Weltblatt für den
Kreis 1


Weltoffene Klosterfrau

Unsere Gastschreiberin Ingrid Grave hat in jungen Jahren eine Entscheidung getroffen, die sie von Norddeutschland nach Ilanz führte, von einem bürgerlichen Leben zum Leben in klösterlicher Gemeinschaft. Seit fünfzehn Jahren wohnt sie in der Altstadt.

Wie kommt man von Norddeutschland nach Graubünden? Und dies nur, um in ein Kloster einzutreten? Diese Fragen sind mir häufig gestellt worden. In Verbindung damit eine dritte: Und warum seit fast fünfzehn Jahren im Niederdorf, in der Altstadt wohnend?
Ganz am Anfang stand mein Lebensentscheid. Aus einer katholischen Familie stammend, hatte ich schon als Kind Dominikanerinnen und Dominikaner kennengelernt. In weissem Gewand mit schwarzem Mantel, so bewegten sie sich in der Öffentlichkeit als Schwestern und Brüder eines Ordens, der 1216 in Südfrankreich, in Toulouse, gegründet worden war. Der Gründer war ein Spanier namens Dominikus.
Obwohl mir auch andere Ordensgemeinschaften bekannt waren, fiel meine Wahl – es war wohl Intuition – auf diese weiss gekleideten Frauen, die zum Teil aus der Schweiz stammten. Von ihnen erfuhr ich, dass ihre «Sektion» des Ordens zum Mutterhaus in Ilanz, in Graubünden, gehörte. Ich entschied mich, für die Einführung in die Gemeinschaft, das Noviziat, dort hinzureisen, ohne zu ahnen, dass ich dort die meisten Jahre meines Lebens zubringen würde. Als Lehrerin oder als Mitglied in Leitungsgremien der Kloster­gemeinschaft.

Predigerorden
1994 erhielt ich eine Anfrage vom Schweizer Fernsehen als Moderatorin für die damals neue Sonntagssendung Sternstunde, die es bis heute noch gibt. Ich blieb dort während sechs Jahren und sprach noch zwei weitere Jahre das Wort zum Sonntag.
Es war diese Fernsehtätigkeit, die mich nach Zürich führte und schliesslich in die Altstadt in ein Haus am Rindermarkt. Besitzerin des Hauses ist die reformierte Kirchgemeinde zu Predigern. Bald zog eine zweite Schwester aus Ilanz mit ein. Wir hatten einen guten Draht zur Predigerkirche, war sie doch im Mittelalter von Dominikanern als Ordenskirche erbaut worden. Zur Zeit der Reformation, als die Ordensleute Zürich zu verlassen hatten, gingen die Gebäulichkeiten von Kloster und Kirche in den Besitz der reformierten Kirche über. Der Name «Predigerkirche» aber blieb. Sie erinnert in ihrem Namen an den Orden, der sie einst erbaute. Denn seine ursprüngliche Bezeichnung lautet Predigerorden, weil der Gründer Dominikus den Mitgliedern des Ordens in erster Linie das Predigen zur Aufgabe machte. An der Stelle des ehemaligen Predigerklosters steht heute die Zentralbibliothek.

Etwas für Frauen
Es war also die Fernsehtätigkeit, die mich nach Zürich verschlug. Sie dauerte insgesamt acht Jahre. Während dieser Zeit wurde mir Zürich etwas vertrauter, gerade auch die städtische Kirchengeschichte. Wie in sehr vielen Städten Europas, zum Teil aber auch in ländlichen Gegenden, gab es in Zürich die mittelalterliche Frauenbewegung der Beginen. Die Herkunft des Namens ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Diese Frauen schlossen sich in klosterähnlichen Gemeinschaften zusammen, legten aber keine Gelübde ab wie dies in den traditionellen Klöstern üblich war und ist. Ihren Lebensunterhalt hatten sich die Beginen selbst zu erarbeiteten.
Als ich das Haus am Rindermarkt bezog, tat ich es mit der Vorstellung, etwas für Frauen anzubieten, das sich am Modell der Beginen orientierte, nicht aber diese Lebensweise einfach kopierte. Über etliche Jahre ist uns dies zu dritt ein Stück weit gelungen. Regelmässig fanden sich einmal pro Woche weitere Frauen bei uns ein zu Gebet und Austausch. Wir hatten dafür mit einfachen Mitteln einen Raum entsprechend gestaltet, einen Gebets- und Meditationsraum. Es war uns von Anfang an klar, diese Zusammenkünfte im Rahmen der Oekumene zu planen und durchzuführen. Daneben engagierten wir uns ehrenamtlich in der Predigerkirche, hauptsächlich beim Mittagsgebet und in der Seelsorge an den Nachmittagen. Der Schwerpunkt unserer Präsenz in der Altstadt deckte sich mit dem der Predigerkirche.

Theater zum 800-Jahr-Jubiläum
Im vergangenen Jahr wurde der Dominikaner- oder Predigerorden 800 Jahre alt. Das war für uns Dominikanerinnen und Dominikaner in der Schweiz ein Anlass, durch ein Theater an unsere Ursprünge und unsere Geschichte zu erinnern. Gleichzeitig sollten in dem Stück Fragen an uns heute und an die Kirche gestellt werden. Im Zeichen der Oeku­mene gelang die Zusammenarbeit mit der Kirchgemeinde zu Predigern. Sie machte es möglich, dass das professionelle Bühnenstück «Kloster zu verschenken» nicht nur rund um die Klös­ter, sondern auch in der Predigerkirche zur Aufführung kam. Und dies mit einem grossen Erfolg. Das war für mich ein einzigartiges Erlebnis, hatte ich mich doch mit aller Kraft dafür eingesetzt, im Auftrag des Ordens ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Kräftig unterstützt wurde ich bei diesem Projekt, vor allem hier in Zürich, von der kleinen Dominikanergemeinschaft an der Hottingerstrasse (Mission catholique). – Das Haus zum Palmbaum am Rindermarkt, in dem ich immer noch wohne, befindet sich zurzeit im Umbruch. Unsere kleine Gemeinschaft hat sich – zum Teil aus Altersgründen – aufgelöst. In engem Austausch und steter Verbindung mit meinem Kloster engagiere ich mich, das kleine bescheidene Projekt in ein nachfolgendes zu überführen. Noch sind die Ansätze zu klein und die Ideen zum Teil erst im Keim vorhanden, um ausführlicher darüber zu sprechen.
Meine Vision ist es, dass hier Menschen verschiedenster Herkunft Austausch finden, Gemeinschaft erleben und erproben dürfen; dass ein Ort spiritueller Suche im 21. Jahrhundert entsteht, wo nicht nach Konfession und Religions­zugehörigkeit gefragt wird. Und doch soll klar sein, dass hier auf christlicher Basis gelebt, gearbeitet, gebetet und meditiert wird. Ein offenes Haus.

Ingrid Grave

Unsere Gastschreiberin
Ingrid Grave (1937) ist in Südoldenburg in Norddeutschland aufgewachsen. Mit 23 ist sie eingetreten bei den Dominikanerinnen vom Kloster Ilanz. Sie machte das Bündner Lehrerpatent in Chur, unterrichtete drei Jahre, bevor sie mit 33 für drei Jahre Haus­oberin wurde. Danach Sekundarleh­rerausbildung an der Uni Zürich, Lehrerin in Chur und Ilanz. 1982 Wahl in die oberste Leitung der Gemeinschaft, zur Generalträtin. Sechs Jahre war sie zuständig für Übersee und oft unterwegs (Brasilien, Taiwan). 1994 bis 2000 Moderatorin der Sendung «Sternstunde» des Schweizer Fernsehens, danach zwei Jahre «Wort zum Sonntag».
Seit 1994 immer mehr in Zürich engagiert, seit 2002 lebt sie am Rindermarkt 14. Sie war ehrenamtlich tätig für die Predigergemeinde.

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