Weltblatt für den
Kreis 1


Erinnerungen an Urban Gwerder (1944–2017)

Der nicht leicht zu fassende, kürzlich verstorbene Urban Gwerder lebte viele Jahre in der Altstadt. Ein langjähriger Freund (ebenfalls Altstadtbewohner) erinnert sich.

Vor einigen Wochen war in den beiden Zürcher Grosszeitungen – die er als junger Dichter genüsslich als «Teigzungen» bezeichnete – zu lesen, Urban Gwerder, poetisches Wunderkind und späterer Pionier, Förderer und Vollstrecker der frühen Schweizer Gegenkultur, sei am 4. Juli gestorben.
In meinen Augen ist das eine Falschmeldung, zumindest wenn ich sie schliesse. Dann sitzt Urban nämlich noch immer Abend für Abend mit übergeschlagenen Beinen, einer Zigarette zwischen den Fingern und einem Glas Rotwein vor sich mutterseelenallein an seinem runden Tischchen vor der «Züri Bar» und lässt von niemandem erkannt den nicht enden wollenden Strom der Agglo-Zürcher an sich vorüberziehen.

Texter gesucht…
Und so habe ich anno 1964 Urban Gwerder kennengelernt: Als Absolvent der Fotoklasse an der damaligen «Kunsti», als Kunst noch ein Gewerbe war, suchte ich für meine surreal-dadaistisch angehauchte Fotoarbeit einen kongenialen Texter. Auf Empfehlung eines intimen Kenners der Zürcher Dichterszene suchte ich jenen jugendlichen Dichter auf, der bereits mit 16 im Arche-Verlag seinen Gedichtband «Oase der Bitternis» veröffentlicht hatte. Ich fand ihn am Stadtrand von Zürich, wo Urban mit seiner Frau Tina und ihrem dreijährigen Sohn Wanja in einem Abbruchobjekt hauste. Kurz davor hatte er noch das Lehrerseminar besucht, aus welchem er mit Schimpf und Schande hinausgeworfen wurde, weil er, der in jeder Hinsicht frühreife Poet, mit noch nicht ganz 18 Lebensjahren schon Vater geworden war. Seiner Existenzgrundlage beraubt, musste er notgedrungen erfinderisch werden und kreierte die «POËTENZ – eine ARISTOKRA-URBANESKE SHOW», mit der er mit seinem Familientross quer durch die Schweiz und Deutschland von einem Kellertheater zum andern tingelte. Als Untertitel war noch zu lesen: «The poet himself – Comte Ivan Merdreff Urban Gwerder – liest Gedichte und Tilt-Songs.» Alles in allem eine skurrile Mischung aus Dichterlesung mit musikalischer Live-Begleitung, Kunstausstellung und Dada-Filmabend.

Film gemacht
Statt für mich zu texten, fand er es gescheiter, wenn ich ein filmisches Gedicht zu seiner «Poetenz» beitragen würde. So hatte ich keine andere Wahl. Und weil auf dem Küchentisch gerade eine blau-gelb gestreifte Packung für Kaffee-Ersatz herumstand, erklärte Urban diesen für ihn indianisch klingenden Namen «Chicorée» schon mal zum künftigen Filmtitel. Da aber die nächste «Poetenz» bereits in drei Wochen über die Bühne ging, mussten wir den surreal-dadaistisch angehauchten Film an nur zwei Wochenenden drehen. Knapp zwei Stunden vor der Welturaufführung
in einem St. Galler Kellertheater war der Film vorführfertig zusammengeklebt. «Chicorée» wurde für Insider zum Kultfilm. Und seither sind wir lebenslänglich Freunde mit sich überschneidenden und divergierenden Lebenswegen geblieben.
Nachdem Urban in Personalunion als Chefredaktor, Schreiber, Schriftsetzer und Verleger seiner Underground-Zeitung «Hotcha» die Ausgabe Nr. 60 eigenhändig hinter sich geschrieben und geheftet hatte, fügte er dieser noch ein Sonderangebot für seine treuen Leser an, nämlich ein lebenslängliches Abonnement für nur 100 Franken. Nachdem davon üppig Gebrauch gemacht worden war, erklärte er in der Nr. 61, dies sei nun definitiv die letzte Ausgabe!

In die Berge entschwunden
Dann entschwand Urban mitsamt seiner Familie aus dem Zürcher Exil und liess sich in den Bergen nieder. Nicht als Dichter, sondern als Bauer. Zuerst übernahm er zuhinterst im Rosegtal eine Rinderalp mit weit über hundert Tieren. Dann absolvierte er im bündnerischen Plantahof eine Ausbildung als Landwirt und pachtete im Prättigau einen Bauernhof, inklusive der ganzen Menagerie ortsüblicher Nutztiere, denen er in dichterischer Freiheit ortsunübliche Namen gab: die zwei Säuli hiessen «Furgler» und «Gnägi» und die drei Geissen «Capri-au-lait», «Chèvre-au-lait» und «Beaujo-lait». – Letztere war ihm die liebste.
Als ich 1983/84 einen Dokumentarfilm über Bergbauern plante, wurde Urban zu meinem Fachberater in Sachen Berglandwirtschaft. Aber auch sonst schrieb er regelmässig im Organ des Vereins für Schweizerische Alpwirtschaft «Die Blaue» blitzgescheite Artikel zu allerlei berglandwirtschaftlichen Themen. Aber trotz seines Rückzugs in die Berge pflegte Urban als barocker Briefschreiber weiterhin enge Kontakte zu seinen Freunden, zu denen nebst Frank Zappa, Allen Ginsberg, Sergius Golowin und Bolo’bolo noch ein weiteres Dutzend Seelenverwandte gehörten.

Stets sich selber treu
Urban lebte – stets sich selber treu und radikal konsequent – in seinem selbst erschaffenen Universum. Sozusagen als sein eigener Chronist hat er in einem wundersamen und reich bebilderten Almanach mit dem Titel «Im Zeichen des magischen Affen» seine Sicht der Dinge in Form einer «Chronik der Ereignisse» für die Nachwelt festgehalten.
Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser des Altstadt Kuriers, noch etwas über die andere Hälfte der halben Wahrheit von Urbans langem und reichen Leben als Unikat und Dörflibewohner erfahren möchten, probieren Sie’s doch mal auf Wikipedia.
Oder noch besser: besuchen Sie Urban doch selber mal mit geschlossenen Augen vor der «Züri Bar». Vielleicht erzählt er Ihnen sogar Klammheimliches über Sie. Aber wie ich ihn kenne, verbirgt er es lieber hinter seinem vornehmen Monalisalächeln.

Fredi M. Murer

PS: Als in den frühen 1960er-Jahren wir jungen Männer mit einem Rekrutenschnitt daherkamen, trug Urban schulterlanges Haar; nach 1968 war es dann umgekehrt.


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