Weltblatt für den
Kreis 1


Papier, Karton, Rahmen und mehr

Ein Dutzend Altstadtbewohnerinnen und Altstadtbewohner trafen sich am 29. September in der Werkstatt von Beatrice Wetli an der Froschaugasse 20, um mehr über die Arbeit der Buchbinderin zu erfahren.

Die Winterthurerin Beatrice Wetli hat ihre vierjährige Berufsausbildung in Zürich absolviert. Schon damals waren die Klassen klein. Die acht Auszubildenden teilten sich in vier Handbuchbinder/innen und vier Industriebuchbinder/innen. Neben den verschiedenen Techniken der Buchbinderei bestimmt die Materialkunde einen Grossteil der Ausbildung. Gearbeitet wird nicht nur mit Papier und Karton, sondern auch mit Leder, Pergament und Stoffen. Arbeiten mit Leder und Pergament sind aufwendig und darum entsprechend teuer. Um Leder in der Buchbinderei einzusetzen, muss es ausgedünnt werden, das wird heute mit einer Maschine gemacht, die die Lederhaut halbiert. Noch in der Lehre hat Beatrice Wetli gelernt, wie das Leder auf einem Stein mit dem Messer von Hand abgefahren wird. Auch Pergament wird mit einer Glasscherbe ausgekratzt und dünn ausgeschärft, damit die Kanten eingeschlagen werden können. Gerne arbeitet die Buchbinderin mit Leinen und gewobenen Stoffen. «Die riechen nach Heu», schwärmt sie, «wenn sie angefeuchtet werden.»

Weg in die Selbständigkeit
Nach der Lehre im Jahr 2000 hat sie in verschiedenen Betrieben gearbeitet und die Tätigkeiten immer wieder für grössere Reisen durch Mittel- und Südamerika unterbrochen. Sie arbeitete als Buchbinderin und Einrahmerin, was eine angenehme Abwechslung war. Trotzdem stellen die meisten Betriebe grosse Auflagen her, was bedeutet, dass dann tagelang die gleiche Arbeit gemacht werden muss. Zu ihrem grossen Glück konnte sich Beatrice Wetli 2009 selbständig machen und die Räumlichkeiten von Hildegard Bühler an der Froschaugasse 20 übernehmen. Hier hat sie sich eine schöne Werkstatt eingerichtet, in der sie mit viel Liebe fürs Detail hantiert.

Arbeiten und Kunden
Beatrice Wetlis Kundschaft ist vielfältig: Leute, die ihre Diplom- oder Masterarbeit zu einem Buch gebunden haben wollen, Grafiker und Architekten, die Broschüren, Mappen oder spezielle Schachteln benötigen, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Auch Fotoalben werden bestellt, diese werden am Rücken mit zusätzlichen Fältchen gerillt, damit die eingeklebten Bilder dann im Album Platz haben und der Band nicht wie eine ausgezogene Handorgel aussieht. Ein Geschichtenschreiber lässt seine Bücher in einer Auflage von ca. achtzig Stück von ihr binden und gelegentlich bekommt sie auch Aufträge von Bibliotheken.
Der Bereich Kartonage gehört ebenfalls zu den Tätigkeiten der Buchbinderin. Bunte Schachteln und Boxen in vielen Varianten stapeln sich auf einem Regal, aus farbigem Karton oder mit Stoff bezogen, mit Abteilen oder leer, mit gewöhnlichen Deckeln oder Klappdeckeln, was man sich vorstellen kann.
Eine weitere, ganz wichtige Arbeit ist das Reparieren von Büchern. Auch wenn die Reparatur oft einiges teurer zu stehen kommt als eine Neuanschaffung, ist es vielen Menschen wichtig, das Unikat wieder geflickt in die Hand nehmen zu können. Das können Kinder-, Koch- oder irgendwelche Bücher sein, die einem ans Herz gewachsen sind. Diese Lieblingsstücke werden von Beatrice Wetli originalgetreu wieder hergestellt. Zerfledderte Bücher werden neu mit Faden geheftet oder frisch geklebt, wobei die Fadenheftung langlebiger ist als die geklebte Fassung. Gebrochene Buchdeckel oder defekte Schuber, also Schutzhüllen, flickt oder ersetzt die Buchbinderin gekonnt. Da gehört auch die Prägung des Buchtitels dazu. Blei- oder Messingbuchstaben werden dazu in den Prägnant eingespannt und auf 90 bis 120 Grad erwärmt. Damit wird die gewünschte Folie mit viel Druck auf den Buchdeckel geprägt.

Einrahmungen
An der einen Wand in der Werkstatt hängt die Familiengalerie Wetli. Die Fotografien präsentieren sich in einer guten Auswahl von diversen Einrahmungsmöglichkeiten, verschiedenfarbige Passepartouts, zum Teil mit vergoldeten schrägen Kanten.
Es gibt eine vielfältige Auswahl von Rahmen. Beatrice Wetli konzipiert die Einrahmung, bestellt dann aber Passepartout und Rahmen, weil sie sonst ein grosses Lager haben müsste und dazu ist kein Platz im Atelier. Das Glas schneidet sie selber zu und fügt dann alles zum Gesamtwerk zusammen.
Die Buchbinderin kommt aus dem Erzählen gar nicht heraus und bietet nun aber den Gästen ein Getränk an und fordert uns auf, vom Apérogebäck und den feinen Oliven zu nehmen, das sie alles auf der grossen und prominenten Handschneidemaschine angerichtet hat. Wir bedienen uns und die Gespräche nehmen ihren Lauf.

Christine Schmuki

Buchbinderei Beatrice Wetli, Froschaugasse 20, Tel. 044 251 66 86. Geöffnet Dienstag bis Freitag 9 bis 12 und 13.30 bis 18, Mittwoch und Freitag bis 18.30 Uhr.

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