausbildung in Moderation und Medienpräsentation, gefolgt von einem Bachelorstudium in Business Communication an der HWZ. Seit neun Jahren führt er in der Altstadt die Kommunikationsagentur und Medienproduktionsfirma Corpmedia (Storytelling, Filme, Animation). Daneben ist er Chefexperte für Mediamatiklehrlinge, doziert ab Herbst an der HWZ, spielt seit ­achtzehn Jahren als DJ in Klubs, trainiert Kung Fu und fährt mit seinem Triumph Spitfire 1967 Oldtimer-­Rennen.

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