Weltblatt für den
Kreis 1


Stadtwanderer
Der Strandzwang

Der Stadtwanderer fragt sich, wo des Menschen obsessio littoris eigentlich herrührt.

Lieber Strandläufer,

Oh grosser Trivialphilosoph, wie tief waren deine Worte zum Unterschied von Gasse und Strand! Wie wenig Erfreuliches du doch in der Stadt entdecken konntest und wie sehr du dich nach dem binnenländischen Meeresufer sehnst, wie es in Paris und in Berlin zu erleben ist, doch in Zürich so schmerzlich fehlt.
Beantworte mir, du Fachmann für Strandfragen, doch bitte eine Frage: Woher kommt der Strandzwang? Zwei Wochen führten mich gruppendynamische Gründe in die Bretagne. Das Meer ist glasklar, doch nur 17 Grad Celsius (höchstens!), eine Temperatur, die alten Männern das Schwimmen verleidet. Trotzdem steigen alle heldenhaft ins Meer und erklären lauthals, wie herrlich das sei. Es ist ein Psychogesetz: Kaum sieht der Mensch das Meer, packt ihn der Strandzwang (obsessio littoris). – Das Krankheitsbild: Der Strandzwang gliedert sich in mehrere Unterzwänge. Die wichtigsten sind folgende: Streifenzwang. Die Welt reduziert sich auf hundert Meter. Fünfzig Meter Sand und fünfzig Meter Meer sind alles, was zählt. Der Rest der Welt wird unterdrückt und hat keine Wahrheit. Der Streifen ist das gelobte Land. Dorthin zu kommen ist jedes Opfer wert. – Richtungszwang. Die Orientierungsfähigkeit nimmt rapide ab und verengt sich. Hat auf dem festen Land der Mensch einen Rundblick, so reduziert sich der am Strand auf nur zwei Richtungen: vorne, wo das Meer ist und hinten, wo das Land langweilt.
Liegezwang. Ist auf dem Festland der aufrechte Gang die Regel, so sinkt der Patient am Strand in den Sand und liegt. Das Liegen ist die verbreitetste Fortbewegungsart, darum kommen die Leute auch nicht weiter und bleiben tagelang untätig.
Badezwang. Nur wer badet, ist gerechtfertigt. Darum ist baden auch obligatorisch. Es ist ein Ritual, dem niemand sich entziehen darf. Strand ohne Baden ist kein Sein. Wohlverstanden, baden, nicht schwimmen. Schwimmer, Leute also, die im Wasser sich zielgerichtet fortbewegen, gibt es am Strand keine. Das Nässen herrscht. Wassertreten genügt.
Grabzwang. Ihm sind vor allem die Kinder und die beaufsichtigenden Väter unterworfen. Der Sand wird mit Kunststoffwerkzeugen aufgewühlt und zu Hügeln geschichtet, die euphemistisch Burgen genannt werden.
Bräunungszwang. Der Beweis für das Liegen muss auf der Haut nach Hause getragen werden.
Ich war an einem Familienstrand und konnte daher drei weitere Unterzwänge nicht beobachten: Trinkzwang. Der Strand enthemmt, was zuerst zu Alkoholkonsum führt und anschliessend in den Sexualzwang überleitet. Am Strand ist Aufrissarbeit Pflicht. Unterhaltungszwang. Zwar ist der Tagesablauf eintönig und die Tätigkeiten sind fade, trotzdem ist jedermann verpflichtet, sich bestens zu unterhalten. Niemand, der vom Strand zurückkehrt, erzählt, dort sei es stinklangweilig gewesen. Der Strandzwang setzt sich im Alltagsleben fort. – Das, lieber Strandläufer, sind die sichtbaren Anzeichen des Strandzwangs. Was aber sind die Gründe? Ich bin überzeugt, dass du das Rätsel lösen kannst. Mit Wissensdurst wartet auf deine Antwort:
Der Stadtwanderer.


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