Weltblatt für den
Kreis 1


Gegenwelten

Unsere Gastschreiberin Barbara Wigger ist in Oerlikon aufgewachsen und lebt heute inmitten der Altstadt. Beruflich betreut sie Menschen am Rand der Gesellschaft.

Meine ganze Kindheit und Jugend habe ich in Oerlikon verbracht. Dieses Quartier war für mich das, was andere wahrscheinlich als Zürich bezeichneten. Wenn wir einmal «in die Stadt» gingen, wie wir es ausdrückten – meis­tens mit dem 14er-Tram ab Sternen Oerlikon – so beschränkten wir uns auf das Gebiet der Bahnhofstrasse und den Rennweg. An freien Mittwochnachmittagen mit meiner Mutter Stoffe einkaufen, aus denen sie mir dann hübsche Kleidchen nähte, war für mich wenig interessant, weil jeder in Frage kommende Kleiderstoff akribisch untersucht wurde, ob er sich nun auch wirklich eigne, um daraus etwas zu schneidern. Oft wurden ­ganze Stoffkollektionen aus dem ­Warenhaus nach draussen gebracht, schliesslich offenbart sich ja Qualität und Schönheit erst bei Tageslicht. Immer unter strenger Begleitung einer Fachverkäuferin, versteht sich. Damals ging so etwas noch problemlos, man hatte viel mehr Zeit als heute. Mir kam das aber jeweils unsäglich lange vor, und ich empfand das alles als unnötig und langweilig; belohnt wurde ich dann aber stets mit einem feinen Pâtisserie-Stückli im Café Honold am Rennweg.

Bahnhof Zoo
Meine Erkundungsreisen aus Oerlikon heraus beschränkten sich also darauf, was meine Eltern – vorab meine Mutter – als Ziel vorgab. Und auf die linke Limmatseite. Die eigentliche Altstadt, vor allem das Dörfli, habe ich erst Ende meiner Jugendzeit entdeckt, wo ich mich von zu Hause wegstehlend den Ausgang mit meiner Clique suchte. Erinnern kann ich mich gut an den zentralen Hirschenplatz. Dort waren auch diejenigen anzutreffen, die man «Drögeler» nannte. So etwas kannte ich nicht, das war ein Phänomen des «verruchten» Niederdorfs. Fand also hier das erschütternde Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» seine Entsprechung? So kam mir das Dörfli praktisch ebenso fremd vor wie das Berlin der Fixerin Christiane F. Neben einer gewissen Faszination für dieses Exotische erlebte ich ein hartnäckiges Gefühl der Ohnmacht und die Frage, warum diesen jungen Menschen denn nicht geholfen werde; da müsse man ja etwas tun! Zu Hause erzählte ich natürlich nichts von alledem.
Während meiner Ausbildung zur Krankenschwester zog ich von zu Hause aus und lebte in verschiedenen Schwesternhäusern, also Personalzimmern, die recht straff geführt wurden, und wo Herrenbesuche natürlich strengstens untersagt waren. Wenn es trotzdem gelang, einmal einen Mann hineinzuschmuggeln, kam ich mir wie eine Frauenrechtlerin vor, die über das Establishment triumphiert…

Feuertaufe
Was für ein Gegensatz! Das Spiessige hier, das Rebellische, Verbotene dort. Und das war Zürich (ohne Oerlikon). Aus der immerhin wohnlichen Enge wollte ich ausbrechen und so war es ein wunderbarer Zufall, dass ich bei einem Besuch im Café Schober Frau Schober persönlich kennenlernte und aus dem Gespräch heraus ein Dachzimmer an der Napfgasse angeboten bekam. Der wunderbare Ausblick auf das Grossmünster faszinierte mich und es machte mir auch nichts aus, dass Badezimmer bzw. Toilette ein Stockwerk tiefer lagen. Jetzt lebte ich mitten im Dörfli und mir kam das ziemlich unwirklich vor.
Krankenschwestern arbeiten manchmal auch im Nachtdienst. So auch an jenem 10. November, als mir durchaus bewusst gemacht wurde, dass ich wirklich im Dörfli wohnte. Am 11.11. um 11 Uhr 11 brach in meinem Traum der Krieg mit vollem Getöse aus – draussen feierte man so laut wie es nur ging den Fasnachtsauftakt. Und ich wollte doch ausschlafen. An diese Episode erinnere ich mich immer wieder gerne; es war wohl meine Feuertaufe für das Leben im lauten, verruchten und lebenslustigen Niederdorf, rechts der Limmat.
Klar, dass meine Mutter grosse Bedenken hegte in Bezug auf meinen Wohnort – und mir wurde immer bewusster, wie brisant die Situation des Drogenelends wurde, dort, wo ich wohnte. Wieder Ohnmachtsgefühle.
In dieser Zeit entstanden in Zürich heftig umstrittene Ansätze zu einer neuen Drogenpolitik. 1987 beschloss der Stadtrat ein Massnahmenpaket, das erstmals auch Überlebenshilfe für Süchtige vorsah. Das Volk stimmte dieser neuen drogenpolitischen Stossrichtung 1990 knapp zu. Ein dezentrales Hilfsangebot mit Notschlafstellen entstand, die medizinische Versorgung wurde verbessert.

Offene Drogenszene
Aber die Drogenszene verlagerte sich nach der Schliessung des Platzspitzes in Wohngebiete im Kreis 5 und auf das Gelände des ehemaligen Stadtbahnhofs Letten. Vorbei war die rückblickend fast rührende Drogenszene an der Riviera, am Bellevue, am Hirschenplatz – jetzt entstand eine offene Drogenszene, Schauplatz des Elends, absurdes Katz- und Mausspiel zwischen Polizei und Drogen­abhängigen. Als Kriegsgebiet bezeichnete es mein Mann, als er mich einmal dorthin begleitete. Jetzt hatte ich mein Engagement: Im Auftrag des Stadtärztlichen Dienstes tauschte ich nicht nur benutzte Injektionsspritzen gegen neue, saubere, sondern leistete mit meinen Kolleginnen Erste Hilfe vor Ort. Allein während eines einzigen Dienstes mussten wir zwei bis drei Drogenklienten beatmen. Bei den Einsätzen war uns nie klar, ob die Polizei, die plötzlich aus dem Nichts auftauchte und alle, vom Folienraucher bis zum Dealer aufschreckte und auseinandertrieb, uns ebenso verscheuchen wollte oder uns als Partner betrachtete. Ich dachte mir immer, der «Kriegsschauplatz» sei fettes Medienfutter, die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen fänden ihre billigen Argumentationshilfen, die Bevölkerung ein Kornhausbrücken­theater – aber wer half den Betroffenen selber?

Neue Ära
Seit damals ist viel Zeit vergangen. Die Schliessung der offenen Drogen­szene am Letten am 14. Februar 1995 hat eine neue Ära eingeläutet. Meine beiden damals kleinen Kinder sind längst erwachsen und selbständig, von Anfang an im Dörfli aufgewachsen, und ich wohne mit meinem Mann gegenüber des Grossmünsters an der Kirchgasse – und: Das Drogenproblem wird endlich ernst genommen, es bestehen etablierte Einrichtungen, der Dialog wird gesucht und geführt.
Heute arbeite ich im Ambulatorium Kanonengasse, einer wichtigen Anlaufstelle für Menschen am Rande der Gesellschaft, auch für Migranten und Migrantinnen, nicht nur für «Drögeler». Für uns sind sie alle schlicht ­Patienten oder Klienten.

Barbara Wigger

Unsere Gastschreiberin
Barbara Wigger (1956) ist in Zürich aufgewachsen. Nach dem Erlangen des Handelsdiploms hat sie die dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester AKP absolviert. Seit 1981 arbeitet sie auf ihrem Beruf. Nach der Ausbildung war sie ein Jahr auf Reisen, unter anderem in Sri Lanka, seither bei den städtischen Gesundheitsdiensten: zwei Jahre am Letten, acht Jahre beim «Spritzen-Bus», dann beim Krankenzimmer für Obdachlose/Ambulatorium Kanonengasse. – Seit 1993 wohnt sie (mit fünfjährigem Unterbruch) in der Altstadt, an der Schipfe, am Rindermarkt und heute an der Kirchgasse. Sie ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder: Noël (24) und Noémi (21). Sie engagiert sich im Vorstand des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat.

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