Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Von der ETH zum Entrecôte

Fast sechzig Jahre lang wurden im Haus an der Zinnengasse 7 chinesische Gerichte serviert. Seit letztem Oktober wird im klug umgebauten Lokal die lateinamerikanische Küche gepflegt. Und an der Zinnengasse 4 soll ein Weinlokal folgen.

Physik und Chemie sind bei jedem Gericht beteiligt, wenn es ums Kochen geht. Der neue Wirt im «Hellberg» hat in Zürich Physik studiert und Mathematik ebenso: Alexander Hellberg. Er ist ein junger Mann mit breitem Lächeln und Hipster-Dutt.
In seinem Blog schreibt er: «Nach sieben Jahren Reisen und Ausbildung habe ich mit meiner Familie den Anker nahe der Limmat ausgeworfen, an der Zinnengasse.»
Die unscheinbare Zinnengasse zwischen Wühre und Storchengasse gilt als intakt, was die Anordnung der Häuser und ihr Volumen angeht. Mit Ausnahme der Gebäude zur Limmat hin waren im letzten Jahrhundert alle abgerissen worden. Auch vom Haus Nummer 7, dem Zuhause des «Hell-berg», sind bloss die Kellerwände übriggeblieben. 1959 brachen die Vorbesitzer das Haus ab. Ins Erdgeschoss setzten sie ein Restaurant – den «Gelben Schnabel».

Schweizer Designklassiker
Letzten Herbst kernten die Zürcher Architekten Wülser Bechtel den Raum aus und legten drei Betonstützen frei. Die Stelen inspirierten sie offenbar zu einer Raumgestaltung, die unter anderem im Parkett ihre Fortsetzung findet. Hinein setzten sie Schweizer Designklassiker von Horgenglarus wie den schwarzen Moser-Stuhl.
Werner Max Moser hat an der ETH Zürich studiert wie Alexander Hellberg und mein Gast, Dimitry Demin. Beim Grünen Veltliner (Fr. 9.– der Dezi) sagte Dimitry: «Die mannshohen Fenster, die man wegklappen kann, sind etwas Anspruchsvolles. Spezielle Stahlfenster.» Wir sassen an einem Tisch auf der Gasse. «Und das Haus gegenüber, was wir anschauen, wurde wohl in den 1930er-Jahren umgebaut. Es liesse sich mit wenigen Eingriffen verbessern.»

Köstlichkeiten
Dimitry hat eine neue Theorie der Zeit entworfen und liest Fassaden und Häuser und Algorithmen wie andere Leute die Zeitung. «Beim Umbau wurde nicht gespart», sagte er, als wir die spannende «Tabla prehispanica» (Fr. 48.– für zwei) probierten. Sie besteht aus mehreren Häppchen mit Fleisch und Gemüse und unter anderem einer köstlichen Sauce, die Ungeübten die Tränen in die Augen treibt.
Obschon es Fisch aus Island und andere Köstlichkeiten aus dem Meer gab, bestellten wir Fleisch – Dimitry das Entrecôte mit hausgemachter Chimichurri (Fr. 49.–), ich das Rindsfilet mit Foie gras (Fr. 62.–). Beide waren mit der Wahl glücklich. Dimitry hatte auf Rat von Alexander Hellberg zu einem (spanischen) Temparillo Azaya (Fr. 7.50 der Dezi) gewechselt und war sowohl mit dem Wein wie mit den Gerichten zufrieden: «S isch guet gsi.»

Eine neue Wein-Bar
Zum Dessert kosteten wir eine frische Mousse au chocolat (Fr. 10.50). Sie schmeckte «bravissimo» (Dimitry). Alexander Hellberg erzählte, im Herbst würde er an der Zinnengasse 4 eine neue Wein-Bar eröffnen, unter anderem mit Weinen aus Südamerika, die der Cousin seines Vaters herstelle. An welchem Datum, sei unklar. Die Eröffnung der Bar sei abhängig vom Lieferungstermin der Möbel, auch sie werden von Horgenglarus gefertigt. – Als wir uns zurücklehnten und über die Geschichte der Zinnengasse und die Zukunft der Welt und über unser Leben sprachen, sagte Dimitry, der daran ist, in der Schweiz ein Start-up im Bauwesen zu gründen (was schwierig genug ist), unvermittelt und irgendwie fassungslos: «Alexander hat an der ETH Physik und Mathe studiert. Und nun hat er ein Restaurant eröffnet.» Worauf wir einen Schnaps bestellten.

René Ammann*

Restaurant «Hellberg», Zinnengasse 7, 8001 Zürich,
Tel. 044 221 94 70, www.hellbergs.ch. Täglich geöffnet von 11 bis 24 Uhr.


*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit dem Architekten Dimitry Demin, der eine eigene Theorie der Zeit entwickelt hat. Er ist in der russischen Stadt Rostow am Don aufgewachsen und lebt in Zürich und Berlin.

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