Weltblatt für den
Kreis 1


Nachruf Jürg Schatzmann

Jürg (Schandel) Schatzmann (1940-2016), der Gründer des Kinderbuchladens Zürich, ist Anfang September gestorben.

Der Dr. med. und junge Familienvater hatte die Buchhandlung mit seiner damaligen Ehefrau Regina Vitali im Schatten des Grossmünsters eröffnet. Es war die erste Buchhandlung in der Schweiz nur für Kinder (plus schenkfreudige Gross­eltern, Paten, Patinnen, Lehrpersonen usw.). Natürlich hatten auch andere Buchhandlungen eine Kinderbuchecke, meistens mit dem Prädikat «pädagogisch wertvoll», was gleichbedeutend war mit «nicht besonders spannend». Im Kinderbuchladen wurde das aufmüpfige orange Programm Beltz & Gelberg aus der Taufe gehoben, die Zeitung «Leseratte» herausgegeben und der Preis «La vache qui lit» erfunden.
1981 schufen Jürg Schatzmann und der Illustrator Hannes Binder «Ain’t misbehavin’ – Geschichten und Bilder aus dem Leben des legendären Jazzpianisten Fats Waller».
Im März 2004 war Jürg Schatzmann der Gastschreiber des Altstadt Kuriers. Unsentimental, witzig bilanzierte er seine Jahrzehnte im Oberdorf. Dass der Ehebund aufgelöst wurde und er ein vorläufiges provisorisches Nest an der Trittligasse fand, für 17 Jahre. Er zog wieder an den Lindenhof – der voluminöse Flügel seiner Mutter hätte sonst keinen Platz gehabt.
Als die Ladenmiete am Grossmüns­terplatz 1988 verdreifacht wurde, fanden Schatzmann, seine schon länger als gleichberechtigte Partnerin engagierte Schwägerin Dorothee Vitali und ihr motiviertes Kinderbuchladenteam 1991, ein Wunder, einen Katzensprung entfernt im Haus «Weisser Pfau» an der Oberdorfstrasse 32 eine neue Adresse. 2013 verkauften sie den Kinderbuchladen an Baeschlin + Schuler, Glarus/Chur. Auch das war ein Wunder. So blieb die einzigartige Institution Zürich erhalten. Und im Obergeschoss hat sich im Juni 2015 die Buchhandlung Stähli eingerichtet, mit dem Schwerpunkt englische Literatur.
Aber für Schandel Schatzmann war der Verlust seines Lebensmittelpunkts wahrscheinlich zu viel.
Im Oberdorf werden wir ihn vermissen, wie damals den legendären Buchhändler und Antiquar Heinrich Fries (1917-1997), der in seiner geliebten Buchhandlung Rohr 64 Lebensjahre verbracht hatte; sie wurde 2003 liquidiert.

Esther Scheidegger



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